Ein wichtiger Anruf

Sonntag, 24. März 2013

Symbolfoto: sxc.hu

1976 schrieb ein amerikanischer Humorist ein Buch über einen anderen amerikanischen Humoristen, der ebenfalls ein Buch schrieb. Aber da gab es noch eine ganze Reihe von anderen Gemeinsamkeiten zwischen dem wirklichen und dem von ihm erfundenen Humoristen: Beide lebten in der Zeit, in der sie die erwähnten Bücher schrieben, in Japan, waren restlos unglücklich verliebt in eine sehr hübsche Japanerin und versuchten hartnäckig, ihren seelischen Absturz in Brandy zu ertränken. Was ihnen aber nicht gelang.
Im Buch des wirklichen amerikanischen Humoristen kam auch noch ein Sombrero vor, der irgendwo in Amerika einfach vom Himmel fiel und dadurch eine nationale Katastrophe auslöste.

Der amerikanische Humorist hieß Richard Brautigan, der fiktive Humorist aus seinem Buch hatte jedoch keinen Namen. Das Buch war ein kleiner Roman und es hieß „Sombrero vom Himmel. Ein japanischer Roman“.

Ich heiße Jan Cornelius und bin keine fiktive Gestalt. Ich lebte 1976 in Rumänien, wo mir durch einen glücklichen Zufall dieses amerikanische Buch in die Hände fiel. Die skurrile, absurde Art des amerikanischen Humoristen, über wichtige Dinge zu schreiben, gefiel mir so gut, dass ich sehr gerne viel mehr von ihm gelesen hätte. Was mir aber nicht gelang. Die damalige rumänische Regierung hielt Geschichten von amerikanischen Humoristen, die in Japan viel zu viel Brandy trinken und ihre Zeit damit verbringen, über Liebe, Unglück und Sombreros, die vom Himmel fallen, zu schreiben, für sehr gefährlich. Sie lenkten, ihrer Ansicht nach, vom dauerhaften Glückszustand des real existierenden Sozialismus ab und waren aus diesem Grunde verboten.
Da mir so viel Glück auf die Dauer jedoch unheimlich lästig wurde, kehrte ich Rumänien den Rücken und auf abenteuerlichem Wege landete ich schließlich in Düsseldorf. Das war 1977.

Ein Freund aus meiner Heimat hatte mir vor meiner Ausreise erzählt, dass es in München einen  Schriftsteller gäbe, der sämtliche Werke Richard Brautigans ins Deutsche übersetzt habe. Er hieß Günter Ohnemus, und ich musste ihn unbedingt sprechen. Ich erfuhr seine Rufnummer aus einem Telefonbuch und rief ihn an und zwar aus einer öffentlichen Telefonzelle, da ich zur damaligen Zeit weder über ein eigenes Telefon, noch über ein eigenes Zimmer verfügte. Vom Handy ganz zu schweigen, es befand sich damals noch in der lichtjahrelangen Warteschleife der Dinge, die eines Tages noch erfunden werden wollten.

Günter Ohnemus war von meinem Anruf ganz schön überrascht. Er hätte nie gedacht, dass ihn eines Tages jemand, der kürzlich aus Rumänien geflohen war, plötzlich anrufen würde. Aber das war wirklich so.

Jetzt telefonierten wir also miteinander. Das war mein erstes Telefongespräch in der neuen Heimat, und ich musste mich dabei unheimlich kurz fassen, denn ich hatte zwar beschlossen, meine sämtlichen Finanzen in dieses Gespräch zu investieren, aber die bestanden lediglich aus ein paar Groschen. Das gesamte Gespräch dauerte also nicht länger als zwei, drei Minuten, aber wir sprachen währenddessen unter anderem über Rumänien, Deutschland, Sombreros, Humor und amerikanische Schriftsteller, und als mir der letzte Groschen ausging, waren wir uns ganz schön vertraut. Wir waren schon fast befreundet, wenn man es genau nimmt. Goethe hätte in diesem Fall von einer Wahlverwandtschaft gesprochen, aber er war ja bei dieser Zeitrafferfreundschaftsentwicklung nicht dabei.

Und wie sieht es heute nach 36 Jahren mit uns aus? Günter Ohnemus und ich telefonieren immer noch miteinander. Beim letzten Gespräch sagte ich zu ihm: „Ich bin gerade dabei, meine Vergangenheit aufzuarbeiten.“
„Was?! Schreibst du jetzt etwa deine Memoiren?!“, erschrak er.

„Nein“, sagte ich. „Ich bin ja nicht Kanzler geworden. Ich möchte nur ein bisschen etwas erzählen. Ein paar kleine Dinge. Mal dies, mal jenes, über wie es mal war oder nicht war, und wie es heute ist oder nicht mehr ist oder eines Tages noch werden könnte. Oder so ähnlich. Und als erstes möchte ich jetzt mal aufschreiben, wie das lief, als ich nach Deutschland kam, und wir zum ersten Mal miteinander telefonierten.“

„Hi hi!“, lachte er. „Tu das!”
Ich habe es hiermit getan.

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