Einblick in das „Institut für poetische Alltagsverbesserung“

ADZ-Gespräch mit der österreichischen Autorin Lisa Spalt

Mittwoch, 04. Juli 2018

Anfang Juni fand der 11. Internationale Kongress der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens in Großwardein/Oradea statt. Aus diesem Anlass las die österreichische Schriftstellerin Lisa Spalt auf Einladung des Österreichischen Kulturforums Bukarest in der Buchhandlung „Ratio et Revelatio“. Die Lesung wurde von Prof. Dr. Mariana Lăzărescu (Universität Bukarest) moderiert, die bei der Gelegenheit mit der Autorin ein Gespräch für die ADZ führte.


Frau Spalt, Sie sind in Hohenems (Vorarlberg) geboren und leben in Linz. Zu den Sehenswürdigkeiten gehört der Palast Ho-henems. Für Literaturinteressierte ist Hohenems besonders dafür wichtig, dass im 18. Jahrhundert zwei der drei bedeutendsten Handschriften des Nibelungenliedes in der Schlossbibliothek gefunden wurden. War das für Sie ein Anstoß, Germanistik zu studieren?

Das Nibelungenlied habe ich erst im Zuge meines Germanistikstudiums wirklich kennengelernt. Ich wusste während meiner Schulzeit gar nicht, dass diese wichtigen Handschriften in meiner „Nachbarschaft“ gefunden worden waren. Aber Hohenems war wichtig für mich, weil ich als Kind bei der „Schubertiade“ im Anschluss an Konzerte oft Blumen überreicht habe. Bei einem Orchesterkonzert glaubte ich dann zu sehen, dass das Holz des Geigenbogens über den Saiten, das Haar aber darunter durchlief. Ich wollte unbedingt wissen, wie man so Töne produzieren kann, und begann, Geige zu spielen, bald darauf auch in einem Orchester. Mit diesem reisten wir viel, und ich begann, mich für Sprachen zu interessieren. Gelesen habe ich sowieso, seit ich vier Jahre alt war, ununterbrochen. Ich war ein seltsames Kind, habe zum Beispiel die lateinischen Passagen in „Name der Rose“ ins Deutsche zu übersetzen versucht. Und ich habe während der Volksschulzeit auf meinem Schulweg im Gehen gelesen. Zu schreiben habe ich begonnen, weil ich von Michael Endes Buch „Unendliche Geschichte“ enttäuscht war: Entgegen der Versprechung des Titels hatte das Buch ein Ende! Mein erster literarischer Text bestand dann auch wirklich aus Sätzen, die man immer wieder neu kombinieren konnte. Der Text war also fast unendlich.

In der Anthologie SchreibART AUSTRIA, erschienen 2016, stehen Leseproben aus einigen Ihrer Bücher. Zu Ihren Auszeichnungen zählen u. a. der Heimrad-Bäcker-Förderpreis 2008, der 3. Preis beim Literaturwettbewerb „Floriana“ 2008, Projektstipendien des Bundes und Stipendien der Literar Mechana u.a. Was bedeutet das für Sie als Schriftstellerin?

Es wird oft gesagt, dass Preise und Stipendien nicht wirklich etwas bedeuten. Diese Meinung teile ich gar nicht. Sie sind zum einen oft mit einer Geldzuwendung verbunden, die ganz einfach Zeit zum Schreiben bedeutet. Ich unterrichte ja auch, und so gerne ich das oft mache, muss ich mir die Zeit zum Schreiben doch oft sehr erkämpfen. Ich bin daher sehr dankbar für die Möglichkeit, immer wieder für eine gewisse Zeit von einem Preis oder einem Stipendium leben zu können. Stipendien und Preise bringen aber auch Aufmerksamkeit. Nun schreibe ich zuerst einmal, weil ich für mich gewisse Fragen zu klären habe. Aber vollendet wird für mich ein Buch durch die Lesenden. Daher würde mir das Schreiben für die Schublade zwar auch Freude machen, aber mehr Freude macht mir dieses gemeinsame Herstellen von Text.

In der genannten Anthologie SchreibART werden Sie als eine experimentelle Autorin vorgestellt, die auch mit Musikern und bildenden Künstlern zusammenarbeitet. Erwähnenswert sind die Gemeinschaftsproduktionen, u. a. mit Otto Saxinger (Fotografie, Film), Georg Bernsteiner (Zeichnung), Musikerinnen und Musiker von „Pendler“ bis „Otto von Schirach“. Mit dem Komponisten Clemens Gadenstätter haben Sie viele Texte verfasst. Wie kam es zu dieser langjährigen Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit begann im Jahr 1997, eigentlich in dem Moment, in dem ich ernsthaft zu schreiben begonnen habe. Wir arbeiteten damals an „ballade 1“, wohnten zusammen den Sommer über in den Bergen, gingen mit dem Rucksack ins Dorf einkaufen und stritten während dieser Wanderungen, wobei wir gleichzeitig Pilze sammelten, aufs Erbittertste, weil keiner von uns den anderen in seinen Bereich hineinwirken lassen wollte. Außerdem haben wir uns verbal nicht verstanden. Musik kann mit abstrakten Strukturen arbeiten, Wörter müssen sprechen, in der einen oder anderen Weise. Es war schwierig, gemeinsame Strukturen zu finden. Wir haben dann entdeckt, dass wir besser über Bilder bzw. Metaphern kommunizieren. Schwierig ist auch die unterschiedliche Zeitlichkeit von Musik und Sprache. Die Zeitlichkeit von Sprache ist sehr relativ, wenn man keine musikalischen Zwänge einbaut. Damit muss man umgehen lernen. Inzwischen haben wir ein gemeinsames Vokabular gefunden. Und auch wenn wir nun in verschiedenen Städten wohnen, funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Im Moment schreiben wir an einem Stück über Nero, das sich mit Machtstrukturen beschäftigt. Geplant ist außerdem ein Stück über einen schizophrenen Künstler, der unter den Nationalsozialisten in die Psychiatrie kam, dem Tötungsprogramm entrann, aber aufgrund verschiedener Umstände nie mehr aus der Anstalt herauskam. Er bemalte seine Zellenwände und schuf so Bilder, die gleichzeitig eine Barriere nach außen, aber auch so etwas wie Fenster bilden.

Sie veröffentlichen hauptsächlich im Bereich der experimentellen Literatur. Ihre Abschlussarbeit nach dem Studium der Philologie war über Konrad Bayer. Man denkt sofort an die Wiener Gruppe, vor allem an H. C. Artmann. Bekannt-lich haben die Schriften der Wiener Gruppe ihren Ursprung in der Barockdichtung, sind aber auch vom Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus stark geprägt. Bedeutende Impulse erhielt die Wiener Gruppe von Vertretern der Sprachskepsis, Sprachkritik und Sprachphilosophie. Sehen Sie sich als Teil dieser sehr österreichischen literarischen Traditionslinie?

Mich interessiert vor allem das Spielerische, das besonders bei Artmann wichtig ist. Für mich ist das Fingieren etwas, das überlebensnotwendig ist und erforscht, erprobt werden muss. Wenn ich das Hinterteil eines Tigers sehe, muss ich überlegen, dass da auch der Rest im Busch steckt, ich muss mir eine Geschichte zur Situation zusammenreimen, ich muss diese lesen. Was lebensnotwendig ist, bereitet aber immer auch Lust. Daher haben meiner Meinung nach die Menschen Lust an Fiktionen, und wenn es in unserer durchrationalisierten Welt zu wenig Auseinandersetzung mit dem Fingieren und zu wenige Geschichten gibt, begeistern sie sich für Verschwörungstheorien. Wenn nun die Pataphysiker sagen, dass alle Geschichten gleichwertig sind, kann ich nicht zustimmen. Manche Geschichten, die ich mir von der Welt mache, verursachen ganz einfach mehr Schmerz und Leid als andere, da ist für mich die Grenze. Es ist nicht egal, welche Aussagen wir tätigen und welche Bedeutung wir Dingen geben, wir müssen diese Bedeutungen aushandeln, auch wenn die Ergebnisse immer wieder verworfen werden müssen und unzureichend sind. Poesie erprobt für mich die Weisen des Feststellens und Fingierens auf allen Ebenen der Sprache. Das ist ein Spiel, aber es ist ernst.

Ihr Buch „Grimms“ ist 2007 im Klagenfurter Ritter-Verlag erschienen. Aber „Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand“ (2010), „Dings“ (2012), „Ameisendelirium“ (2015) und „Die zwei Henriettas. Eine Odyssee“ (2017) sind alle im Wiener Czernin-Verlag erschienen. Ist das selbstverständlich für die österreichische Verlagslandschaft? Ich bin nämlich auf einen Artikel in der „lyrikzeitung“ gestoßen, in dem es heißt: „So legitim also ein experimenteller Ansatz auch ist, wirtschaftlich gesehen erscheint er kaum mehr lukrativ. Publikumsverlage könnten sich eine solche Leidenschaft nicht leisten, nur zu schnell stünden sie vor dem Aus. Anders aber ist die Situation in Österreich, wo selbst zu Haiders Zeiten noch eine beispiellose Verlagsförderung von Seiten der Regierung betrieben wurde (https://lyrikzeitung.com/2012/03/27/117-experimentelle-literatur-in-osterreich/). Welches ist Ihre Meinung dazu?

Dass es in Österreich diese Bereitschaft gibt, reflexive Literatur zu fördern, ist toll, umso mehr, als sich die Politik damit nicht immer und überall Freunde macht. Da gibt es doch ein einigermaßen standfestes Bekenntnis zu einer reflexiven Tradition. Wenn ich sehe, wie sich die Welt entwickelt, meine ich, dass es sehr notwendig ist, die Sprache, in der wir sie ja hauptsächlich konstruieren, also das Erzeugen von Zusammenhängen mit Sprache, in den Mittelpunkt der eigenen Arbeit zu stellen. Aufgrund der Förderungen in Österreich können wir als Schreibende den Lesenden in dieser Hinsicht das Angebot einer besonderen Erfahrung machen. Dass das kein Massenprogramm ist, ist klar. Aber andererseits merke ich beim Unterrichten doch, dass es durchaus möglich wäre, junge Menschen von der Auseinandersetzung mit Sprache zu begeistern. Ich meine zu sehen, dass sie das verändert. Ich bin daher besorgt, wenn der Literatur im Unterricht zu wenig Bedeutung beigemessen wird.

Sie werden heute aus einem noch ungedruckten Manuskript lesen. Es gehört zu einem größeren Projekt, das sich „Institut für poetische Alltagsverbesserung“ nennt. Das Buch wird unter dem Titel „Das Institut“ im nächsten Frühjahr erscheinen. Zu dem Projekt gibt es Texte auf Esspapier (bedruckte Oblaten), sogenannte „Schluckbildchen“, wie Sie sie bezeichnen. Außerdem gibt es Objekte, die Sie aus Müll gemacht haben und Sondereditionen von „Traumverbesserungen“. Wollen Sie mit dem „Institut“ die Welt nur verbessern oder belehren oder retten?

Das Institut für poetische Alltagsverbesserung nimmt den Anspruch, dass Kunst zur Verschönerung des Lebens da sei, ein bisschen auf die Schippe – überhaupt den Gedanken, dass Kunst für etwas gut sein muss, eine bestimmte Funktion haben muss. Ich meine zwar, dass sie viele, sehr wichtige Funktionen hat, aber dennoch muss ich mit Jandl sagen: Zum Haarekämmen eignen sich meine Texte nicht. Es flackern jedoch da und dort wieder diese Diskussionen auf: darüber, wer nützlich ist, wen wir nicht „brauchen“, wer eine Last für die Gesellschaft ist. Dieses allumfassende utilitaristische Denken kann, wie wir wissen, furchtbare Folgen haben. Daher beschäftige ich mich spielerisch mit der Idee des Nutzens, der Funktion, der Wichtigkeit. In dieser Hinsicht spielt das Institut auch mit der Idee der „Erbauungsliteratur“ oder der Idee, dass Kunst „erheben“ soll. Hier sind wir außerdem bei den Hierarchien, dem Wunsch, den wir von den Hühnern haben: auf der Leiter weiter oben zu gackern als andere, „Heilige“ oder besonders Würdige zu sein, den besten „Auftritt“ zu haben, was bedeutet, eine komplett virtuelle Version von uns ins Leben zu zwängen. Hier werden die Menschen extrem kreativ und implementieren dann quasi ein Kunstwerk in ihren Alltag. Oder Politiker erschaffen „alternative Fakten“, und dann erleben wir, was das Thomas-Theorem heißt: Die Wirkungen erfundener Fakten sind gerade so, als wären es Fakten, auf die man sich halbwegs rational einigen kann. Das Institut für poetische Alltagsverbesserung verlangt mit Nachdruck, dass das Fingieren in die Hände der Profis, also der Poetinnen, zurückgegeben wird. Profis können dabei alle die sein, die das Fingieren (auch unabsichtlich) untersuchen, es aber nicht benutzen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen.

Frau Spalt, in Ihrem „Institut“, das mehr oder weniger die öffentliche Seite der Ich-Erzählerin ist, geht es um die allgegenwärtige Krankheit der Repräsentation. Ist es tatsächlich ein Institut oder Ihr Traum, der zu unserer Wirklichkeit werden sollte?

Ursprünglich wollte ich eine fiktive Universität so lange behaupten, bis sie ein Öffentlichkeitsrecht bekommt, um dann an dieser Forschungszweige zum Thema Fingieren einzurichten. Aber Universitäten kann nicht jeder/jede gründen. Institute sind dagegen – zumindest in Österreich – sehr formbare Gebilde. Es gibt in Österreich nicht nur Forschungsinstitute, sondern auch Beerdigungsinstitute, kosmetische Institute und Ähnliches, wie jemand aus dem Publikum bemerkte. Ich würde ja sagen, dass das IPA ein „Ästhetisches Institut“ ist. Das ist so eine ironisch-österreichische Bezeichnung. Aber natürlich meine ich das Institut sehr ernst: Ich sehe diese Einrichtung als das Angebot eines Raumes, in dem zu bewegen ich Sie einlade. Darin stehen bestimmte Erscheinungen zur Disposition, die mit Sprache zu tun haben: das Repräsentieren, Hierarchien, das Fingieren zu Machtzwecken … Berührt wird auch die Frage, ob die Grenze zwischen Kunst und Leben wirklich aufgehoben werden sollte. Ich möchte unbedingt, dass meine Texte sich mit dem Leben beschäftigen, dass sie die Rolle der Sprache im heutigen Leben auf die Probe stellen. In dieser Hinsicht würde ich mir auch wünschen, dass die Lesenden mit den angebotenen Gedanken zumindest „spielen“, wenn ich die Redewendung hier etwas schweben lassen darf.

Danke für das Gespräch.

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