Eine Alternative zum traditionellen Unterricht

Die Waldorf-Schule in Bukarest: Freude am Lernen ist wesentlich

Dienstag, 28. August 2012

Geta Constantinescu und Geo Aur haben sich die Lehre von Rudolf Steiner angeeignet.

Im Gebäude des ehemaligen Kindergartens der evangelischen Kirchengemeinde Bukarest ist heute ein Waldorf-Kindergarten untergebracht.
Fotos: Aida Ivan

Bukarest. Piaţa Chişinău. Der überfüllte Platz ist belebt von Menschen, die das Konzept von „Stillstand“ nicht kennengelernt zu haben scheinen: Kaufen oder verkaufen, zur Arbeit gehen, ihre Kinder irgendwohin bringen oder abholen, alle beeilen sich und haben eine beschäftigte Miene. Ohne große Mühe finde ich die Waldorf-Schule Bukarest: Sie liegt genau hinter dem großen Boulevard des alltäglichen Lärms, auf einer kleinen, ruhigen Straße. Es ist ein Gebäude, dessen blasse Farbe schwer zu definieren ist. Hinter dem Zaun sitzt ein Wächter: ein höflicher Mann, dessen freundlicher Blick das Entdecken eines Raumes von anderer Art ankündigen könnte.

Im Hof ist nur die Verwalterin der Schule, mit der ich ein paar Minuten verbringe. In der Begleitung der Behagen ausstrahlenden Frau erinnere ich mich spontan an den ursprünglich sorglosen Zustand der Kindheit: Wie sie das gemacht hat, weiß ich nicht. Aber irgendwie empfand ich dasselbe angenehme Geborgenheitsgefühl wie zu Hause. Die Lehrerin, Frau Geta Constantinescu, kommt gerade, die Atmosphäre wird formeller und die Verwalterin der Schule verschwindet hinter den bunten Wänden der Schule. Auch das Gesicht der Lehrerin strahlt ein gewisses Etwas aus. Ich unterliege dem Reiz all dieser nonverbalen Signale und hoffe, eine Diskussion mit den Betreffenden könnte eventuell dabei helfen, diese Empfindung aus dem Augenblick heraus zu entschlüsseln. 

Die Lehrerin fängt an, über das Waldorf-System zu sprechen, sie tut es langsam, als ob sie eine Geschichte erzählen würde. Die Waldorf-Schule ist in Bukarest eine autonome Schule, die den Prinzipien der von Rudolf Steiner entwickelten Pädagogik folgt. Es geht hier aber nicht um eine Privatinstitution, da sie vom Staat finanziert wird. Das Hauptziel der Waldorf-Schule ist es, das Denken und Fühlen bei den Schülern harmonisch zu entwickeln, dazu noch die Fähigkeit, Sachen in die Tat umzusetzen. Diese drei Schlüsselfähigkeiten werden in der Wahldorf-Schule sorgfältig gepflegt. Die gesunde Entwicklung der physischen, seelischen und geistigen Fähigkeiten wird gefördert. Die von Rudolf Steiner entwickelte Pädagogik soll die optimale Methode für die Förderung der Neigungen des Kindes sein.

Rhythmus spielt eine besonders wichtige Rolle. Jedes Fach wird in Modulen (oder Epochen) unterrichtet, die 3-4 Wochen dauern, erklärt Frau Constantinescu. Außerdem wird die Entwicklung des Kindes in Sieben-Jahre-Etappen eingeteilt, da jedes Alter spezifische Kennzeichen hat. Die Entwicklung des Kindes wird berücksichtigt. Die erste Stufe (0-7 Jahre) hat das Motto: „Die Welt ist gut“ – das Kind wächst in einer harmonischen Umwelt auf und es ist umgeben von Liebe. Ein erstes Lernprinzip ist die Nachahmung.

Die nächste Etappe (7-14 Jahre) hat das Motto: „Die Welt ist schön“ – in dieser Periode fangen die Kinder an, die Welt zu entdecken. Deshalb wird auf Kunst fokussiert, damit ihre Wahrnehmung erregt wird und sie sich daran gewöhnen, die Welt mit allen ihren Sinnen zu perzipieren. Der Unterricht basiert auf Farben, Musik, Bewegung und Rhythmus, sodass man das Gefühl für Bewegung und für Gleichgewicht entwickelt. Dem Kind werden Bilder vorgestellt, damit es seine eigenen Bilder verinnerlicht und dadurch die entsprechenden Begriffe formt, fügt die Lehrerin hinzu. Ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Fächern wird respektiert: Die praktischen Fähigkeiten werden nicht vernachlässigt, sie entwickeln das Denken und fördern eine harmonische Entwicklung. Es ist wichtig, wie das Kind das Lernen erlebt: Es sollte sich wundern und sich darüber freuen. Die Freude am Lernen ist wesentlich. Das Kind darf nicht mit zu viel Inhalt überfordert werden, damit es nicht zu früh erwachsen wird. Es kann passieren, dass es dann das Lernen ablehnt oder kein Interesse mehr daran hat. „Die verfrühte Intellektualisierung könnte sogar zu Krankheiten führen“, sagt die Lehrerin.

Es gibt eine relativ neue Theorie des dreieinigen Gehirns, die besagt, dass das Gehirn aus einem „animalischen“ Teil (für Instinkte zuständig), einem „fühlenden“ (für Emotionen zuständig) und einem „denkenden“ Teil (für Logik und Erkenntnis zuständig) besteht. Bei Geburt sind nicht alle Komponenten völlig entwickelt. Erst beginnt sich das „fühlende“ Gehirn zu entwickeln, danach das „denkende“ Gehirn, jede einzelne Etappe ist wesentlich für die nächste. Das Waldorf-Unterrichtssystem berücksichtigt vor allem die erwähnten Entwicklungsstufen. Prioritär sind die Etappen, die nicht beschleunigt oder übersprungen werden, da Gefühle und Sinneseindrücke als Basis für die Entwicklung des komplexeren „denkenden“ Gehirns gelten. Außerdem umfasst die Waldorf-Schule sowohl künstlerische, als auch wissenschaftliche Aktivitäten, die im Erziehungsprozess in Einklang gebracht werden.

Die Waldorf-Schule Bukarest hat eine deutsche Partnerschule in Karlsruhe. Auf diese Weise ist ein Erfahrungsaustausch möglich, der sich in gegenseitigen Besuchen und Praktika konkretisiert. Interessanterweise werden in der Schule (mit insgesamt 520 Schülern) keine Prüfungen gemacht. Trotzdem müssen die Schüler am Ende das Bakkalaureat ablegen, das sie auch problemlos bestehen. Die Ausbildung an einer Waldorf-Schule kann man auch beim Studium fortsetzen – eine Waldorf-Universität gibt es in der Schweiz. 

Ein kerzengerades und mutigeres „M“

Die Kleinen haben von Anfang an Freiheit und benutzen kein kariertes Papier, damit der Sinn für Gleichgewicht geschult wird. Mit dicken Wachsstiften zeichnen die Kinder, da scharfe Linien eine intellektuelle Betrachtungsweise fördern, erläutert Frau Constantinescu.

Die Basis für das Schreibenlernen ist das Zeichnen, es hat wieder mit dem Gleichgewichtsgefühl zu tun. Als Grundlage erlernt man die Gerade und die Kurve. Den Kindern wird erklärt, dass diese Linien nicht nur auf der Tafel existieren, sondern auch im Alltag „leben“. Sie sollten an Beispiele denken, wo die Gerade und die Kurve zu finden sind. In Verbindung damit wird auch das Alphabet gelehrt. Der Lehrer illustriert eine Geschichte und die Art und Weise, wie er ausspricht, ist sehr wichtig für die Veranschaulichung der Märchenwelt. Am nächsten Tag sind die Kinder an der Reihe, die Geschichte zu erzählen. In der ersten Phase wird der Konsonant an die Tafel gezeichnet – zum Beispiel ein großes, rundes „M“, so wie die Konturen eines Apfels (rumänisch „Măr“). Auf diese Weise sieht das Kind den Buchstaben viel lebendiger, fast organisch, erläutert Frau Constantinescu, indem sie den Buchstaben für mich an die Tafel zeichnet. Später wird dem Kind erklärt, dass die Erwachsenen ein kerzengerades oder mutigeres „M“ schreiben. Lesen ist hier ein individueller Prozess, jeder macht das im eigenen Rhythmus. 

Außer den gewöhnlichen Fächern gibt es auch andere, die nur in der Waldorf-Schule unterrichtet werden: zum Beispiel Eurhythmie oder bestimmte Kenntnisse über Menschen und Tiere. Hier stellt sich die Frage, warum der Mensch im Vergleich zu den Tieren besonders ist. Man lernt, dass man dazu fähig ist, die Welt zu ändern und sich besser darin zu fühlen. So wird die Liebe für Menschen und Natur gepflegt. 

Erziehung ist Kunst und der Erzieher ein Künstler

Der Kunstlehrer an der Waldorf-Schule in Bukarest, Geo Aur, geht in seiner einnehmenden Art auf die Kinder zu. Seine Körperhaltung ist gerade und seine Stimme klingt beruhigend. Er behauptet, dass Anthroposophie eigentlich ein Lebensstil ist, dessen Schwerpunkt das Geistliche ist. Der junge Lehrer erzählt von dem Gründer dieser Lehre, Rudolf Steiner, der in erster Linie ein Philosoph und ein Denker war, der Impulse für neue Bereiche gegeben hat, wie organische Architektur, bio-dynamische Landwirtschaft, Astronomie und anthroposophische Medizin. Auch neue Künste wie Modellierung der Aussprache und Eurhythmie hat er begründet.

Herr Aur erklärt leidenschaftlich weiter, was organische Architektur bedeutet: „Wenn der Raum eckig ist, dann fühlt man sich nicht wohl, man braucht fließende Formen, damit man sich freier fühlt. Die Umgebung, wo ein Gebäude liegt, ist auch wichtig: Wenn das Gebäude auf einem Hügel liegt, der rund ist, dann soll auch der Bau ähnliche Formen haben, damit er zur Landschaft passt. Man soll keine Grenzen zwischen Natur und Menschenwerk entstehen lassen“, sagt Geo Aur überzeugt. Der Kunstlehrer erwähnt das Goetheanum, den Hauptsitz der anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz. Die Diskussion geht gleichermaßen fließend weiter, wie die Formen, über die er so gerne spricht.

Er setzt mit der steinerschen Einteilung der Tätigkeitsbereiche im Leben der Menschen fort. Der erste Bereich ist geistig-kultureller, der zweite juristischer und der dritte wirtschaftlicher Natur. Schon seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts hat Steiner bemerkt, dass der letzte Bereich dazu tendiert, die anderen zwei zu verdrängen. Anders gesagt: Die wirtschaftlichen Aktivitäten gewinnen mehr an Bedeutung als die kulturellen oder die geistigen, obwohl diese Bereiche einander nicht beeinflussen sollten. Die Prinzipien der französischen Revolution hat er in Verbindung damit gebracht: Im geistig-kulturellen Bereich sollte Freiheit herrschen, im juristischen Bereich Gleichheit und im wirtschaftlichen Brüderlichkeit. Diese Dreiteilung galt auch als Quelle für die Ideen, die in der Waldorf-Pädagogik entwickelt wurden.

Für den Lehrer ist Pädagogik Kunst und der Pädagoge ist Künstler. In erster Linie bemüht sich der Lehrer, sich selbst geistig fortzubilden. „Wir lehren die Kinder das, was wir selbst sind“, sagt Herr Aur. Die übermittelte Botschaft ist, dass ein Kind sein Potenzial und seine latenten Entwicklungskräfte entdecken soll. Es soll nicht erzogen werden für das, was die Gesellschaft aus ihm machen möchte. Darin besteht seine Freiheit. Auf diese Weise wird er am besten der Gesellschaft helfen, indem er das macht, was er am besten machen kann.

Brâncuşi, Eliade und Blaga

Lucian Blaga, Mircea Eliade und Constantin Brâncuşi hatten großes Interesse an Rudolf Steiner und seiner Lehre. Die Biografie von Constantin Brâncuşi zeigt, dass er Vertreter der Anthroposophie kennengelernt hat, da viele Gemeinsamkeiten zwischen Anthroposophie und seinem Werk bemerkt werden können. Diese widerspiegeln sich in seiner Kunst: Auch er hat das Wesentliche gesucht und hat versucht, das in seine Werke zu versetzen. Blaga meint, das Endziel der Anthroposophie sei es, die Geisteswelt zu offenbaren, so wie das Auge die Sinnenwelt entdeckt. Der Philosoph schreibt über den Gründer der Anthroposophie: „Wir werden an die Aufrichtigkeit seines Lebens glauben, das zwingt selbstverständlich nicht dazu, seine Doktrin zu akzeptieren, die nicht so neu ist, wie deren Anhänger behaupten, aber auch nicht so wenig originell, wie deren Feinde sagen.“

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