Eine Ambulanz beim Einsatz zur Selbstrettung

Nap Toaders neuester Film „03.ByPass“ in den rumänischen Kinos

Freitag, 17. Juni 2016

Das Trio vom Rettungswagen (v.l.): Gabriel Spahiu, Medeea Marinescu und Alexandru Potocean

Der neueste Film des rumänischen Regisseurs Nap Toader beginnt unmittelbar mit einer Unfallszene. Ein Motorradfahrer liegt leblos an einem Baum, sein Motorrad daneben, und unweit davon wälzt sich die Beifahrerin in großen Schmerzen. Doch es naht Rettung. Ein Vater mit seinem Kind nähert sich auf einem Moped dem Unfallort, steigt sofort ab und – beginnt den Toten und die Schwerverletzte auszuplündern. Dass er nicht der einzige ist, der sich an den Unfallopfern bereichert, zeigt die Tatsache, dass, als der Notarztwagen Stunden später dort eintrifft, die beiden Körper fast nackt sind. Das Leitmotiv des Films ist also von Anfang an gesetzt: Das Leben gilt nichts, Geld und Besitz alles.

Der Film „03.ByPass“ gibt sich also von Beginn an als Gesellschaftsstudie, so wie Cristi Puius Film „Der Tod des Herrn Lăzărescu“ aus dem Jahre 2005, an den man angesichts der Verwandtschaft der Sujets unwillkürlich denken muss, ebenfalls auf Missstände in der rumänischen Gesellschaft aufmerksam machte. Doch Nap Toader will mehr. Er möchte auch ein bisschen „Taxi Driver“-Flair verbreiten und die nächtliche Welt Bukarests so inszenieren, wie Martin Scorsese vor vierzig Jahren die Nachtwelt New Yorks mit Robert de Niro als Taxifahrer zu schildern wusste. Doch abgesehen von einem Hippie mit Gitarre, der Aspirin schnorrt, und einer Gruppe Jugendlicher, die in einem Hinterhof zecht, ist hier nicht viel zu sehen. Immerhin werden Bukarest und sein ländliches Umland in eindrücklichen Nachtbildern lebhaft in Szene gesetzt.

Nap Toaders Film begleitet die ganze Zeit über den Notarztwagen „03“ mit seiner dreiköpfigen Besatzung: der Notärztin Monica (Medeea Marinescu), dem Rettungsassistenten Lucian (Alexandru Potocean) und dem San-kafahrer Doru (Gabriel Spahiu, der auch in „Der Tod des Herrn Lăzărescu“ mitspielte). Als das Notarztteam an besagte Unfallstelle gelangt, zeigen sich bereits die grundverschiedenen Charaktere des Rettungstrios: Doru ist mit allen Wassern gewaschen, geriert sich als abgeklärter Medizyniker („Die halbe Gehirnmasse klebt an der Pappel“), bricht ständig in unflätige Flüche aus und denkt immerfort ans liebe Geld, ob etwa der Dollarkurs oder der des Schweizer Franken wieder gestiegen ist. Lucian, ein abgebrochener Medizinstudent, hat, neben seinen Patienten, Augen hauptsächlich für Frauen. Er hat eine Affäre mit der Notärztin der Ambulanz „03“, ist aber auch nicht abgeneigt, der hübschen Krankenschwester Nicoleta (Cristina Mihailescu) seine Aufmerksamkeit und seinen Körper zu schenken. Die Notärztin Monica schließlich, die sich scheiden lassen möchte und ebenfalls Geldsorgen hat, wirkt distanziert, ja unterkühlt, und vermittelt den Eindruck, dass hinter ihrer Stirn eine Menge Gedanken wabern, die aber trotz der tiefen Blicke, die sie allenthalben wirft, nicht nach außen zu gelangen vermögen.

Merkwürdigerweise kommt es in Nap Toaders Film zu keinerlei psychologischer Dramatik zwischen diesen drei Protagonisten. Jede der drei Hauptfiguren macht, unabhängig von den beiden anderen, ‚ihr Ding’: Doru berauscht sich an seiner Oralität und an seinen Verbalattacken, Lucian legt sich mit Vorliebe auf die Trage und döst vor sich hin bzw. ins Blaue hinein, und Monica kreist mit ihren düsteren Gedanken, von denen sie nicht einmal der Sex mit Lucian befreien kann, autistisch um sich selbst. Wenn schon die Protagonisten keine psychologischen Konflikte austragen, so geben wenigstens die Nebenhandlungen Einblick ins psychosoziale Begleitgeschehen, etwa wenn das Notarztteam zu einer Familie gerufen wird, wo der älteste Sohn Florin (Matei Medeleanu) besinnungslos betäubt auf der Couch liegt, während der aggressive Vater (Adrian Titieni) sinnlos betrunken die Arbeit des Rettungspersonals behindert.

Irgendwann scheint sich dann aber doch ein dramatischer Konflikt zu schürzen. Das Notarztteam wird in dieser einen Schicksalsnacht zu einem „treuen Kunden“ gerufen, dem herzkranken Rentner Mătăsărean (Radu Lazăr), der vorher sogar Tee für seine Retter gekocht hat, aber bei der Ankunft des Teams leblos auf dem Boden liegt. Durch Zufall entdecken die drei, dass der pensionierte Lehrer auf einem veritablen Vermögen schläft: Zwischen Matratze und Bettrost finden sich Hunderttausende amerikanischer Dollars in bar. Mit dem Satz auf den Lippen „Das Geld ist da!“ bringen die drei den Todkranken ins Spital, wissend, dass dieser keine Nachkommen mehr hat und dass sein gesamtes Vermögen, wenn es die Nachbarn nicht vorher entwenden, nach seinem Tod an den Staat fallen wird. Die Gedanken beginnen also unheilvoll zu kreisen, und der Fahrer der Ambulanz dreht, wie zum Beweis dessen, unzählige Runden um das Rondell eines Kreisverkehrs, um endlich eine gemeinsame Entscheidung des Rettungsteams zu erzwingen.

Nachdem der herzkranke Patient wenig später im Krankenhaus verstirbt, gibt es, zumindest für Doru, kein Halten mehr. Er, für den nur ein einziges Prinzip gilt, dass es nämlich keine Prinzipien gibt, schreitet zur Tat. Er verletzt sich selbst am linken Fuß und lässt sich, da er als Fahrer nun die Kupplung der Ambulanz nicht mehr treten kann, in derselben Nacht noch vom Dienst befreien. Lucian lässt sich durch ein Bündel Dollarnoten, das Doru im Haus des Rentners vorsorglich schon einmal eingesteckt hat und das er nun seinem Kollegen unter die Nase hält, schnell zur Mittäterschaft überreden, nur Monica ziert sich noch ein wenig und redet von Kant und vom hippokratischen Eid. Aber bald erlahmt auch ihr Widerstand und der Film endet, nach einer erratischen nächtlichen Tankstellenszene, am frühen Morgen mit der Teilung der Beute, in der das Rettungstrio sich als frisch gebackenes Gaunertrio selbst rettet, wenn denn Geld, wie der Film in bewunderungswürdiger Naivität voraussetzt, Rettung zu bringen vermag.

Zusammengebunden wird Nap Toaders Szenenmosaik ohne jeglichen psychologischen Kitt allein durch die Musik Mircea Florians, dessen wunderbare Gitarre immer wieder von Neuem erklingt und an Wim Wenders’ Film „Paris, Texas“ gemahnt, damit auch ein weiteres Filmgenre, das Roadmovie, zitierend. Auch wenn sich Nap Toaders Film in puncto Charakterzeichnung, Handlungsführung und psychologischer Plausibilität kaum retten lässt, wirken die irrlichternden nächtlichen Szenen doch als Bruchstücke einer Gesellschaftsstudie, die einiges über Rumänien verrät, so auch dies: Dass es in dieser Gesellschaft keinen Bypass geben kann, weil alles unumgänglich ist.

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