Eine Anschlusserklärung und die Hoffnung auf Zukunft. Die Siebenbürger Sachsen 1918/1919

Festrede von Dr. Harald Roth auf dem 28. Treffen der Siebenbürger Sachsen in Mediasch am 22. September 2018 (I)

Sonntag, 07. Oktober 2018

Dr. Harald Roth Foto: George Dumitriu

Fand die sächsische Nationalversammlung am 8. Januar 1919 in Mediasch in der Margarethenkirche oder in dem in unmittelbarer Nähe stehenden Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasium (Foto) statt? Unterschiedliche Quellen geben verschiedene Antworten auf diese Frage.
Foto: Wolfgang Wittstock

Mediasch liegt günstig. Zwar nicht direkt im Zentrum Siebenbürgens, aber gut erreichbar aus den anderen sächsischen Städten, aus dem Szeklerland und auch aus Karlsburg (Weißenburg), Kokelburg, Klausenburg. Und die sächsischen Bürgerhäuser boten seit jeher bequeme und sichere Unterkunft. Deswegen wählte man Mediasch sehr häufig als Tagungsort aus, wenn sich etwa die Vertreter der drei Nationen zum Landtag trafen. Sie tagten dann hier, wo wir uns gerade befinden, in der Margarethenkirche. Zum Beispiel 1575, als der Fürst Siebenbürgens Stephan Báthory hier die Nachricht erhielt, dass er zum König von Polen gewählt worden war. Und in den folgenden Jahrzehnten, als hier auch Fürstenwahlen stattfanden. Oder dann 1840, als sich Wissbegierige in Mediasch zusammenfanden, um den noch heute bestehenden Verein für siebenbürgische Landeskunde zu gründen. Und schließlich am 8. Januar 1919, als eine sächsische Nationalversammlung in Mediasch die Aufkündigung eines alten Vertrages besiegelte und die Grundlagen für einen neuen formulierte.

Der aufgekündigte Vertrag war wirklich schon sehr alt. Es war eine Treuevereinbarung mit der Krone Ungarns, die bereits 1224 zum ersten Mal bestätigt worden war, dann 1317 und immer wieder von Neuem über die Jahrhunderte hin. Zum letzten Mal erst hatten sich die Sachsen am 29. Oktober 1918 bemüßigt gefühlt, ihn zu bestätigen, nämlich zu erklären, dass sie „in dieser schicksalsschweren, entscheidungsvollen Zeit fest und unerschütterlich zum ungarischen Vaterlande“ stünden. Dabei fühlte sich dieses Vaterland schon lange nicht mehr an den alten Vertrag gebunden. Das national erwachte Ungarn hatte bereits über mehrere Generationen hin jede Gelegenheit und jede Möglichkeit genutzt, seine Bürger anderer Muttersprache vor den Kopf zu stoßen, sie dem Staat zu entfremden. Immerhin machten diese, also die Nicht-Ungarischsprachigen, knapp die Hälfte der Einwohner der ungarischen Reichshälfte aus. Dieses innerhalb der Habsburgermonarchie so gut wie selbstständige Ungarn wollte – jenseits einer radikalen Modernisierung aller Gesellschaftsbereiche – alle seine Nichtmagyaren mit Zwang zum Ungarntum bringen. Ganze Gesetzespakete der Judikative, verurteilende Urteile der Justiz, Schikane und systematische Behinderung durch die Exekutive erreichten neben einer zunehmenden Magyarisierung aber eine Gegenreaktion, nämlich die immer deutlicher artikulierte Emanzipation der einzelnen Sprachgruppen, der Slowaken, der Rumänen, der Südslawen – und eben auch der Deutschen. Immerhin ein Zehntel der Einwohner Ungarns sprach Deutsch, in Siebenbürgen sogar etwas mehr.

Die Nichtmagyaren empfanden Ungarn zunehmend als Völkerkerker. Die Ortsnamensgesetze und die Schulgesetze um die Jahrhundertwende hatten sie an den Rand der Verzweiflung gebracht. So fingen sich Bande zu spinnen an, die vorher kaum denkbar gewesen wären – die politischen Vertreter der einzelnen Sprachgruppen begannen im Kampf gegen das Budapester Regime, miteinander zu kooperieren. Auch sächsische und rumänische Politiker, zumal Reichstagsabgeordnete, fanden zueinander. Schon 1913 stellte ein sächsischer Politiker fest, dass genau diese Zusammenarbeit „die Zukunftsfrage gerade der Deutschen in Siebenbürgen“ sei (Lutz Korodi). Doch diese Zukunftsfragen sollten während des bald ausbrechenden Krieges in den Hintergrund treten. An der Treue zur Monarchie und Loyalität zum Vaterland bestand während der längsten Zeit der Kriegsjahre seitens aller Völkerschaften kein Zweifel. Erst als sie sich vom eigenen Staat verraten und verlassen fühlten, orientierten sich die Völker neu – einige früher, wie die Südslawen oder die Rumänen, andere später, wie etwa die Sachsen.

Diese rangen seit jenem 29. Oktober 1918, als sie noch glaubten, ihre Treue zu Ungarn bekräftigen zu müssen, rund einen Monat um den richtigen Weg. Dabei erleichterten zwei Aspekte die Suche: Auf der einen Seite verabschiedete sich die Doppelmonarchie durch völliges Chaos, Unsicherheit und Not aus der Geschichte, oft schlimmer als die Kriegszeit selbst. Auf der anderen Seite schienen jene völkerübergreifenden freundschaftlichen Netzwerke, deren Entstehung der ungarische Chauvinismus befördert hatte, eine zukunftsfähige Alternative zu bieten. Und mehrere personelle Wechsel in der sächsischen Führung erleichterten es überdies, ganz neu über die Gegenwart nachzudenken.

Die größte Sorge war zunächst, den zentrifugalen Kräften während der Auflösung der öffentlichen Ordnung entgegenzuwirken, als Militär, Polizei, Verwaltung plötzlich keinen Dienstherrn mehr hatten. Während die sächsische Führung bestrebt war, durch übernationale Bürgerwehren und durch die Aufrechterhaltung lokaler Strukturen vor allem der Bevölkerung einen gewissen Schutz zu bieten, versuchte sie gleichzeitig, sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Sie hielt nach allen Richtungen hin Ausschau, ihre Vertreter sprachen mit den anderen Deutschen Ungarns. Sie sprachen mit den Reichstagsabgeordneten und politischen Führern der Rumänen. Sie sprachen mit Diplomaten, etwa des Deutschen Reiches. Sie sprachen mit der neuen bürgerlichen Revolutionsregierung Ungarns. Und suchten Orientierung. Dabei trieben sie die wildesten Befürchtungen um: In einem Bericht des Deutschen Generalkonsulats in Budapest etwa hieß es im November 1918, dass es im Falle einer Besitzergreifung der Rumänen in Siebenbürgen „ohne blutige Zusammenstöße zwischen Rumänen und Ungarn wohl nicht abgehen könne“. Dass für diesen Fall ein Bürgerkrieg bevorstehen werde, schien gewiss und machte die sächsische Orientierungssuche umso schwieriger. Das Konsulat schrieb im gleichen Bericht: „Die Sachsen sind jedenfalls bestrebt, ihr(em) Volk so gut es geht über die schwierige Zeit hinüber zu helfen.“ (23.11.1918) Den eigenen Standpunkt drückten die Sachsen durchaus im Sinne ihrer Zeit, also dem Mainstream entsprechend aus: „Das sächsische Volk hat den demokratischen Gedanken der Selbstbestimmung der Völker, der jetzt in der ganzen Welt zum Siege gelangt ist, in seinem Kreis schon seit jeher verwirklicht und kann daher dessen allgemeiner Anwendung mit Ruhe entgegensehen.“ (Zentralausschusstagung 23.11.1918)

Doch mit dieser „Ruhe“ war es bei Lichte besehen nicht weit her. Die sächsische Politik war sich der geringen Zahl derjenigen, die sie vertrat, durchaus bewusst. Bislang hatte sie es vermocht, über ein Zensuswahlrecht, bei dem Steuerleistung und Schulbildung über Wahlstimmen entschieden, ihre geringe Quantität mehr als auszugleichen – es gab im Budapester Reichstag mehr sächsische als rumänische Abgeordnete. Doch wenn fortan jeder eine Stimme haben sollte, die gleich viel zählen würde, dann waren sie hoffnungslos im Hintertreffen. Sie mussten befürchten, zwischen den beiden sich zumindest ablehnend, wenn nicht sogar feindlich gegenüberstehenden großen Sprachgruppen Siebenbürgens zerrieben zu werden.

Die Bande zu den Ungarn waren – über die abstrakte altererbte Staatsloyalität hinaus – von diesen selbst gelöst worden, man konnte somit auch von den großartigen Versprechungen der Revolutionsregierung nichts erwarten. Hingegen begannen die Vertreter der Rumänen schon vor Mitte November, ihre Überlegungen zu konkretisieren: Sie planten, Siebenbürgen und weitere ostungarische Komitate durch eine Nationalversammlung dem Königreich Rumänien anzuschließen. Und auf einer persönlichen Ebene, vor allem zwischen den ehemaligen Reichstagsabgeordneten, ließen sie die Sachsen wissen, dass diese sich dazu positionieren müssten. Unklar war zu jenem Zeitpunkt beiden Seiten, wie schnell dieser Prozess ablaufen würde und wie so ein Anschluss überhaupt funktioniert – ob das erst eine Friedenskonferenz umsetzen würde oder etwa, ob die anzuschließenden Gebiete zunächst autonom blieben. Jedenfalls wurden der sächsischen Seite von Anbeginn erhebliche nationale Freiheiten in Aussicht gestellt, und die Einstellung der Rumänen ihnen gegenüber war von Respekt und von Anerkennung getragen. Zudem sickerte durch, dass die anzuschließenden Gebiete von Hermannstadt aus regiert werden sollten – man würde also bald in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander Politik betreiben.

Die politisch aktiven Kreise der Sachsen genauso wie die sächsische Presse wandelten binnen etwa zehn Tagen (im letzten Novemberdrittel) ihre Position – und zwar von abwartend hin zur Vorbereitung einer großen Wende. Denn die breite Bevölkerung hatte in dieser an Medien noch armen Zeit die Problematik bis dahin nur ansatzweise erfassen können, sie musste aufgeklärt, oder wie man heute sagen würde: sie musste mitgenommen werden. In vielen überlieferten Äußerungen der letzten Novembertage, also kurz vor der Karlsburger rumänischen Nationalversammlung, schwang hoffnungsfroher Übermut mit. Sie machen deutlich, welch tiefe Verletzungen die ungarische Politik der vergangenen Jahrzehnte hinterlassen hatte, und andererseits welch große Hoffnung man auf die Zusammenarbeit mit den Rumänen setzte. Die „Schäßburger Zeitung“ schrieb am 30. November: „Vor dem Richterstuhl der Weltgeschichte reißen die Rumänen ihre nie vernarbten Wunden auf und in der weisen Erkenntnis, daß sie das Recht ihrer Nationalität (…) für ewige Zeit sichern müssen, reißen sie sich los vom Ungarlande. (…) Der Traum einer mächtigen Zukunft, nationaler Größe, der Vereinigung aller Rumänen (…) zu einem gemeinsamen Vaterland geht morgen in Erfüllung.“

Die große Nationalversammlung der Rumänen am 1. Dezember in Karlsburg, deren hundertstem Jahrestag wir heuer gedenken, war für die Sachsen also keinesfalls eine Überraschung und es war auch alles andere als ein Schock. Ganz im Gegenteil. Die vo-rausgegangenen Ankündigungen wurden wahr gemacht und alle Zusicherungen an die „mitwohnenden Völker“ in die Anschlusserklärung mit aufgenommen – all das, wofür man seit Generationen mit den Ungarn stritt und was diese erst im Untergang nur mit Mühe über die Lippen brachten, wurde hier nun feierlich beschworen: „Die volle nationale Freiheit für alle mitbewohnenden Völker. Jedes Volk wird sich in seiner eigenen Sprache durch Personen aus seinen Reihen bilden, verwalten und richten und jedes Volk wird das Recht der Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften und in der Regierung des Landes (…) erhalten. Gleiche Berechtigung und völlige autonome konfessionelle Freiheit für alle Glaubensbekenntnisse im Staat.“ Und noch mehr Zusicherungen dieser Art – ohne Frage von den Verfassern, den führenden Intellektuellen der Siebenbürger Rumänen, im tatsächlichen Sinne der Worte gemeint.

(Fortsetzung in unserer Ausgabe am Dienstag, dem 9. Oktober 2018)

 

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