Eine Banater Schwäbin auf Weltreise

New York – Tribalismus und Kosmopolitismus zugleich

Mittwoch, 15. Februar 2017

Aussicht auf die Wolkenkratzer von Manhattan vom Empire State Building

Freiheitsstatue - viel kleiner als erwartet
Fotos: Die Verfasserin

Die USA gerieten in den letzten Monaten mehr oder weniger positiv unter die Lupe der weltweiten Medien. Die allgegenwärtige US-Terrorismus-Angst macht Einreisen in die USA nicht gerade leicht und schon gar nicht schnell. Zusätzliche Sicherheitskontrollen gibt es vor dem Einchecken, vor dem Einsteigen, sogar während des Fluges und erst recht nach der Landung. Wer die bis zu einer Stunde lange Schlange bei der Passkontrolle vermeiden möchte, kann sich kostenpflichtig vorher für den Schnelldurchlauf „Global Entry“ registrieren lassen. Die Ostküste liegt Europa am nächsten und ist ein dementsprechend beliebtes Einreiseziel nach der Atlantiküberquerung. New York zählt neben Los Angeles und Washington zu den wohl bekanntesten Metropolen der USA. Dass drei Flughäfen notwendig sind, um den Flugverkehr zu bewältigen, ist ein guter Anhaltspunkt für die riesige Menschenansammlung, die in New York zu Hause sind.

Die schönste Aussicht über die Stadt beim An- und Abflug bietet Newark. Die Einflugschneise führt an der Freiheitsstatue und an Manhattan vorbei. Da lohnt sich ein ansonsten unbequemer Fensterplatz. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnete in seinem unlängst im Handelsblatte erschienenen epischen Wörterbuch der Moderne die Nationalstaaten als „Hybride zwischen Tribalismus und Kosmopolitismus“. New York ist der einzige mir bekannte Ort der Welt, der sich wie beides gleichzeitig anfühlt. Ein Dorf und eine Megalopolis, ohne dabei eine Stadt aus vielen einzelnen Dörfern zu sein. Die Straßen von New York fühlen sich zugleich gemütlich und bequem wie ein paar ausgelatschte Hauspantoffel und dabei glamourös wie Stöckelschuhe mit Swarovski-Steinen auf dem roten Teppich an. Vielleicht, weil sie das Zuhause so vieler verschiedener Menschen sind, weil jeder Einwanderer ein Stück seines Zuhauses mitgebracht und integriert hat.

Winzige Kioske wie aus einem rumänischen, altkommunistischen Block teilen sich die nummerierten, in Ost-West geteilten Straßen mit den teuersten Designer-Boutiquen. Nobelrestaurants mit monatelangen Vorausbuchungsfristen koexistieren mit bunten Hotdog-Straßenhändlern. Die Freiheitsstatue begrüßte alle Einwanderer nach der mühsamen Atlantiküberquerung per Schiff und begrüßt auch heute noch die über Newark Einfliegenden. Sie ist mehrmals stündlich und günstig per Fähre erreichbar, aber die Plätze für den Aufstieg im Inneren sind begrenzt und müssen im Internet vorreserviert werden. Metall-Detektoren haben Valets ersetzt bei jedem Eingang, was den Eintritt in jede Sehenswürdigkeit zur Geduldsprobe für Hobbyschlangensteher macht. Natürlich wird auch daraus ein Geschäft gemacht, denn gegen Aufpreis gibt es überall auch eine kürzeres Vorrangschlänglein.

Die Freiheitsstatue ist in Wirklichkeit viel kleiner als im Fernsehen oder in den Fotos. Auch die Stufen der berühmten Börse an der engen Wall-Street sind so klein, dass es wohl in jedem Film Speziallinsen nötig waren, um sie ins Bild zu bekommen. Dafür sind die Wolkenkratzer viel größer und beeindruckender als erwartet. Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Rumänen noch mit der Heugabel die Bojaren zu verjagen bemüht waren, bauten die New Yorker schon Wolkenkratzer und die Brooklyn-Bridge. Diese Erkenntnis erklärt einiges über das heutige Stadium beider Völker... Die beste Aussicht über Manhattan gibt es von der Terrasse des Empire State Building. Die Plätze im Aufzug sind begrenzt, im Internet die Vorrangschlange reservieren lohnt sich. Manhattan ist riesig, zu Fuß gehen ist schon Ausdauersport. Aber die Metro fährt oft, pünktlich und günstig überall hin. Der Central Park ist eine riesige, grüne, ruhige Oase mitten im Großstadt-Dschungel, in der jede Bank adoptiert, beschriftet und gewidmet ist. Das Erkennungsmerkmal einheimischer New Yorker sind die Kopfhörer und der obligatorische Pappbecher mit Kaffee, Tee oder Milchshake in der Hand. Ein Krapfen mit Loch in der Mitte von Dunkin` Donuts passt perfekt dazu. Nicht umsonst werden die New Yorker Polizisten im Film so gern mit einer Schachtel Donuts bestochen: die sind wirklich süchtig-machend-oberlecker! Auf der Liste mit Orten, an denen berühmte Filme gedreht wurden, steht auch der Suppen-Nazi aus der Comedy-Serie „Seinfeld“. In Wahrheit heißt die Kette „The Original Soup Man“ und das Original ist ein winziger Laden mit Straßenverkauf, ist von weitem an der langen Kundenschlange zu erkennen und der informelle Titel der hier feil gebotenen Lobster-Bisque als beste Suppe der Welt ist sogar noch eine Untertreibung. Wer die Film Stars live erleben möchte, findet sie in fast jedem Broadway-Theater zu erschwinglichen Ticketpreisen an der Abendkasse.

Times Square in New York vereinte Jahrzehnte lang gekonnt die Werte von Familie, Stamm, Nation und Weltgesellschaft in einer Vielfalt, die seinesgleichen suchte.

Zwei quadratische, riesige Wunden im Herzen der Stadt, da, wo früher die Zwillingstürme des World Trade Center standen, warnen aber vor dem Ende der New Yorker Freiheit. Parolen wie „See something – say something“ und die allgegenwärtigen Metall-Detektoren, die hier, genauso wie in Moskau, den Siegeszug der Angst verkünden, welche die schmerzhaften Lektionen des zweiten Weltkriegs in Vergessenheit geraten ließ.

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