Eine Banater Schwäbin auf Weltreise

Deprovinzialisierung durch Reisen in Zeiten der Angst (ein Plädoyer)

Mittwoch, 29. März 2017

Freilichtmuseum Moskau
Foto: die Verfasserin

Meine Urgroßmutter pflegte zu sagen: „Zu Hause ist es doch am besten, und wenn´s hinter dem Ofen ist“. Was sie damit meinte, habe ich erst gute 30 Jahre später verstanden, in einem Freilichtmuseum in Moskau, in dem traditionelle Landhäuser aus dem Norden Russlands ausgestellt waren. Alle Bauernstuben hatten das große Doppelbett hinter dem großen, gemauerten Ofen („Pechi“ genannt), aus offensichtlich praktischen Gründen. Aber unabhängig davon, wo genau zu Hause das Bett steht, sind sich fast alle Menschen einig, dass ihr Zuhause eine Art der Bequemlichkeit und des Wohlfühlens ermöglicht, die sonst nirgendwo anders in dieser Form erlebt wird.

Die Erklärung dafür ist recht einfach: das menschliche Gehirn ist faul und je weniger unbekannte, neue Informationen es zu verarbeiten gibt, umso entspannender wird die Umgebung empfunden. Je mehr neue Informationen das Gehirn zu verarbeiten hat, umso stressiger wird es, bis hin zur Überlastung. Informationsüberflutung führt zu Angst, die Angst wiederum löst instinktiv Selbstschutzmechanismen aus, etwa, sich mit Bekanntem zu umgeben und Neues zu vermeiden. Nirgends gibt es mehr Bekanntes und weniger Neues als zu Hause.

Angst ist der Zeitgeist, den wir gerade erleben. Angst ist „trendig“, es ist das häufigste Wort im Internet. Auf Angst gibt es nur zwei uralte Reaktionen: „fight or flight“, Flucht oder Verteidigung. Angst zu Hause hebelt die Fluchtoption aus und führt unweigerlich zu einem starken Verteidigungsbedürfnis. Wenn jemand Angst vor Hunden hat, versucht er oder sie, Hunde tunlichst zu vermeiden. Dies führt dazu, dass sowohl die Angst größer wird, als auch der Vermeidungsreflex stärker. Die einzige Art, Angst auszulöschen, ist De-Sensibilisierung, sich der Angst bewusst auszusetzen und zu erleben, dass sie unbegründet ist und dass das Angstauslösende bewältigbar ist.

Informationsüberflutung hat es in der geschriebenen Geschichte der Menschheit schon einmal gegeben: als Gutenberg die Druckereipresse erfand. Diese Erfindung ermöglichte es zum ersten Mal, die Gesamtmenge an Menschheitswissen zu steigern. Die Reaktion auf diese erste Informationsüberflutung waren 400 Jahre Glaubenskriege. Das Internet ermöglicht heutzutage nicht nur Informationsproduktion zum Nulltarif, sondern auch deren kostenlose, globale Verbreitung. Was zu Gutenbergs Zeiten die falschen Prophezeiungen waren, sind heutzutage die falschen Nachrichten, die fake news, für deren Erkennung entweder eine außergewöhnlich hohe native Intelligenz notwendig ist, oder eine recht aufwändige intellektuelle Ausbildung. Beides ist weltweit Mangelware und wird es – das lehrt uns die Gauß-Kurve - auch immer bleiben.

Was kann Otto-Normalbürger also tun gegen die Angst, gegen die instinktiv gefühlte Bedrohung, gegen den Drang, sein Zuhause aus Angst nicht mehr zu verlassen, sich nur mit Gleichgesinnten zu umgeben, sein Zuhause gegen alle anderen verteidigen zu wollen? Wie kann man sinnvoll mit dieser Informationsüberflutung umgehen?

Reisen! So oft es geht, so weit weg wie nur irgendwie möglich und so lange es noch geht, denn Reiseverbote sind eine beliebte und effiziente Methode zur Massenkontrolle. Fremde Länder, Völker und Sitten kennenzulernen liefert nicht nur neue Ansichten über die Fremd-, sondern auch über die Eigengruppe. Der Kontakt mit Mitgliedern anderer Gruppen ermöglicht es uns Menschen, unseren Horizont zu erweitern, und die in ihrer Gruppe vorherrschenden Werte, Normen und Sitten nicht länger als die einzig möglichen, sondern als bloß eine der möglichen Varianten zu betrachten, das Leben zu gestalten. Anderssein ist wertfrei. Anders ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach bloß anders. Ist mit Stäbchen essen schlechter oder besser als mit Gabel und Messer zu essen? Es ist einfach bloß anders. Diese neue Perspektive kann der unkritischen Bevorzugung der Eigengruppe entgegenwirken und zu einer offeneren, respektvolleren Haltung gegenüber Fremdgruppen im Allgemeinen führen – ein Prozess, den der Soziologe Pettigrew 1998 als „Deprovinzialisierung“ (eingedeutscht vielleicht: „Ent-Provinzialisierung“) bezeichnete.

Vor Ort zu sein und zu sehen, wie andere Völker leben, ist schon ein guter Anfang, es reicht aber nicht. Der Kontakt mit Einheimischen ist das Ausschlaggebende. Eatwith.com ist zum Beispiel eine Webseite, die es ermöglicht, bei jemand zu Hause zu essen, anstelle in einem Restaurant. So lernt man, abseits von Hotel und Restaurant, die Menschen kennen, was sie zu Hause essen, wie sie kochen, wie sie zu Hause leben. Und plötzlich gibt es nicht nur überall auf der Welt Coca-Cola, sondern selbstgemachte Sirups und Säfte, die es in keinem Geschäft zu kaufen gibt (wie z.B. den rumänischen Holundersaft, den es nirgends zu kaufen gibt, den aber in der Saison trotzdem fast jeder zu Hause hat, oder das Rosenblätter-Wasser). Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Kulturvergleich zu entdecken nimmt die Angst. Eine persönliche Beziehung aufzubauen zu einem Vertreter einer fremden Kultur verallgemeinert oft dieses positive Gefühl auf das gesamte Volk. Aus unbekannt wird bekannt. Die Angst vor dem Unbekannten weicht der Einsicht, Toleranz und Freundschaft. Mitfahrgelegenheit.de anstelle von Mietwagen oder Bahn, Eathwith.com anstelle ins Restaurant zu gehen, Couchsurfing.com anstelle im Hotel zu übernachten, das sind kleine Beiträge, die jeder von uns leisten könnte, um der fulminanten Renaissance der engstirnigen Nationalstaaten entgegenzuwirken. Aber trotzdem verstecken sich immer mehr im Bett hinter dem Ofen...

 

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