EINE BANATER SCHWÄBIN AUF WELTREISE

Tokyo - Wo das Beste aus Ost und West vereint wird

Mittwoch, 21. September 2016

So schaut´s im Robot-Restaurant aus

Blick in die Gärten des Kaiserpalastes
Fotos: Die Verfasserin

Professor Florin Munteanu, Mitglied der rumänischen Akademie, hat vor einigen Jahren eine interessante Theorie vorgestellt: Rumänien sei das Verbindungsstück, der ‘Corpus Callosum’, der Gehirnbalken zwischen Ost und West. Weil Rumänen weder den hartlinigen Individualismus und die Genauigkeit (Pingeligkeit?) der Westeuropäer haben, noch die an Aberglauben grenzende Spiritualität und die Gruppenmentalität aus dem Osten. Sie sind weder noch, verstehen aber beide und bilden eine natürliche (Mentalitäts-)Brücke.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Welt liegt Tokyo. Dort vereint sich beides: das Positive aus dem Westen, das Positive aus dem Osten, alles ohne bemerkbare Nachteile. Finde ich.

Das erste, was einer Schwäbin in Tokyo auffällt, ist, dass es keine Mülleimer gibt und trotzdem alles geschleckt sauber ist. Jeder trägt seinen eigenen Müll in der Hand- oder Hosentasche mit sich herum bis nach Hause. Das motiviert, recht wenig Müll zu produzieren. Baustellen sind weiß umzäunt, Bauarbeiter tragen weiß und halten ihren Arbeitsplatz so sauber, wie sonst nur Krankenhäuser in Westeuropa sind. Die Innenstadt von Tokyo ist zum Arbeiten gebaut, die Vororte zum Wohnen. Raummangel ist die formende Kraft, der alles untergeordnet ist: die Architektur, das rücksichtsvolle Verhalten der Menschen, Gewohnheiten und Gebräuche.

Treppen und Korridore sind außen an die Gebäude angebaut. Keiner würde auch nur auf die Idee kommen, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Dort fahren öffentliche Verkehrsmittel, Taxis und der wirklich allernötigste Verkehr. In den öffentlichen Verkehrsmitteln wird Höflichkeit groß geschrieben: ja niemanden stören, in keinster Weise. „Taijin kyofusho“ heißt eine ganz spezifisch japanische Phobie: die Angst zu stören, zu beleidigen, auf welche Art auch immer. Pünktlichkeit wird ganz groß geschrieben. Fünfzehn Minuten früher ankommen und respektvoll warten gehört zum guten Ton.

Alle Restaurants muss man vorher reservieren, sonst gibt es keinen Platz frei. Das geht ganz leicht, vom Handy. Auch das Essen muss man vom Handy vorbestellen. Die Restaurantreservierung ist immer auf maximal zwei Stunden begrenzt. Längere Feiern sind auf diesen Zweistundentakt verteilt: erste Feier im Restaurant, zweite Feier in der Bar, dritte Feier beim Karaoke. Macht sechs Stunden Feiern. Japanisches Essen schmeckt natürlich nirgends so gut wie in Japan. Dazu Sake für die Herren und Umeshu (Pflaumenwein) für die Damen.

Tokyo breitet sich notgedrungen nach oben aus, weil die Flächenausdehnung schon maximal ausgenutzt wird. Der Tokyo Tower, dem Eiffelturm nachempfunden, und der Skytree-Turm bieten beeindruckende Aussichten über Tokyo und sind ein Muss für jeden Besucher. Die Warteschlange beim Skytree ist manchmal bis zu einer Stunde lang. Tickets vorher reservieren im Internet ist die Abkürzung nach oben. Gärten, Schreine und Paläste sind auffallend niedrige Stellen in dieser Stadt, die sich sonst hochreckt, so weit das Auge reicht. Der Kaiserpalast ist sicherlich der berühmteste von allen. Besucher müssen sich mindestens ein halbes Jahr im Voraus dafür bewerben und werden strengstens überprüft, wie für ein Visum. Die Palastgärten sind aber dienstags bis donnerstags, samstags und sonntags geöffnet und absolut beeindruckend.

Die einzelnen Viertel stehen in ihrer ausgeprägten Individualität in extremem Kontrast zum Zentrum Tokyos. Ruhige Gärten und Schreine hat aber jedes Viertel. Zum Spazieren, Meditieren, Tai-Chi-Praktizieren, allein oder in Gruppen. Der Zojoji, ein besonders ungewöhnlicher Tempel, steht gleich neben dem Tokyo Tower. Es ist der Haupttempel der Jodo-Buddhisten aus der Kanto-Region. Um den Tempel herum stehen doppelt und dreifach Reihen von individuell geschmückten, von der Form her gleich aussehenden steinernen Puppen. Jede Puppe in diesem Kinderfriedhof steht für eine Abtreibung oder Totgeburt.

Wer Ruhe und den perfekten Ort für eine Meditation sucht, ist im Koishikawa Korakuen Garten richtig. Von konfuzianischen Elementen inspiriert, bildet der Garten alle Reliefformen in Miniatur nach. Der Lärm der Grosstadt bleibt vor den Toren, im Garten ist es absolut ruhig.

Tokyo ist aber überhaupt keine ruhige Stadt, sie wuselt vor Leben. Am stärksten pulsiert sie in Kabukicho, dem Rotlichtviertel, in Shinjuku. Dort muss man unbedingt in das Robot-Restaurant gehen. Unbedingt, keine Ausreden, sonst verpasst man wirklich was Einzigartiges. Restaurant steht nur im Titel, die Bentobox ist überflüssig, auch Essen ist überall sonst deutlich besser. Die Sitzplätze sind auf drei Reihen Tribünen angeordnet, rechts und links von einer großen Freifläche und alles ist dunkel. Übergroße Roboter in denen, jeweils sichtbar, Menschen sitzen, die sie steuern, liefern eine absolut unvergessliche Show, geprägt von allen großen Roboterfilmen, die Hollywood je produziert hat.

Erinnerungen sind das schönste Mitbringsel, aber Souvenirs müssen auch sein. Am besten vom Tsukiji Fishmarkt. Alles vorher probieren, es steht nur Japanisch drauf und süß oder sauer sind schwer zu erraten. Wenn es nur eines sein darf: dann süße, rote Bohnen, getrocknet oder eingelegt. Ein mundgeblasenes Sake-Glas passt bestimmt auch noch ins Gepäck. Jedes ist individuell und so einzigartig und exotisch wie Tokyo.

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