Eine Banater Schwäbin auf Weltreise

Minsk – die stille, schüchterne Betondame

Mittwoch, 18. Januar 2017

Die Rote Kirche in Minsk
Foto: die Verfasserin

Belarus ist die letzte Diktatur Europas. So negativ, wie sich das auf den ersten Blick anhört, ist es allerdings gar nicht, denn es sorgt für eine Stabilität, die Seinesgleichen sucht. Belarus steht für Gleichmäßigkeit, Planbarkeit, keine großen Auf- und Abschwingungen, keine großen Unterschiede oder Kontraste. Aus Wien gibt es Direktflüge nach Minsk. Eine touristische Stadt nach westeuropäischem Verständnis ist es allerdings ganz und gar nicht. Google oder Tripadvisor helfen auch nicht viel weiter, denn sie empfehlen zum Beispiel als touristische Attraktion ein Schloss im Zentrum - welches eigentlich ein Gefängnis ist. Besonders witzig ist, dass Google sogar beliebte Besuchszeiten für die vermeintliche Attraktion empfiehlt.

Diese Touristenuntauglichkeit wird schon am Flughafen im Minsk spürbar. Es gibt unzählige Anzeigetafeln, aber keine führt aus dem Flughafen heraus. Der Menge nachlaufen funktioniert auch nicht, denn hunderte Passagiere drehen sich im Kreis, den Schildern folgend, und keiner findet den Ausgang. Die öffentliche Information im Internet und bei der Botschaft lautet: ein Visum gibt es bei der Einreise nicht, es muss vorher bei der Botschaft beantragt werden, aufgrund einer offiziellen Einladung mit vorgegebenem Wortlaut. Die Realität ist ganz anders: natürlich hätte es ein Visum bei der Landung in Minsk gegeben!

Ein Zug fährt angeblich vom 45 Kilometer entfernten Flughafen direkt zum Hauptbahnhof. In Wirklichkeit fährt er aber nur alle drei Stunden und auch nicht direkt vom Flughafen, sondern die erste Haltestelle ist nur mit dem Bus erreichbar. Also lieber gleich ab ins Taxi! Sprit kostet nur einen halben Euro pro Liter, daher kostet Taxifahren auch nur ein Drittel von dem, was es in Rumänien normalerweise kosten würde.

Die Drei-Sterne-Hotels in Minsk sind überraschend luxuriös und können locker mit ihren vier- oder fünfsternigen westeuropäischen Gegenparts mithalten. Für eine Hauptstadt wirkt Minsk sehr leer. Keine Staus, kein großes Verkehrsaufkommen, wenig Menschen unterwegs auf den Straßen, menschenleere riesige Plätze und Parks im Stadtzentrum. Die architektonische Bauweise in den Außenvierteln ist der typischen, alt-kommunistischen Plattenkopiermaschine entwischt. Die Gebäude sehen eher skandinavisch aus. Dafür ist der Bahnhof und das Stadtzentrum dann Moskau genauso ähnlich wie Bukarest. Die Häuser in den neuen Siedlungen am Stadtaußenrand sind mit Porenbetonziegel gebaut, ohne Angst vor der (vermeintlichen oder realen?) Vergiftungsgefahr, die in Westeuropa den Umschwung zu Porotherm-Ziegeln bewirkt hat.

Die Rote Kirche am Lenin-Platz ist das Wahrzeichen von Minsk. Sie ist innen äußerst schlicht gehalten und wirkt fehl am Platz, zwischen den massiven Betonklötzen, die sie umgeben. Das große, kapitalistische Einkaufszentrum ist unter die Erde verbannt, um den Lenin-Platz nicht zu verschandeln. Dafür ist es aber dann gleich drei Stockwerke tief. Minsk hat einen Hauch von Lugosch oder Sathmar. Die pompöse „Stadt von Welt“-Atmosphäre kommt nicht auf.

Die belarussische Küche ist stark russisch geprägt. Wodka gibt es in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen, oft hausgemacht oder zumindest verfeinert mit einer exotisch anmutenden Zutat, wie z.B. Büffelgras, belarussischem Wasabi (Kren) oder Moosbeeren. Weizen und Korn im Allgemeinen sind Raritäten und lassen der Kartoffel den Vortritt. Draniki sind dicke Kartoffelpfannkuchen, die ein bisschen an Schweizer Kartoffelpuffer oder –rösti erinnern, aber nicht geraspelte, sondern gemahlene Kartoffeln mit ein bisschen Mehl beinhalten. Draniki gibt es sowohl zum Frühstück (mit Marmelade), als auch zu Mittag (deftig mit Fleisch, Fisch oder Sauerrahm).

Moosbeeren sind allgegenwärtige Alleskönner in der belarussischen Küche, ob als Saft, Kompott, Wodka, Marmelade, Beilage oder Gewürz. Da Wild verfügbar und verbreitet war, ist es fester Teil der traditionellen Küche. Das interessanteste Restaurant in Minsk liegt versteckt in einem kleinen Waldstück mitten in der Stadt: Expedicia Severnaya Kuhnja. Es erzählt die Geschichte jährlicher Expeditionen in die wilde Taiga Russlands und ist dementsprechend dekoriert. Elch, Biber, Bär, Kabeljauleber und exotisch anmutende Polarfische (roh, gesalzen, geräuchert, oder geeist) stehen auf der Speisekarte. Geeiste, dünne, rohe Fischstreifen mit Soja- und Moosbeerensoße auf einer faustdicken Eisscholle serviert vermitteln einen Einblick in die Essensgewohnheiten nördlich vom Polarkreis.

Die Winter sind kalt in Minsk und der Taigatee (mit oder ohne Wodka) hilft, die innere Wärme zu erhalten. Was allerdings noch besser vor der gefühlt sibirischen Kälte schützt: lieber im Sommer nach Minsk fliegen und nicht im Winter!

 

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