EINE BANATER SCHWÄBIN AUF WELTREISE

Helsinki – Midsommerfest im Norden

Mittwoch, 27. Juli 2016

Blumengirlanden und Scheiterhaufen - lebendige finnische Midsommer-Tradition auf der Insel Seurasaari

Wenn man an Finnland denkt, dann ist man schnell in Gedanken bei Rentieren, dem Nikolaus und den Nordlichtern. Für all jene, denen Schnee und Kälte nicht gerade am Herzen liegen, ist der längste Tag im Jahr die beste Zeit für einen Besuch. Die Sommersonnenwende ist in Finnland das größte Fest im Jahr. Für uns Bewohner der mittleren Breitengrade ist es natürlich schon was Besonderes, wenn es nachts um 3 Uhr noch immer hell draußen ist. Tage bekommen eine ganz andere Bedeutung und verlieren ihre Relevanz als Zeitmaß. Das bedeutet natürlich, dass die Schlafbrille unerlässlich ist, wenn man dann irgendwann doch einschlafen möchte, obwohl es noch hell draußen ist.

Am leichtesten, schnellsten und günstigsten kommt man nach Helsinki mit einem der zahlreichen, täglichen Direktflüge aus Budapest. Wenn man mehr als ein Wochenende Zeit hat, ist ein Mietwagen empfehlenswert, um die Umgebung von Helsinki erkunden zu können. Die breiten, gut gepflegten Autobahnen sind während der Mittsommerzeit leer. Touristen gibt es sehr wenige im Sommer und die Einheimischen sind sich alle in ihre Hütten an den unzähligen Seen Finnlands geflüchtet. Ein Gefühl von unendlicher Freiheit, Weite und Ruhe empfängt die Reisenden außerhalb der Großstadt. Spazierengehen im Wald ist eine der finnischen Lieblingsbeschäftigungen und die Waldwege sind entsprechend gepflegt und ausgebaut. Joggen, Fahrradfahren, Reiten, Beeren pflücken, Pilze sammeln oder einfach nur tief durchatmen und die Bergluft genießen – für Naturfreunde ist Finnland im Sommer ein wahres Paradies. Sommerschilaufen kann man auf den asphaltierten Waldwegen auch: mit Rollen am vorderen und hinteren Ende der Sommerschier und Stöcken in beiden Händen zum Anschieben.

Geschichte wird respektiert und gepflegt, die alten Schlösser an den Seen sind alle renoviert und als Museen besichtigbar. Diskrete Holzstege am Ufer entlang, zwei Bretter breit, auf Stelzen knapp über der Wasseroberfläche, mit Bänken an ganz besonders schönen Aussichtspunkten bieten den perfekten Angler- oder Badeplatz und laden Wanderer zum Innehalten ein.

Wenn das viele Wandern Hunger macht, ist man mit Lachs nie falsch beraten. In Finnland ist er immer frisch und in der Mittsommerzeit von leckerem Gemüse als Beilage begleitet. Kleine Bauernhöfe mit biologischem Anbau werden ganz bewusst bevorzugt. Das Gemüse schmeckt in Finnland nicht wie bei uns im Supermarkt nach Wasserschwämmchen mit einem Hauch von Geschmackskonzentrat, sondern noch nach echtem Gemüse. Süße, grüne Erbsenschoten werden auf der Straße in Litermassen verkauft und so viel und gerne gegessen wie bei uns geröstete Sonnenblumen- oder Kürbiskerne. Bei Waldbeeren muss man allerdings aufpassen: von den großen Gartenbeeren sollte man die Finger lassen und lieber die kleineren, viel geschmacksintensiveren Waldbeeren kaufen.

Der beste Markt für lokales Obst und Gemüse ist der Hafenmarkt in Helsinki. Er ist täglich nur bis um 16 Uhr offen und wird danach komplett abgeräumt, samt Ständen. An der Wasserfront des Marktes reihen sich die Essensstände aneinander. Ganze, meterlange Lachshälften werden gegrillt und portionsweise als das leckerste Fast Food überhaupt verkauft. Wen Papierteller und Plastikbesteck nicht stören, der ist gut beraten, an der Wasserfront zu essen. Für Nicht-Vegetarier laden gezupfter Elch- und Rentiersalami zum Probieren ein.

Wer Lakritz mag, ist in Finnland im Siebten Himmel: Salmiakki, das finnische Nationalgetränk, ist ein dunkelfarbiger Likör und schmeckt wie flüssiger Lakritz. Im Chemieunterricht in der vierten Klasse lernt jeder Finne, Salmiakki herzustellen, denn es ist eigentlich nichts anderes als Ammoniumchlorid. Wenn man als Tourist zu Abend essen möchte, stößt man an eine kulturelle Barriere: es gibt keine finnischen Restaurants in Finnland außerhalb der Hotels. Die üblichen Touriabfütterungen und ethnische Restaurants sind uninteressant, wenn man abends finnische Küche ausprobieren möchte. In den Bars muss man an der Theke bestellen und bezahlen und wenn man nach etwas Essbarem fragt, bekommt man sogar ein Menü. Da es allerdings in Finnland absolut unüblich ist, abends in der Stadt zu essen, erkennt man die Touristen sehr leicht daran, dass sie abends in einer Bar essen. Finnen essen um 16-17 Uhr zu Hause zu Abend und gehen selten aus (weil Alkohol sehr teuer ist). Im Winter geht die Sonne schon sehr früh unter, daher passt diese Abendessensuhrzeit für die neun dunklen Monate sehr gut und erscheint nur für Ausländer in den wenigen Sommermonaten seltsam.

Die langen Winterabende verbringen die Finnen mit unzähligen Hobbys. Die Kreativ- und Bastelläden sind dementsprechend groß. In den Sommermonaten mietet man sich wochenweise Hütten am See. Es gibt keine Webseite im Internet, wo man zentralisiert Seehütten mieten könnte. Die wenigen Webseiten, die es gibt, haben nur Telefonnummern und keine Möglichkeit einer Onlinereservierung. Es ist ein Mundpropaganda-Markt und man muss jemanden kennen, um eine gute Seehütte zu bekommen. Eine Sauna gehört in Finnland in jedes Haus und jeden Wohnblock. Die Seehütten haben natürlich alle ihre eigene Sauna und schwimmende Saunen sind das absolute Sommerhighlight. Man erkennt eine Banausensauna daran, dass sie zu heiß ist. Finnische Sauna heizt man auf 60-70C auf, genießt darin einen Aufguss und benutzt Birkenzweigbündelpeitschen um die Blutzirkulation der Haut anzuregen. Danach lüftet man die Sauna und lässt sie nicht weiter aufhitzen. Rauchsaunen sind eine ganz besondere finnische Spezialität: sie werden mit Rauch aufgeheizt, ohne Feuerstelle. Kurz vor dem Benutzen wird der Raum so gekonnt gelüftet, dass nur der Rauch und nicht auch die Hitze entweicht.

Wer traditionell finnisches Landleben und alte Traditionen hautnah erleben möchte der sollte das Mittsommerfest im Freilichtmuseum auf der Seurasaari-Insel vor Helsinki feiern. Große Scheiterhaufen werden auf kleinen Felsen im seichten Wasser vor der Insel errichtet und abends angezündet. Zauberpfade für Kinder belehren über die alten Traditionen, Mittsommerrituale und Aberglauben. Es wird auch gesungen und getanzt, aber so diskret, dass man im Gras hinter der Bühne getrost ein Mittagsschläfchen halten kann. Im tiefgrünen finnischen Sommer kann man sich die winterlichen Schneemassen auf den Häusern kaum vorstellen, aber die Leitern die gesetzlich verpflichtend auf jedes Dach führen müssen, um den Schornstein säubern und das Dach vom Schnee reinigen zu können, geben einen Eindruck von der Winterpracht. Man fragt sich fast, ob die Leiter auf den finnischen Dächern die Legende vom Nikolaus, der durch den Schornstein kommt, angeregt hat. Das ruhige, entspannte, naturnahe Finnland zum Midsommerfest ist auf jeden Fall empfehlenswert für alle, die diskrete Ruhe suchen. Ittaka Glas ist das perfekte Andenken und Mitbringsel: handgemachte Gläser, die in der Sommersonne schmelzende Eiswürfeln nachahmen.

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