Eine „Biographie“ des europäischsten aller Flüsse

Michael Weithmann porträtiert die Donau und die Geschichte des Donauraums

Freitag, 08. März 2013

Trotz der westlich fixierten Perspektive des Autors und fragwürdiger Einschätzungen zu Südosteuropa ein ansonsten interessanter Band.

Die Donau prägt seit Jahrtausenden die Landschaft, Menschen, Völker, Gesellschaften und Staaten entlang ihres Laufes und ist der europäische Fluss par excellence. Auf seinen knapp 2900 Kilometern durchläuft sie zehn Staaten, die in nicht weniger als 40 Nationalitäten aufgesplittert sind. Von der Donauquelle im Schwarzwald bis zum Donaudelta in Rumänien ranken sich Geschichten und Mythen um den weltberühmten Fluss, der Politiker und Historiker genauso beschäftigt, wie er Geografen und Ethnologen, Reisende, Schriftsteller, Dichter und Komponisten aller Zeiten fasziniert und inspiriert hat. Die multireligiöse, multikonfessionelle und multiethnische Vielfalt prägt diese Region bis heute.

Der vorliegende Band von Michael W. Weithmann schlägt einen weiten Bogen und präsentiert die Donau und ihre Geschichte in einem konzentrierten Überblick, der auch die Geschichte des gesamten Donauraums lehrreich und gut strukturiert entfaltet. Die Donau wird hier als Grenze, Brücke und bedeutendste europäische Wasserverkehrsstraße ins Visier genommen. Der Band beginnt mit einem Blick auf die „Kulturgeographie“, der den Flussverlauf und die davon berührten Sprachen, Völker, Regionen und Landschaften detailliert vorstellt (S. 18-54). Es folgen Kapitel über die Donau und die den Fluss begleitende Geschichte von der Antike der keltischen Donauwelt bis zur Gegenwart. Der Band arbeitet sehr genau heraus, wie der große Strom die Geschichte, aber auch die politische, wirtschaftliche und militärische Entwicklung des gesamten Raumes bis heute nicht nur entscheidend beeinflusst hat, sondern auch selbst das große Thema der Region ist. Die politische Geschichte wie auch die Sozial-, die Siedlungs-, Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Region bis heute werden hier transparent.

Verschiedene Wanderbewegungen der Völker im Lauf der Geschichte, die Herausbildung und Rolle der Dynastien wie die der Wittelsbacher und Habsburger, das Leben an der Donau im Mittelalter, Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit und das Reifen der Habsburger zur Donauvormacht werden genauso eingehend behandelt wie die „Orientalische Frage“ und die zunehmende Rolle der Osmanen in der Region. Absolutismus, Kolonialismus und die Aufklärung kommen als die Gesellschaft, den Baustil und das öffentliche Bild von Städten und Bauwerken prägende Epochen in den Blick. Besonders hintergründig wird die Entwicklung der Staatenwelt ab dem 19. Jahrhundert dargestellt. Immer wieder wird dabei auf die gewaltigen politischen, geistigen und auch religiösen Strömungen und gegensätzliche Mentalitäten, die im gesamten Donauraum aufeinanderprallen, fokussiert.     

Neben der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung stellt Weithmann ausführlich die Verkehrs- und Wirtschaftsnutzung der Donau dar, wobei der Fluss in seinem Charakter als Verkehrs- und Handelsverbindung wie als Heerstraße gleichzeitig aufleuchtet. Immer wieder wurde versucht, die Donau durch Eingriffe leichter schiffbar zu machen. Der Autor ordnet solche Bemühungen in das Bestreben ein, die Donau für Handels- und Personenschifffahrt gleichermaßen effizient zu nutzen. Besonders wichtig und auch von politischer Bedeutung waren stets die Brücken über die Donau. Der jahrhundertelange harte Kampf um die politische, militärische oder auch religiöse Dominanz entlang der Donau vor allem zwischen Habsburgern, Osmanen und Russen wird ausführlich vorgestellt. 

Weithmann schreibt weitgehend sachlich, manchmal aber auch schwülstig und gelegentlich inhaltlich unpräzise. So etwa, wenn er bei Rumänien weit übertrieben von 25 Millionen Einwohnern spricht (S. 50) oder den völlig ungebräuchlichen Begriff „ostchristliche Orthodoxie“ kreiert (S. 42). Hier ist wohl „ostkirchlich“ gemeint, der hier gebrauchte Terminus doppelt Synonyme. Auch zählte Klausenburg für die Siebenbürger Sachsen nie zu den „Zentren ihrer städtischen Kultur“.
Gegenüber den orthodoxen Ländern Serbien, Rumänien und Bulgarien hegt Weithmann Abneigungen und tradiert Vorbehalte. Durchgehend vertritt der Autor die These der Kulturhoheit und zivilisatorisch-kulturellen Überlegenheit der westlichen Donauländer gegenüber den Anrainerstaaten in Südosteuropa, was er vor allem an der sozialen Landschaft und politischen Zuständen festmacht unter Ausblendung kultureller Leistungen jener Länder. Die Perspektive des Autors ist so eindeutig westlich fixiert, als hätte es Maria Todorovas bahnbrechendes Werk „Die Erfindung des Balkans“ (dt. 1999) nie gegeben.

Der Autor sieht „am Eisernen Tor eine Kulturscheide zwischen Okzident und Orient“ (S. 52), ohne den „christlichen Orient“ der Orthodoxie als Teil Europas zu erkennen. Dabei war der südliche Donauraum in der Dobrudscha schon christianisiert, als die Germanen und Westeuropäer der Antike noch heidnischen Göttern huldigten. Von Papst Johannes Paul II. stammt der weise und auf Inklusion Südosteuropas in die religiöse Identität Europas zielende Satz, dass das christliche Europa mit dem abendländischen und dem ostkirchlichen Lungenflügel atme. Und dass die Dobrudscha heute noch ernsthaft zwischen Bulgarien und Rumänien umstritten sei (S. 53), wird niemand ernsthaft behaupten. Zwischen welchen „Grenzstreitigkeiten“ von Ungarn und Rumänen die EU nach 1990 vermittelt haben soll (S. 54), entzieht sich ebenfalls dem kundigen Leser.

Ganz besonders drastisch werden die Unzulänglichkeiten bei der Darstellung der Formierung des rumänischen Staats nach 1920. So schreibt Weithmann, die muslimische Geschichte der Dobrudscha habe nach dem Anschluss an Rumänien geendet (S. 255) – dabei gibt es in der Dobrudscha bis heute ein reges muslimisches Gemeindeleben mit rund 80 Gemeinden und Moscheen, Imamen und dem Großmufti in Konstanza/Constanäa. Die 16 Millionen Rumänen außerhalb von Bukarest des Jahres 1920 werden kurzerhand zu „analphabetischen Zwergbauern, Landarbeitern und verschuldeten Pächtern“ erklärt (S. 255 f.). Das ist purer Humbug, etwa ab 1850 entwickelte sich auch in den Fürstentümern Rumäniens das Volksschulwesen. Auch dass sich „die konfessionell gebundenen und stockkonservativen Ungarn- und Karpatendeutschen den NS-Ideologisierungskampagnen gegenüber als weitgehend immun“ erwiesen hätten (S. 269), kann wohl nicht ernsthaft behauptet werden.

Es verwundert, dass solche Thesen Lektorate passieren, das mag am renommierten Autor liegen. Einige unnötig halbgare Ausführungen, fragwürdige Einschätzungen und ärgerliche Tendenzen dieser Art schmälern den Aussagewert des sonst sehr empfehlenswerten Bandes. Der Autor hätte das gewiss nicht nötig in dieser Biographie des europäischsten aller Flüsse.

Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses; Regensburg: Verlag Friedrich Pustet/Böhlau-Verlag 2012, 320 S., 50 Abb., 2 farb. Karten, ISBN 978-3-7917-2443-0, 29,95 Euro

Kommentare zu diesem Artikel

Norbert, 14.03 2013, 01:46
Da sollten die Rumänen investieren.Die Menschen lieben überall schöne gegenden.

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