Eine Bürgerinitiave zur Endzeit des Stalinismus

Nach 50 Jahren: Wie das Reschitzaer städtische Museum entstanden

Mittwoch, 21. November 2012

Der einzige Museumsneubau Rumäniens aus kommunistscher Zeit, das Museum des Banater Montangebiets (Architekt Şerban Antonescu, Baumeister Karl Salamon).

Jüngst fand an der Stelle, wo die erste Initiative der Reschitzaer technischen Intelligenz sich durch eine museografische Ausstellung konkretisiert hatte, im seinerzeit neuen Gewerkschaftskulturhaus (und zwar auf dem selben Korridor auf dem erstem Stock und im selben Saal) eine Gedenktagung zum 50. Gründungsjubiläum des Museums des Banater Montangebiets statt. Eingeladen hatten dazu Museumsdirektor Dr. Dumitru Ţeicu, der Direktor des Gewerkschaftskulturhauses, Horaţiu Vornica und dessen Historiker, Gheorghe Jurma. Von den noch lebenden ehemaligen Museumsleitern – Dr.Volker Wollmann, Ilie Uzum – war keiner zur kleinen Feier eingeladen worden.

Das "Bewusstsein einer industriellen, bergbaulichen und metallurgischen Tradition“ sei für die intellektuelle Gemeinschaft der in den endfünfziger Jahren noch bevölkerungsschwachen Stadt der entscheidende Impuls zur Museumsgründung gewesen, erläuterte Dr. Ţeicu. Daraus habe sich eine „Meinungsströmung zugunsten der Konservierung und Verwaltung des industriellen Kulturguts“ entwickelt und „die Bereitschaft, durch Spenden einen Grundstein für ein Museum zu legen.“ Die Initiativgruppe kam 1957 aus dem Metallurgischen Kombinat Reschitza und trat mit der Erklärung vor die Öffentlichkeit, „ein Museum zu schaffen, dessen historischer Wert würdig sein soll der anderen Verwirklichungen der Arbeiterschaft von Reschitza und seiner Umgebung, ein Museum, das eine Institution patriotischer und staatsbürgerlicher Erziehung für unsere Kinder“ werden soll.“ Die technische Intelligenz der Reschitzaer Werke setzte hier bewusst auf einen Solidarisierungszwang der kommunistischen Potentaten des damaligen Rayons Reschitza und der Region Banat, mit Sitz in Temeswar. Die Erklärung ist unterzeichnet von einer „Kommission für die Museumsgründung“ und ist betitelt: „Appell für die Gründung eines Museums im Gewerkschaftskulturhaus des Metallurgischen Kombinats Reschitza“, kaschiert als unternehmensinterne Initiative.

Lanciert wurde der Appell am 12.Juli 1957 anlässlich der Feier von „240 Jahren ununterbrochener metallurgischer und bergbaulicher Tätigkeit“ im Banater Bergland. Allerdings: darauf wird nicht explizit eingegangen, doch wird in der Präambel ausdrücklich das Jahr 1717 erwähnt, als in Orawitza und Bokschan die ersten Hochöfen angeblasen wurden und in Temeswar die „Bannater Bergbaukommission“ gegründet wurde. Auch werden die wichtigsten metallurgischen Werke der Anfangszeit, Kraschowa, Orawitza, Bokschan, Dognatschka und Eisenstein/Ocna de Fier, erwähnt.

Ursprünglich hatte die Initiativgruppe ein „technisches Museum“ im Visier.

Der Gründungskommission vom Juni 1957 stand Dipl.-Ing, Gheorghe Ilim vor, Sekretär war der Journalist und Reiseschriftsteller Gheorghe C. Bogdan. Zur 29köpfigen Initiativgruppe gehörten die Ingenieure Hugo Heel, Tiberiu Jianu, Hermann Rausch, István Dezsö, Gheorghe Perian, Adalbert Schmiedt, Robert Grabowski, Johann Zipfl und Vasile Telescu.

Mit der Initiativgruppe im Zusammenhang stand auch der damals noch unbekannte Hans/Ion Stendl, der das (leider verschollene) Plakat mit dem Aufruf gestaltete, das an alle aktiven und pensionierten Arbeitnehmer des Metallurgischen Kombinats Reschitza verteilt wurde, einschließlich in den Ortschaften, von wo täglich Pendler anreisten: Bokschan, Dognatschka, Anina, Târnova, Doman, Orawitza, Moritzfeld/Măureni, aber auch in der Regionshauptstadt Temeswar und bei den zuständigen Ministerien in Bukarest.

Zudem erschien der Appell „in mehr als 20 lokalen, regionalen und zentralen Publikationen, u.a. in Scânteia, Scânteia Tineretului, Flacăra, Neuer Weg, Elöre, România Liberă, Die Wahrheit, Scrisul bănăţean, Szabad Szó, Drapelul Roşu, in der Zeitschrift „Metalurgia şi construcţiile de maşini“, in der Gazeta Literară, Tribuna, La Roumanie Nouvelle. Zu denen, welche diese landesweite PR-Aktion initiiert haben, gehörten, neben G.C.Bogdan, Alexander Tietz und Toma George Maiorescu. Die Lokalzeitung „Flamura Roşie“ brachte eine lange Serie („Colţul muzeului“-Die Museumsecke) zum Thema industrielles Erbe. Etwa Mitte 1957 schaltete sich auch das Metallurgische Kombinat selber in die Kampagne ein.

Bis Ende 1958 stellte sich die Kommission auch bei den Forstämtern des Banater Berglands vor – bekanntlich geht im Südbanat die Tradition wissenschaftlich fundierter Forstwirtschaft bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück – sowie bei den Grubenunternehmen in Bokschan, Anina, Deutsch-Saska, Neumoldowa, sogar bei den Gerichten in Reschitza und Karansebesch und in allen Rathäusern montanistischer Ortschaften. Im September 1957 kündigt Marius Moga vom Temeswarer Museum seine Bereitschaft an, beim Museumsaufbau in Reschitza mitzuarbeiten.

1958 wird aufgrund von Leihgaben eine erste Museumsausstellung im Gewerkschaftskulturhaus eröffnet. Ein Bericht vom September 1959 vermerkt, dass die Ausstellung von 21.778 Bürgern besucht wurde. Das waren zwei Drittel der damaligen Bevölkerung der Stadt. Daraufhin übernimmt die politische Administration der Stadt die Initiative – die sie bislang nur geduldet, aber nie offen unterstützt hatte – und am 24.September 1959 erscheint eine „Information bezüglich des Zieles des Stadt- und Rayonsmuseums Reschitza“, eigentlich ein kleines thematisches Projekt.

Anton Ringeisen trifft mit der Stadtführung eine Abmachung zur Rückerstattung einer Immobilie und schenkt dafür dem künftigen Museum seine stattliche mineralogische und paläontologische Sammlung, mit dem ausdrücklichen Vermerk, dass diese im künftigen städtischen Museum allgemein zugänglich gemacht wird. Alexander Orthmayer schenkt der Stadt seine Dokumentensammlung zur Geschichte von Anina und seine Sammlung von gusseisernen Öfen aus der Kunst- und Präzisionsgießerei Anina. Adolf Seidl vermacht in der Zeitspanne 1957-58 seine umfangreiche numismatische Sammlung dem künftigen städtischen Museum Reschitza. Ihrem Beispiel folgen – durch reine Schenkungen oder Abmachungen zum gegenseitigen Vorteil – viele andere Interessenten (unter anderen auch der immer begeisterungsfähige Adalbert/Béla Vetö, ein großer Postkarten-, Fotografien- und Briefmarkensammler).

1959 wird das Museum institutionalisiert. Im selben Papier vom 24.September 1959 heißt es, das „Exekutivkomitee des Stadtvolksrats hat beschlossen, ein Museum der Stadt und des Rayons Reschitza zu gründen, dass nicht nur die Rolle haben soll, einen Schatz kultureller Werte anzulegen, sondern eine lebendige Institution, die Ideen fördern und Gefühle einhauchen soll (...)“. Das ideologisch kräftig gefärbte Dokument zeichnet auch die Hauptgebiete vor, die im Museum vertreten sein sollen: Geschichte, Archäologie, Industriegeschichte, Naturwissenschaften und Geologie, Ethnologie. Erster Standort war das Parterre des Stadtvolksrats in der 6 Martie Straße 27 – ein heute nicht mehr existierender Bau in der Gegend der Unterführung beim Stahlwerk TMK.

Die Museumseröffnung fand am 23. September 1959 statt. Aber erst 1962 wurde das Stadt- und Rayonsmuseum Reschitza vom Bukarester Staatskomitee für Kultur und Kunst als Museum der Kategorie II auf die Liste der Museen Rumäniens gesetzt.

1968, als die Verwaltungskreise gegründet wurden, wurde das Reschitzaer Museum umbenannt in „Kreismuseum Karasch-Severin für Geschichte“, während das Museum von Karansebesch zum „Kreismuseum für Ethnographie und Geschichte des Grenzregiments“ wurde. Zu begionn der 1990er Jahre, nach der Wende, wurde es Museum des Banater Montangebiets.

Erster Leiter des Reschitzaer Museums  war Octavian R²u], ein Geschichtelehrer mit Forscherambitionen, der 1962-64 die ersten archäologischen Grabungen (im Tal der Bârzava/Bersau, in [o{dea, Ramna und Berzovia) eröffnete, wobei die Arbeiten von Archäologen aus Temeswar geleitet wurden. Da es in dieser Zeit erst zur Gründung der heutigen West-Universität Temeswar kam, orientierte sich das Reschitzaer Museum auf die „Babeş-Bólyai“-Universität Klausenburg hin – eine Orientierung im Wissenschaftsbereich, die heute noch anhält, zumal in Klausenburg zwei mit dem Banater Bergland fest verwurzelte Geschichtler, Prof.Dr. Nicolae Bocşan und Prof.Dr. Rudolf Gräf (er selber lange Jahre am Museum des Banater Montangebiets tätig), in leitender Funktion wirken. Mit der Museumsleitung durch Dr. Volker Wollmann kam eine stärkere Orientierung auf

Industriegeschichte, mit Ilie Uzum auf römische und urzeitliche Archäologie, mit Dr. Ţeicu die Ausrichtung auf mittelalterliche und ethnologische Archäologie. Fakt ist, dass das Museum des Banater Montangebiets heute über die meisten Archäologen (zeitweilig 12) eines Kreismuseums in Rumänien verfügt.

Mit dem Ausbau des Reschitzaer Hüttenkombinats CSR 1974-76 wurde der

Sitz des Museums abgerissen und es folgte eine lange Provisoratszeit, als der einziege Museumsneubau des kommunistischen Rumänien entstand, der Sitz des heutigen Museums des Banater Montangebiets (Architekt Şerban Antonescu). Er wurde 1989, nach 15jähriger Bauzeit, eingeweiht. Zwei Jahrzehnte lang gab es in Reschitza überhaupt keine musealen Ausstellungen. Die erste Ausstellung war den Banater Berglanddeutschen gewidmet und wurde im Beisein des steirischen Landeshauptmanns Dr. Josef Krainer im November 1990 eröffnet. Inzwischen ist das Museum durch Schenkungen der Familie Ion/Hans und Teodora Stendl, der in Israel lebenden Familie E.Marosi, von Ion Sălişteanu und Toma George Maiorescu erheblich mit Kunstwerken bereichert worden. Zudem wurden hier seit 1990 55 wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht, neuerdings unter der Ägide der Rumänischen Akademie der Wissenschaften.

 [1] Zusammenfassung eines Beitrags von Dr. Dumitru Ţeicu im Jubiläumsband zum 50jährigen Bestehen des Museums des Banater Montangebiets

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