Eine Deutschlehrerin hält die Stellung

Magdalena Balogh unterrichtet seit fast 40 Jahren Deutsch im Banat

Montag, 26. November 2012

Magdalena Balogh hat zahlreichen Generationen Deutsch beigebracht

Im Unterricht sucht sie stets den Dialog mit den Schülern.

Die Zukunft der deutschen Sprache mitbestimmen: Magdalena Balogh arbeitet zusammen mit anderen Kolleginnen an einem deutschen Lehrbuch für die elfte und zwölfte Klasse.
Fotos: Zoltán Pázmány

Lehrer würden manchmal zu viele Fragen stellen, findet Fachberater Dr. Rolf Willaredt. In den Stunden, in denen er assistierte, hätte er über 150 Fragen gezählt, die an die Schüler gerichtet waren. Für ihn steht fest: Die meisten Fragen sollten die Schüler stellen und nicht umgekehrt. Doch oft sehen sich Lehrer mit einer unangenehmen Stille während des Unterrichts konfrontiert.

Ehe neue Fragen fallen, müsste man Schülern erst Antworten auf die alten entlocken. Die Deutschlehrerin Magdalena Balogh weiß das nur zu gut. Denn besonders im Fach Deutsch wird die Sprache für die meisten zum Hemmnis. Darüber, wie es früher war und heute nicht mehr ist, könnte die erfahrene Lehrerin viel erzählen. Sie tut es aber nicht. Stattdessen geht Magdalena Balogh mit der Zeit und versucht sich, den gegebenen Umständen anzupassen. 

Diese sind alles andere als leicht: Das Sprachniveau der Schüler sinkt, Deutsch wird von anderen Fremdsprachen wie Englisch verdrängt und es herrscht ein zunehmender Mangel an kompetenten Lehrkräften. Darum ist auch die Deutschlehrerin noch nicht in den Ruhestand getreten und unterrichtet weiterhin 30 Stunden in der Woche. Es ist keine Muss-Frage für sie, schließlich war Balogh 38 Jahre lang in dem Beruf tätig. Zahllosen Generationen hat sie Deutsch beigebracht. Viele ihrer ehemaligen Schüler sind heute in den verbliebenen deutschsprachigen Institutionen in Temeswar tätig. Sie halten eine Sprache am Leben, deren Sprecher zum Teil ausgewandert, zum Teil im Aussterben begriffen sind. Heute wird die deutsche Sprache vorwiegend von Rumänen und Ungarn gepflegt. Da stößt Balogh im Muttersprachenunterricht auf die gleichen Hürden, wie wenn sie Deutsch als Fremdsprache lehren müsste.

Darum sind viele Fragen in einer Deutschstunde eine Notwendigkeit. Besonders in den Gymnasialklassen möchte sie die Schüler dazu bewegen, sich mit der deutschen Sprache aktiv auseinanderzusetzen. Denn in erster Linie müsste Deutsch gesprochen werden. Außerhalb des Unterrichts geschieht das selten. Da fand eine Veränderung statt, die besonders die verbliebenen Deutschen aus dem Banat ständig beklagen. In der traditionsreichen Nikolaus-Lenau-Schule wurde vor der Wende nur Deutsch in den Pausen gesprochen. Heute wird Deutsch nur noch im Unterricht gesprochen – und dies meist gebrochen.

Balogh empfiehlt den Schülern immer wieder, Bücher zu lesen. Nur so könnten sie ihren Wortschatz erweitern und sich sprachlich verbessern. Ein Ratschlag, den sich besonders Schüler von der Oberstufe nicht immer zu Herzen nehmen wollen. „Die heutige Jugend kennt ihre Prioritäten nicht“, findet Balogh. Sie verweist auf Schüler einer zwölften Klasse der Nikolaus Lenau Schule. Nicht nur Deutsch wird als Schulfach vernachlässigt. „Sie konzentrieren sich nur noch auf die Fächer, die sie für die Aufnahmeprüfung an der Uni benötigen“, erklärt die Deutschlehrerin. „Dafür fehlen sie im Unterricht oder vernachlässigen Fächer, die sie fürs Abitur bräuchten.“ Für viele Eltern und Jugendliche ist die Überraschung dann entsprechend groß, wenn die Reifeprüfung nicht bestanden wird.

Sie selbst findet, dass es oft auch an der Erziehung mangelt. Zahlreiche Jugendliche werden von ihren Eltern vernachlässigt. Mangelnde Zuwendung wird durch Geld und Geschenke kompensiert.

Produktive Unruhe im Unterricht

Verallgemeinern könne man schwer, findet Magdalena Balogh. Sie hat aus ihrer Berufserfahrung gelernt, dass nicht jeder Mensch und nicht jede Klasse gleich ist. In den sechsten Klassen an der Nikolaus-Lenau-Schule, wo sie ebenfalls unterrichtet, sind die Schüler offen und geben sich auch mehr Mühe. Die Kinder hätten die Notwendigkeit der Stunden verstanden, so Balogh.

Derzeit wird im Unterricht Max von Grüns Kinderbuch „Vorstadtkrokodile“ behandelt. Die Geschichte über eine Kinderbande und ihre gefährlichen Mutproben behandelt Themen wie Ausgrenzung und Integration. Themen, die Balogh mit den Schülern im offenen Dialog bespricht. Da fallen oft Fragen von ihrer Seite, die sich nicht ausschließlich auf den Inhalt des Buches beziehen, sondern darüber hinaus auch auf die Botschaft der Schullektüre.

Nicht jeder Schüler kann sich leicht auf Deutsch artikulieren. Oft muss die Deutschlehrerin Geduld aufbringen. Diese Zeit, die man jedem einzelnen Schüler für seine Mitarbeit im Unterricht schenkt, ist wichtig, findet Balogh. Genauso wichtig sind die sprachlichen Korrekturen. Gerade hier muss sie ständig aufpassen, die Gefühle der Schüler nicht zu verletzen. „Sie müssen einfach verstehen, dass man in die Schule kommt, um etwas zu lernen“, meint sie. „Und nicht, weil man schon alles weiß.“

Die oft unangenehme Stille, die bei anderen Lehrern im Unterricht eintritt, fehlt in Magdalena Baloghs Stunden. Hier findet das statt, was Fachberater Dr. Willaredt eine „produktive Unruhe“ nannte. Fast jeder in der Klasse hat etwas zu sagen und erhält auch die Chance dazu.

„Es ist eine tolle Klasse“, lobt die Deutschlehrerin die Sechstklässler. „Sie haben sogar die Bücher selbst gekauft, obwohl die Schule sie bereitstellt.“
Jedes Semester müssen die Schüler ein Buch vorstellen, das sie sich selbst aussuchen dürfen, unabhängig davon, ob es ein Abenteuerroman oder ein Krimi ist. Die Wahl des Buches bleibt der Schülerschaft überlassen. 

Die Geschichte einer Minderheit

Magdalena Balogh unterrichtet nicht nur Deutsch, sondern auch die Geschichte der deutschen Minderheit aus Rumänien. Für dieses Unterrichtsfach hatte sich kein kompetenter Lehrer gefunden, weshalb sie eingesprungen ist. Sie selbst ist eine gebürtige Temeswarer Deutsche. Sie wuchs im Stadtteil Fratelia auf, wo heute nur noch eine Handvoll Banater Schwaben wohnen.

Die meisten sind ausgewandert. Sie ist geblieben, fasste den Entschluss dazu 1993 endgültig, nachdem sie zuvor mit dem Gedanken spielte, das Land eventuell zu verlassen. „Ich fühlte, dass ich hier etwas bewirken kann“, erklärt Balogh ihre Entscheidung. Heute vermisst sie den alten deutschen Stadtdialekt, der früher oft in Temeswar gesprochen wurde. Heimat für sie ist in erster Linie die Stadt Temeswar.

Über die deutsche Minderheit wissen viele Schüler oft zu wenig. Wie die Deutschen in das Banat kamen, oder seit wann es in Siebenbürgen Deutsche gibt, darüber können die meisten nichts sagen. Den Unterricht versucht sie möglichst spannend zu gestalten. Darum behandelt sie auch Cătălin Dorian Florescus Roman „Jakob beschließt zu lieben“ im Unterricht.

Nicht weniger spannend ist ihr Werdegang als Lehrerin. Ursprünglich galt ihre Leidenschaft der Mathematik, dann wollte sie als junge Absolventin „Internationale Beziehungen“ in Bukarest studieren, hatte aber nicht die nötigen finanziellen Mittel, weshalb sie sich schließlich für ein Germanistik- und Anglistikstudium an der Westuniversität Temeswar entschied.

Ihre erste Lehrstelle brachte sie in den nördlichen Teil des Landes, in das verschlafene Dorf Glashütte/Poiana Codrului, wo sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtete und wo sie sechs Jahre lang auf eine Stelle wartete, die sie wieder zurück in ihre Heimatstadt bringen würde.

Über die Zeit und die Bedingungen konnte sie sich damals nicht beschweren, jedoch zog es sie zurück nach Temeswar, wo sie zuerst zehn Jahre lang als Grundschullehrerin tätig war, ehe sie dann zeitweise auch Deutsch in der Mittelstufe unterrichtete und schließlich gleich nach der Wende eine Stelle an der Nikolaus Lenau Schule antrat, wo sie bis heute tätig ist.

Magdalena Balogh ist für die meisten Schüler der Nikolaus- Lenau-Schule ein Begriff. Alle sprechen mit Hochachtung von ihr und beschreiben sie als eine der fähigsten Lehrerinnen,  ob sie nun Unterricht bei ihr hatten oder nicht. Sie sei Teil einer aussterbenden Gattung, meinte eine jüngere Kollegin mit Bedauern.

Denn es rücken immer seltener kompetente Lehrkräfte nach, die ihren Platz einnehmen könnten. Es geht nicht nur allein um die Erfahrung, sondern auch um das Talent und die Leidenschaft, den Lehrerberuf auszuüben. Darum wird auch Magdalena Balogh in den nächsten zwei Jahren noch an der Nikolaus-Lenau-Schule unterrichten und womöglich darüber hinaus. Die Deutschlehrerin hält die Stellung.

Kommentare zu diesem Artikel

banater klausi, 29.11 2012, 19:02
auf die andere seite aber, wie motiviert sind die lehrkräfte & wer bleibt noch unter diese umstände im system? es sind viele die sich dort effektiv parken, um "weniger stress" als in eine privatfirma zu haben. ordnung und disziplin - gibt's schon längst nicht mehr in unsere schulen ...
Klaus, 26.11 2012, 19:52
Dann ist die frau Balogh wohl eine wohltuende ausnahme von dem was ich sehe.-Was ich hier in der gegend Galati an lehrkräften für deutsch (aber auch für english) erlebt habe spottet jeder beschreibung.Bei dem des- interesse der lehrer würde ich entsprechend den schülern auch keine lust haben zu lernen.-Meine frau und ein nachbar haben jeweils 10 jahre lang deutsch gelernt und ausser guten tag ?ß nichts.-Erst wenn drastisch etwas im lehrsystem geändert wird kommen auch wieder resultate.-Traurig ist nur das für viele lehrer die tärigkeit nur ein "job" ist ist keine berufung.-ein weltweites problem.

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