Eine digitale Nomadin in Rumänien

Freitag, 14. September 2018

Daniela Arguedas kommt aus Costa Rica. Sie ist 28 Jahre alt, reist seit einem Jahr durch Europa und arbeitet als Grafikdesignerin. In einem Café in der Bukarester Altstadt erzählt sie, wie es dazu kam und was ihr Leben als digitale Nomadin ausmacht.

Daniela, seit einem Jahr bist du fast vollkommen ortsunabhängig in deinem Beruf tätig. Wie kam es dazu?

Es war ein schleichender Prozess. Ich hatte vor einigen Jahren in einem Buch vom ortsunabhängigen Arbeiten und dauerhaften Reisen gelesen und begann, mich mit dieser Lebensweise auseinanderzusetzen. Zunächst kam mir nicht in den Sinn, dass dieser Lebensstil jemals für mich in Frage käme. Ich dachte vielmehr daran, an diese Gemeinschaft von der anderen Seite heranzutreten, nämlich in meiner Heimat Costa Rica einen Coliving Space zu eröffnen. Das war meine Motivation für weitere Recherchen.

Wie kam es dann doch dazu, dass du heute als digitale Nomadin unterwegs bist?

Nach meinem Studium als Grafikdesignerin reiste ich im Jahre 2014 nach Barcelona, um dort einen Masterstudiengang im Bereich Innovationsgestaltung zu machen. Dort kam ich an die Firma „Ideas for Change“, für die ich heute auch arbeite.

Also war es diese Firma, die dir den Eintritt in das mobile Leben ermöglichte?

Ja und Nein. Erst einmal war das Team nicht offen dafür, als ich vorschlug, in meinem letzten Monat in der Firma das Experiment zu starten, von unterwegs aus zu arbeiten. So trennten wir uns. Im Dezember 2017 sah ich dann allerdings, dass mein Posten wieder ausgeschrieben war und erfuhr, dass meine Nachfolgerin das Unternehmen verlassen hatte. Ich machte meinen alten Arbeitgeber darauf aufmerksam, dass mein Angebot weiterhin besteht und sie gingen darauf ein. Sie erhöhten sogar mein Gehalt.

Das heißt, du bist jetzt dort angestellt - oder arbeitest du auf selbstständiger Basis?

Ich bin selbstständig, aber die Firma ist mein Hauptkunde.

Wie kann man sich dein Kundenportfolio vorstellen?

Es ist eine gute Mischung aus langfristiger Zusammenarbeit, kleinen Freelance-Arbeiten und projektgebundenen Aufträgen. Einen langfristigen Kunden als Basis zur Planungssicherheit zu haben, ist wichtig. Damit bleibt der Aufwand für die Akquise, die ja noch keinen Umsatz bringt, verhältnismäßig gering.

Arbeitest du nun insgesamt mehr oder weniger?

Beides. Ich leiste mehr Arbeit, aber in weniger Stunden, weil ich produktiver bin. Es ist jetzt nicht mehr so, dass ich irgendwo auf einem Arbeitsplatz die Zeit totschlagen muss. Im Gegenteil, ich kann genau dann arbeiten, wenn ich konzentrationsfähig bin und mache dann Pause, wenn ich den Ausgleich brauche. Aber auch das musste ich erst lernen: eine gesunde Work-Life-Balance zu finden. Vor allem, wenn man in Coworking-Räumen mit lauter arbeitswütigen, kreativen Köpfen zusammen lebt, muss man  aufpassen, dass man sich nicht zwischen Aufträgen und eigenen Ideen und Projekten verliert. Das gilt auch für das Reisen. Anfangs blieb ich nur etwa zwei Wochen an einem Ort, aber der Ortswechsel kostet viel Zeit und Kraft. Und zu lange an einem Platz ist schnell erdrückend. Ich habe für mich persönlich eine Aufenthaltsdauer von etwa zwei Monaten als angenehm herausgefunden.

Und wie wählst du deine Reiseziele aus?

Ausschließlich nach Empfehlungen anderer Nomaden und vorhandenen Coworking-Plätzen. Es ist nämlich die Gemeinschaft der Nomaden, die dieses Leben so besonders macht. Obwohl man sich kaum kennt, kommt man sich sehr schnell nahe, man hat eine klare gemeinsame Basis und Wertvorstellungen, kann gemeinsam auf Entdeckungen gehen und sich austauschen. Innerhalb von Sekunden kannst du ein sehr tiefes Gespräch führen. So kam es auch, dass ich nach Bukarest reiste, weil eine Begegnung mich mitzog. Außerdem lernt und wächst man auch beruflich mit hochinteressanten Menschen mit vielseitigen Fähigkeiten.

Würdest du sagen, es gibt einen Prototyp digitaler Nomaden?

Nicht wirklich. Klar ist,  dass alle Freiheit und Selbstbestimmtheit lieben und dass sie sehr weltoffen und tolerant sein müssen, das bringt schon das Reisen mit sich. Und es ist vielleicht auffällig, dass Nomaden entweder als Singles oder Paare unterwegs sind, ich hab aber auch schon ganze Weltenbummler-Familien gesehen. Nur - eine Beziehung auf Distanz zu führen, das ist etwas, was nicht vereinbar ist. Außerdem sind es vor allem Technik affine junge Menschen, weil sich die Jobs dafür anbieten - ich habe aber auch schon Köche oder Musiker getroffen, die seit Jahren unterwegs sind.

Das Konzept von Besitz erfüllt bei Nomaden schon immer andere Ansprüche. Was gehört zu deinem Hab und Gut?

Ich habe meinen Laptop, Akku, Handy, Kopfhörer mit Freisprecheinrichtung, mein digitales Zeichenbrett, einen E-Book-Reader sowie eine Reisetasche mit sechs Litern Volumen bei mir. Ich besitze zwei SIM-Karten, eine für Europa, eine für Costa Rica. Dort habe ich auch eine Wohnung, die ich dauerhaft vermiete, das ist ebenfalls Teil meines Lebensunterhaltes. Mein Papierkram, wie Versicherungen und Gewerbe, wird ebenfalls dort erledigt. Bei Freunden in Barcelona hab ich eine Kiste mit ein paar Winterklamotten deponiert. In naher Zukunft werde ich mir wohl eine Basis einrichten. Das Reisen gebe ich aber so schnell nicht auf.

Was vermisst du am meisten an einer dauerhaften Bleibe?

Ein bisschen die permanenten Beziehungen. Auf Besuch in der Firma in Barcelona merke ich, wie die Leute durch ihr tägliches Beisammensein Freundschaften schließen. Ich habe zu meinen Arbeitskollginnen in Barcelona nicht den gleichen Draht wie diese untereinander. Und es macht mich traurig, meine Nichte nicht aufwachsen zu sehen. Aber all das hat auch seine guten Seiten, wenn ich nach Hause komme, bin ich im Urlaub, ich werde behandelt wie ein Gast. Man hat auch keine Gelegenheit für Alltagsstreitigkeiten , sondern nutzt die Zeit intensiv miteinander. Und meine Nichte, für die kann ich die coole Tante sein, mit der sie irgendwann aufregende Abenteuer erlebt. Die Beziehungen, die man dann tatsächlich pflegt, sind umso spezieller, denn sie sind viel mehr als eine geteilte Alltagswelt. Auch unter Nomaden ist die Welt kleiner, als man glauben mag, denn die Community ist richtig gut vernetzt. So beginnt man nach etwa acht Monaten, Leute wieder zutreffen oder man bemerkt, dass man die gleichen Bekanntschaften auf Facebook pflegt, wie sein Gegen-über – auch wenn man sie am anderen Ende des Kontinents gemacht hat.

Was hat dieser Lebensstil in dir persönlich verändert?

Dieses Leben lehrt dich, dich selbst zu kennen und zu lieben. Du musst dir vorstellen, die einzige Konstante, die du in diesem Leben hast, bist du selbst. Alles - wirklich alles andere - ändert sich. Dein Schlafzimmer, dein Schreibtisch, dein Supermarkt, deine Shampoo-Marke, das Klima, das Alphabet, die Menschen, einfach alles. Du musst dir etwas suchen, was du mit dir selbst pflegen kannst und du lernst dich selbst in hunderten verschiedenen Situationen kennen, erlebst dich selbst, wie du agierst und entscheidest und vor allem, wozu du fähig bist. Das macht etwas mit dir, es ist auch eine Frage von Selbstermächtigung, gerade als Frau.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*