„Eine Einführung in die Problematik des Todes“

Andrei Pleşu erobert die Aula Magna der West-Universität

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Der Philosoph Andrei Pleşu und der Moderator Mircea Mihăieş (im Hintergrund)
Foto: Zoltán Pázmány

Die Aula Magna der West-Universität Temeswar erwies sich als viel zu klein für die Menschenmasse, die in der vergangenen Woche von einer Persönlichkeit angezogen wurde, die sie seit Jahren nicht mehr in der Stadt an der Bega erlebt hatte, die aber nichts von ihrem Reiz und Glanz verloren hat: Andrei Pleşus Anwesenheit an der West-Universität war nur wenige Tage davor bekannt gegeben worden, doch schon eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrags war der Saal voll. Dabei war das Thema alles andere als bequem und überhaupt schwer schmackhaft zu machen – es ging um „eine Einführung in das Problem des Todes“. Aber Witz und Geist des Philosophen und Literaten überbrückten auch dieses Hindernis und außerdem verkündete Pleşu von aller Anfang an, dass er es nicht auf das Morbide, auf Gräber und Särge abgesehen habe, was sein Auditorium aufatmen ließ. DieUnterhaltung des vollen Auditoriums hatte Pleşu auch bei seinem Besuch in Temeswar vor Jahren geschafft, als er über die Engel sprach, ein eher intuitiver Diskurs, wie er damals selbst zugegeben hatte und intuitiv ging es auch diesmal zu, aber mit viel Flair, was bei allen Generationen im Publikum gut ankam.

Auch wenn Pleşu versprach, keine gültigen Antworten über den Tod zu geben, um nicht  vermessen zu wirken, und sich wohl viele mit seinem Witz und Geist begnügten, hat der Diskurs, der wie eine Gratwanderung ausfiel – nicht allzu religiös und nicht allzu atheistisch – doch einige aus dem Saal nicht ganz befriedigt, weil er als zu vage, zu umfassend, um möglichst vielen zu gefallen, empfunden wurde. Es waren allgemein gehaltene Überlegungen zum Tod, gespickt mit Zitaten aus der Literatur (so kam auch Johannes von Tepls „Der Ackermann aus Böhmen“ zur Diskussion), mit Redewendungen und Umschreibungen, über die sich das Publikum amüsierte, so etwa auch die deutsche Wendung „den Löffel abgeben“, die in der Maramuresch eine rumänische Variante haben soll: „a ţâpa lingura“.  Gegen einige ihn irritierende Äußerungen stemmte sich Andrei Pleşu: „Mich nerven diejenigen, die so tun, als ob sie wüssten, was der Tod ist und was danach komme“, sagte er klipp und klar und setzte hinzu: „Ich sag es ehrlich, ich weiß es nicht!“ Die Beschäftigung mit dem Thema geht auf ein Buch zurück, das er in Zusammenarbeit mit Gabriel Liiceanu vorbereitet, Dialoge zwischen den beiden Persönlichkeiten zu verschiedenen Themen. „Liiceanu war der Meinung, dass da ein Dialog, ein Kapitel noch hinzugefügt werden müsse, darin geht es eben um die Problematik des Todes“. Und Pleşu gelang es, das Publikum darauf neugierig zu machen: „Während Liiceanu zum Beispiel behauptet, dass die Erfahrung des Todes nicht ‘erfahrbar’ ist, halte ich diese Erfahrung für nicht kommunizierbar.“

Zweitens zeigte sich Pleşu von der verbreiteten düsteren Bilderwelt des Todes irritiert: „Qualen, Gerüche, Leichen – es wurde nicht immer so über den Tod gedacht. Das Image des qualvollen Todes wurde vielmehr von einigen Priestern und Ärzten kreiert“. „Eigentlich“, so der Philosoph, „verbringen wir unser ganzes Leben unter Toten: die ehemaligen Mitglieder unserer Familie, die Bibliotheken und Museen, die ganze Architektur um uns sind von Menschen geschaffen worden, die vor uns existiert haben.“ Von Sterben in Würde oder aber auch von Euthanasie hält der Philosoph nichts: „Was versteht man eigentlich unter würdevollem Sterben? Jesus hat den in der damaligen Zeit würdelosesten und schmerzlichsten Tod erfahren. Er wollte uns lehren, dass es menschlich ist, Angst vor dem Tod zu haben, aber dass wir nicht die Hoffnung verlieren sollen“, so interpretiert Pleşu die Kreuzigung Jesus. Auch seine eigenen Erwartungen oder Hoffnungen, die mit dem Tod verbunden sind, brachte er vor: Für den Philosophen Pleşu ist selbst der Tod eine Quelle für Sinn und die Suche nach dem Sinn werde ihm hoffentlich als letzte Beschäftigung gegönnt sein: „Ich greife auf ein Wort von Pater Galeriu zurück: Wie sterben die Haushunde? Mit den Augen auf ihr Herrchen gerichtet. Ich hoffe, dass beim Sterben meine Augen auf den Sinn des Todes gerichtet sind, ich werde ihn dann hoffentlich verstehen.“

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