Eine europäische Geschichte, auf alle Fälle

Lucian Boia schreibt über 1918 und plädiert für die Zukunft

Sonntag, 19. November 2017

Lucian Boia: „În jurul Marii Uniri de la 1918: naţiuni, frontiere, minorităţi”, Editura Humanitas, Bucureşti, 2017

Nationen, Grenzen, Minderheiten – hundert Jahre nach dem Großen Krieg von 1914 – 1918 und ein paar Monate bevor Rumänien die glücklichen Fügungen des Jahres 1918 feiern wird, schlägt der umstrittene Bukarester Historiker wieder zu, sehr zum Ärger seiner nationalistisch gesinnten Widersacher. Boias jüngstes Buch, das erst Anfang November in die Buchhandlungen gekommen ist, behandelt den Ausgang des Ersten Weltkriegs im Hinblick auf das ethnische Gefüge Mittel- und Südosteuropas.

Der Bukarester Historiker stellt erneut mutige Thesen auf, so als ob es ihm bloß darum ginge, die Vorurteile seiner Kritiker zu bestätigen. Es geht ihm selbstverständlich um viel mehr und er sagt es klar und deutlich: „Ne trebuie în tot cazul o istorie europeană”, die Rumänen brauchen auf alle Fälle eine europäische Geschichte und eine entsprechende Geschichtsschreibung. Die Historiker von heute müssten langsam begreifen, dass im gesamteuropäischen Kontext niemand an den „kleinen Obsessionen“ interessiert ist, die hierzulande gefördert werden. Boias Fazit ist schwer zu widerlegen: Heute, da Rumänien unter allen Ländern Mittel- und Südosteuropas, die 1918 zu den Siegern zählten, sein damals erlangtes Territorium am besten halten konnte und sich als eine stabile Staatskonstruktion erwiesen hat (man bedenke: Jugoslawien und die Tschechoslowakei gibt es längst nicht mehr, die Ost- und Westgrenzen Polens von 1918 stimmen mit jenen von heute nicht mehr überein), sollte die aufgewärmte Suppe des Nationalismus nicht mehr schmecken. Noch nie soll das rumänische Volk so geeint gewesen sein wie im vergangenen Jahrhundert, ein Bewusstsein der nationalen Einheit hat es ja bis ins 19., 20. Jahrhundert nicht gegeben. Sodass es überhaupt keinen Sinn macht, am nationalkommunistischen Gedankengut festzuhalten, wonach das Volk spätestens zur Zeit von Burebista vom Geiste der nationalen Einheit beseelt gewesen war. Liest man Boias Ausführungen, kann man sich nur denken, wie in den Büros mancher Mitglieder der Rumänischen Akademie, im Rektorenzimmer der Klausenburger Universität, in der Chefredaktion von „Formula As“ und im Wohnzimmer so manches orthodoxen Geistlichen die Luft dünner wird und der Blutdruck steigt.

In dem 130 Seiten langen Band, auf dessen Umschlag das 1922 bei der Krönung von Alba Iulia benutze Zepter Ferdinands I. abgebildet ist, geht es aber nicht nur um Rumänien, seine Territorien und seine Minderheiten, sondern es geht auch um das Schicksal der Nachbarländer: um das auf nur noch ein Drittel seines Vorkriegsterritoriums gestutzte Ungarn, um den merkwürdigen Vielvölkerstaat der Südslawen, um das auferstandene Polen, den neuen Staat der Tschechen und der Slowaken, um Bulgarien, Griechenland und die Türkei. Und selbstverständlich schreibt Boia über Österreich-Ungarn, die untergegangene Doppelmonarchie, deren geschichtlich-kulturellem Erbe die Nachfolgestaaten keineswegs gewachsen waren. Als einer der wenigen rumänischen Historiker geht Boia auf die Nostalgie ein, die nur wenige Jahre nach dem Niedergang des mitteleuropäischen Reichs der Habsburger in den jungen Nationalstaaten einsetzte, jedoch nie in der Lage war, den gewaltbereiten Nationalismus der Zwischenkriegszeit einzudämmen. Um das Vielvölkergemisch Mittel- und Südosteuropas darzustellen, benutzt Boia historische Landkarten, teilweise aus deutschsprachigen Quellen, er präsentiert das 1906 von dem Banater Aurel Popovici veröffentlichte Projekt der Föderalisierung Österreich-Ungarns, das dem ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand gefallen und bei den Ungarn für Hysterie gesorgt haben soll. Boia geht auf Statistiken ein, er stellt die Ergebnisse von Volkszählungen vor, er scheut sich nicht zu sagen, dass zum Beispiel Städte wie Arad oder Großwardein/Oradea 1918 – 1920 rumänisch geworden sind, obwohl sie zum Großteil von Ungarn und von ungarischsprachigen Juden bewohnt waren. Und dann umreißt er kurz die Nachkriegsjahre, die ethnisch bedingten Auseinandersetzungen in Polen, in der Tschechoslowakei, wo die Tschechen, genauso wie die Serben in Jugoslawien, sehr bald die Rolle des großen Bruders einnahmen, zum Ärgernis der Sudetendeutschen und der Slowaken im ersten, der Kroaten und der Slowenen oder der Kosovo-Albaner im zweiten Falle.

Hätte es auch anders kommen können? Wenn zum Beispiel Rumänien mit Deutschland und Österreich-Ungarn gegen Russland gekämpft hätte? Wenn die Doppelmonarchie den Krieg überstanden hätte? Boia wirft die Fragen auf, aber er lässt sie im Grunde genommen unbeantwortet. Viel Sinn machen sie sowieso nicht, lieber konzentriert sich der Historiker auf die Gegenwart. Er schließt sein kluges, provozierendes Büchlein mit einer Analyse der Beziehungen zwischen Rumänen und Ungarn im Hinblick auf die Vergangenheit und die Gegenwart Siebenbürgens, auf dem Spiel steht natürlich nicht die Geschichte, sondern, wie immer, die Zukunft. Und deshalb gibt der alte Historiker Boia keine Ruhe. Wie gut, dass er das tut.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*