Eine Familie im Dienste der technischen Entwicklung

Josef Franz Teutsch gründete die Werkstatt, die sich zur Kronstädter Werkzeug- und Maschinenfabrik (IUS) weiterentwickeln sollte

Dienstag, 05. März 2013

In diesem Haus befand sich 1833 die Gelbgießerei, wo Josef Franz Teutsch Gürtelschnallen und Glöckchen goss.
Foto: Hans Butmaloiu

Werbeseite der Jul. Teutsch Fabrik vom Mai 1936: „Festausgabe der Neuen Kronstädter Zeitung, anlässlich des hundertjährigen Bestehens“.

Sie liegen in jedem Haushalt, in der Küchenschublade, in einer Werkzeugtasche, in der Abstellkammer oder in Regalen verstreut in der Garage: Schraubendreher, Kombizangen, Schraubenschlüssel, Feilen, mit einem Wort, das nötigste Handwerkszeug in einer Hauswirtschaft. Benutzen tun wir es meistens, um kleine Reparaturen an tropfenden Wasserhähnen, einem wackeligen Scharnier oder einem Haushaltsgerät durchzuführen. Der Fachmann besitzt es auch, meistens in Werkzeugkästen, um sein Handwerk auszuüben. Doch woher kommt die Vielfalt an Zangen und Vorrichtungen, welche das Herz des „Hausmannes“ höher schlagen lassen, bevor sie in den Regalen der Baumärkte und Fachgeschäfte in schöner Verpackung den Käufer locken? Eine der Quellen befindet sich heute am Stadtrand Kronstadts, im neuen Gewerbegebiet, doch ihr erster Standort lag ganz woanders, in der Inneren Stadt, unweit des Rathauses, am ehemaligen Kühmarkt (heute Diaconul Coresi-Straße).

Messingschnallen und Dochtscheren

Der Gründer dessen, was sich zur Kronstädter Werkzeug- und Maschinenfabrik mit eigener Gießerei entwickeln sollte und heute unter dem Namen MOB & IUS bekannt ist, war Josef Franz Teutsch (1802-1875). Sein Einstieg in das Geschäft der Metallverarbeitung, aber auch die Lage der ersten Werkstatt, waren nicht zufällig: Von Haus aus war er „Gürtelmeister und Gelb- und Glockengießer“, alles Handwerke, welche Verarbeitung von Buntmetall – Kupfer, Bronze und Messing – voraussetzten. Der Standort der ersten Werkstatt – 1833 bestätigt –  war der Kühmarkt Nr. 6. Das zweistöckige Haus hatte bis dahin die Zunft der Gelb- und Glockengießer als Sitz, nach deren Auflösung der nahtlose Übergang zur erweiterten Produktpalette in derselben Werkstatt erfolgte. Von den Erzeugnissen aus dieser Zeit ist heute kaum noch etwas zu finden: Vielleicht stammen Kerzenständer, kleine Glöckchen und Fellscheren, umgeschliffen aus den ursprünglichen Dochtscheren aus der Zeit, doch ohne die Werksprägung sind diese schwer zuzuordnen. Sicher ist, dass Artikel wie Kuhschellen und Dochtscheren damals, als noch viele Wirtschaften in der Lang- und Mittelgasse eigene Milchkühe besaßen und die Beleuchtung mit Kerzen und Öllampen (beide mit Docht) erfolgte, guten Absatz gehabt haben.
Die technischen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich rasend schnell in Europa und die Handelsbeziehungen schufen neue Absatzmärkte. Eine der Entwicklungen, welche Josef Franz Teutsch in seiner Werkstatt schnell übernahm, war die Dampfmaschine als Antrieb. Da durch Erweiterung seiner Produktion die alte Werkstatt nicht mehr genügte, sah er sich nach einem neuen Standort um und fand diesen auf einem freien Gelände in der Bahnstraße Nr. 11-13. Hier begann er, Neuerungen einzusetzen, welche sein Sohn überwachte. Für kurze Zeit funktionierte eine kleine Werkstatt auch in der Schwarzgasse Nr. 37.
 
Die zweite Generation

Julius Einhelm Teutsch (1844-1875) hatte auch das Gießerhandwerk erlernt, doch nur damit gab er sich nicht zufrieden und studierte Maschinenbau. Ihm ist es zu verdanken, dass in der neuen Werkstatt 1882 eine dampfangetriebene Drehbank aufgestellt wurde. Auf dieser wurden Achsenlager und Pumpenzylinder bearbeitet, die bei den Geräten, die nun erzeugt wurden, zum Einsatz kamen. Die Dampfmaschine war eigentlich eine Lokomotive, welche eine lange Achse antrieb, die entlang einer Wand durch die Werkstatt lief und deren Drehbewegung durch ein Schwungrad gleichmäßig gemacht wurde. Von der Achse wurde der Antrieb über breite Lederriemen an Schmiedehämmer und die Drehbank übertragen. Die damals hier erzeugten Pumpen waren jedoch keineswegs das, was wir heute unter dieser Bezeichnung verstehen. Es waren Holzrahmen mit zwei Wagenrädern, auf denen zwei Zylinder angebracht waren. Die Kolben dieser Zylinder wurden von Hand über je einen Hebel betätigt, um Wasser anzusaugen und unter Druck weiterzuleiten. Sie wurden zum Löschen von Bränden eingesetzt und waren mit imprägnierten Schläuchen aus festem Gewebe versehen. Handlich und sicher, fast wartungsfrei, fanden diese Handpumpen reißenden Absatz in ganz Siebenbürgen und wurden in die benachbarten rumänischen Fürstentümer und nach Ungarn geliefert.

Neben solchen Geräten wurden in der Werkstatt all die Handwerkzeuge gefertigt, die der Markt verlangte: Stemmeisen, Brechstangen, Feilen, Zangen von unterschiedliche Größen, für Nägel, zum Falzen, Schneiden, Halten oder Biegen. Ein anderer wichtiger Teil der Produktion war für Verarbeitungsanlagen für Zucker, Spiritus und Papier bestimmt, wo verschiedene Metallteile, Zylinder, Kolben, Zahnräder und Walzen zum Einsatz kamen.  1894, zwölf Jahre nach Aufstellen der ersten Drehbank, wurde neben der Werkstatt in der Bahnstraße auch eine Graugussgießerei eingerichtet, in welcher erstmals in Sandformen der sogenannte Kokillenguss durchgeführt wurde. So wurden große Werkstücke wie Motorzylinder und Kolben für Dampfmotoren erzeugt, als Neu- oder Ersatzteile. Ein anderes Produkt aus dieser Zeit waren aus Gusseisen gedrehte Räder mit stählerner Lauffläche für den Bergbau sowie Drehachsen und Verschleißteile für die Eisenbahn.

Der Durchbruch

Einen ersten Höhepunkt erreichte die „Gießerei und Maschinenfabrik Teutsch“ nach 1900 unter der Leitung von Julius Eugen Teutsch (1869-1950), Maschinenfabrikant, und dessen Sohn, dem Maschineningenieur Walter Friedrich Teutsch.
1908 erwies sich auch die Werkstatt in der Bahnstraße 13 als zu klein und der Betrieb wurde wiederum verlegt, diesmal für genau 100 Jahre. Der neue Standort wurde neben der Ölraffinerie gewählt, gegenüber dem alten Hauptbahnhof der Stadt, wo die Bahnstraße endete, in einer Zeit, als es weiter noch gar keine Hausnummern gab. Doch die Stadtentwicklung ging schnell voran und das Grundstück bekam die Nummer 58. Über dem Eingang in die Haupthalle wurde die Jahreszahl 1833 angebracht, in der Mitte durch ein leicht stilisiertes Zahnrad getrennt, welches als Firmenlogo gedacht war. Zeitgleich wurden alle anderen Werkstätten und Büros überführt und ein Verkaufsladen in der Purzengasse Nr. 33 eröffnet. In diesem Laden konnten sich alle Handwerker, vom Installateur und Tischler bis zum Schlosser oder Automechaniker, mit dem notwendigen Handwerkszeug eindecken, welches entweder Eigenproduktion oder Importware war. Als besondere technische Neuerung der Jahre wurde in einem Werbeblatt der Firma das Bohrerfutter gepriesen, die verstellbare Befestigung für Bohrer, welche wir heute auf jedem Handbohrer finden. Der Verkaufsladen nannte sich „Technische Warenhandlung“ und bot „Werkzeuge, Messwerkzeuge u. Instrumente, Armaturen, Feuerwehrausrüstung sowie Vertretung ausländischer Fabriken“. 

Als der Dampfantrieb der Werkzeugmaschinen durch elektrischen Strom ersetzt wurde, wurde 1927 der erste Elektromotor Kronstadts in der Teutsch-Fabrik aufgestellt und in Betrieb genommen. Die Produktpalette wurde um Pumpenkörper, Laternensäulen, Antriebsräder und eine andere Neuerung erweitert: In der Teutsch–Gießerei wurde der erste Drehbankkörper gegossen. Die Verarbeitung all dieser Teile erfolgte nunmehr nicht nur mit der Drehbank, sondern auch auf Fräsen und Karusselldrehbänken. 1927 wurde der Firmenname den Erzeugnissen angepasst und sollte bis 1948 beibehalten werden: „Gießerei und Werkzeugfabrik Teutsch“. Zwischen den beiden Weltkriegen stellte sich die Firma als „JUL. TEUTSCH, Erste Kronstädter Maschinenfabrik und Eisengießerei“ vor. Angegeben wurden drei Abteilungen: die Maschinenfabrik für „Transmissionsanlagen, Pumpen, Eisenkonstruktionen. Bau und Reparatur von Industriemaschinen, Elektroschweißung“, die Eisengießerei für „Grauguß, Hart- und Kokillenguß, Bronzeguß in verschiedenen Legierungen“ und die Werkzeugfabrik für „Zangen aller Art, Rebscheren, Schneider- u. Hausscheren, Metallsägen, Dengelzeug, Gesenkschmiedeartikel“. Während der beiden Weltkriege hatte das Werk durch die Aufträge für die Armee noch zusätzliche technische Neuerungen in Fertigung und Bearbeitung übernommen, darunter die Einführung der neuesten Schmiedehämmer. Doch die Nähe zur Ölraffinerie sollte für die Werkzeugfabrik Teutsch schlimme Folgen haben, als der Bahnhof und die Erdöltanks Ziel der Bombenangriffe wurden.

Bombenangriffe

Durch seine Industrie - Flugzeugfabrik, Erdölverarbeitung, aber auch alle anderen Fabriken, welche für die Armee lieferten, war Kronstadt 1944 mehrmals Ziel der Alliierten-Bomber. In einem Bericht vom November 1944 fasste die Werkzeugfabrik Teutsch die erlittenen Schäden zusammen, diese waren erheblich. Zwar hatte man die Gießerei nach außerhalb verlagert, doch die Verarbeitungshallen standen nur wenige Meter von der Erdölraffinerie entfernt. Im Bericht werden in einer Tabelle vier Luftangriffe angegeben: am 16. IV. mit drei Treffern, am 6. V. mit 22 Treffern, am 6. VI. mit keinem Treffer und am 4. VII. mit 53 Treffern. Dieser letzte Angriff zerstörte den Verwaltungsflügel mit den Büros, einen Teil der Anlagen und die Rohstofflager. Der Bericht war an den Generalstab des VIII. Militärbezirkes gerichtet und enthielt neben Auflistungen der Schäden auch zahlreiche Fotos mit Innenansichten des Werkes, vor und nach den Luftangriffen.

Neubeginn

Einen Neustart erlebte die Werkzeugfabrik zusammen mit der Industrialisierungswelle, die1950 begann. Kronstädter Werke, aber nicht nur, begannen Werkzeugsätze für Traktoren und Lkw in Auftrag zu geben, wobei die unterschiedlichsten Größen von Schraubenschlüsseln zum Hauptprodukt wurden. In „Ioan Fonaghi“ umbenannt, setzte das Werk nach der Nationalisierung von 1948 seine Tätigkeit als alleiniger Erzeuger von Handwerkzeug in Rumänien unverändert fort. Nach 1960 wurden mehr als 120 neue Produkte für die Maschinenbauindustrie eingeführt und das Werk erneut umbenannt, diesmal in „Întreprinderea de Unelte şi Scule“, kurz: IUS. Nach der Wende von 1989 gingen die Aufträge schnell zurück. 1998 wurde IUS von dem französischen Werkzeughersteller MOB übernommen und begann nach und nach, neue Verarbeitungsverfahren einzuführen. Heute liefert MOB & IUS wieder einen Großteil seiner Produkte ins Ausland und ist bemüht, an dem neuen Standort die Tradition des Handwerks weiterzuführen. Bei dem letzten Umzug wurden auch einige alte Erzeugnisse entdeckt, welche heute in einem Ausstellungsraum stehen, darunter auch ein Feuerwehrhelm mit dem Logo der Teutsch-Fabrik: Ein Zahnrad, in dessen Mitte eine Gestalt mit ausgebreiteten Armen steht, in denen sie eine Zange und einen Hammer hält.

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