Eine faszinierende Musikerpersönlichkeit (III)

Zum 50. Todestag von Victor Bickerich (1895 - 1964)

Sonntag, 17. August 2014

Univ.-Prof. Dr. Hans-Peter Türk bei seinem Bickerich-Vortrag im Kronstädter Forum. Foto: Steffen Schlandt

 Er wurde 1959 im Rahmen der Staatsphilharmonie „Gheorghe Dima“ gehalten und sollte, zusammen mit dem Kronstädter Pianisten Emanuel Bernfeld, sämtliche der 32 Klaviersonaten Beethovens erstmals in Kronstadt zu Gehör bringen.

Bedauerlicherweise musste aber das Vorhaben nach der zwanzigsten Sonate aufgegeben werden, denn Emanuel Bernfeld verstarb plötzlich. Der Vortragszyklus erfreute sich eines ganz besonderen regen Interesses, der Saal war jedesmal gedrängt voll, wie ich noch aus eigener Erinnerung weiß und wie Herr Eckart Schlandt sicher auch bestätigen kann, denn wir haben keinen einzigen der Vorträge versäumt. Bickerich hatte ein Konzept bis zur letzten Sonate ausgearbeitet, indem er vor Bernfelds Klaviervortrag an besondere Geschehnisse aus Beethovens Leben anknüpfte oder ganz allgemeine Themen der  Musikgeschichte bzw. Musikanalyse abhandelte, um sie dann in Bezug zur betreffenden Sonate zu setzen.

Die Vorträge waren ursprünglich in deutscher Sprache abgefasst, wurden dann ins Rumänische übersetzt und so trug sie Bickerich auch vor. In der Vorlesung „Beethoven als Tondichter“ betonte er: „Ludwig van Beethoven, der Musiker, hat sich selbst ‘Tondichter’, Dichter in Tönen genannt, nicht etwa, um das Fremdwort Componist in seiner Muttersprache zu übersetzen, sondern um damit die besondere Einstellung und Absicht seiner musischen Werke auszudrücken. Kein anderer Musiker hat die Sprache der Töne so stark der gesprochenen Sprache genähert wie er. Beethoven schuf sich eine musikalische Sprache, ohne reale Worte und Buchstaben, aber mit instrumentalen Tonlauten und Tonsätzen, die den Hörern, die ihre Bedeutung verstehen lernten, eine besondere eigene Welt- und Menschenschau vermitteln konnten.

Und die Sprache Beethovens wurde verstanden. Das ist ja ein besonderes  Kennzeichen von Beethovens Werken, dass sie von den Menschen aller Zonen und Zungen eben verstanden werden,  dass sie Spieler und Hörer ergriffen und packten, ja sogar erzogen und bildeten, dass durch Sonaten und Sinfonien, man kann sagen, eine neue musikalische Weltschicht geformt wurde. Wir haben unzählige Beispiele für diese unmittelbare seelische Wirkung von Beethovens Musik. Es sind keine somnambulen Träume, keine hypnotischen Trancezustände, keine hysterischen Nervositäten, die die Musik Beethovens erregt, sondern klare energische Äußerungen von größter Freude und tiefstem Leid, von männlichem Heldentum und weiblicher Seelengröße, von leidenschaftlicher Tragik und glücklicher Natur. Beethoven selbst hat einmal bei einem Konzert in der Berliner Singakademie einige von Rührseligkeit weinende Frauen scharf angefahren: „‘Die Musik soll dem Manne Feuer aus den Augen schlagen lassen’, rief er. So, in diesem Sinne, hat z. B. die Tonsprache Beethovens auf Lenin, wie uns berichtet ist, gewirkt, als Wladimir Iljitsch zum ersten Male die Sonate op.57 in f-Moll hörte, die später den Beinamen ‘Appassionata’ erhielt“.

Es sei daran erinnert, dass wir das Jahr 1959 schreiben. Kronstadt hieß seit neun Jahren Stalinstadt und ein Jahr zuvor hatten der Schwarze-Kirche-Prozess und der Schrifsteller-Prozess stattgefunden, in denen Stadtpfarrer Konrad Möckel und mehrere namhafte sächsische Schriftsteller und Jugendliche  zu schweren Haftstrafen verurteilt worden waren. Die sächsische Bevölkerung (und nicht nur diese) war verschüchtert und Zusammenkünfte, sei es auch nur im Zeichen der Musik, bargen vermutlich ein Risiko, umsomehr als Bickerich Stadtpfarrer Möckel sehr nahe gestanden hatte. Diese Bezugnahme auf Lenin in Verbindung mit Beethoven hat Bickerich ganz gewiss nicht von seinen Berliner Professoren für Musikwissenschaft Kretzschmar und Friedländer empfangen. Sie stammt wahrscheinlich aus der „modernen sowjetischen Enzyklopädie“, auf die Bickerich in seinem Händel-Vortrag Bezug nimmt. Diese Art der sowjetischen Musikgeschichtsschreibung durften wir als Studenten auch nachbeten. In keinem der weiteren Beethoven-Vorträge kommt es zu einer neuerlichen Äußerung dieser Art. Bickerich hat sie geschickt in den ersten Vortrag eingebaut und damit den interessierten Stellen signalisiert, dass von diesen musikalischen Zusammenkünften keinerlei Gefahr ausgehen könne. Möglicherweise mussten Bickerichs Texte sogar noch die Zensur durchlaufen, um die Erlaubnis des Vortrags zu erhalten.

Um wenigstens einen kleinen Eindruck jener Vortragsreihe vermitteln zu können, greife ich auf ein Fragment des sechstes Vortrags zurück. Er trägt den Titel „Beethovens Gehör“. „Die Charakteristik der musikalischen Tonarten merkt im letzten Sinne nur der Zuhörer, der im Besitze des sogenannten absoluten Gehörs ist. Unter absolutem Gehör versteht man die Fähigkeit, Tonhöhen im akustischen Gedächtnis zu behalten, d. h. jeden beliebigen Ton sofort nach seiner Höhe genau feststellen oder singen zu können.  Mit dieser angeborenen Fähigkeit ist die Musikalität nicht unbedingt automatisch verbunden, obwohl umgekehrt das absolute Gehör für jeden Musiker eine vorteilhafte Beigabe ist.

Es gibt viele Tierarten, wie z.B. alle Hunde, Pferde, Elefanten usw. die über das absolute Gehör verfügen; man kann das physiologisch genau feststellen. Auch einzelne Volksstämme, namentlich unter den Negern Afrikas und den Malaien Indonesiens sollen es ausnahmslos besitzen.  Unter unseren Orchestermusikern findet man es häufig, die großen Componisten haben es fast alle besessen.  Doch soll es z.B. Robert Schumann und Richard Wagner gefehlt haben.

Beethoven war bestimmt im Besitz auch dieser Fähigkeit des Gehörs, es ist unvorstellbar, wie er im andern Falle nach seiner Ertaubung hätte componieren können. Die sechste Klaviersonate in F-Dur op.10 Nr. 2 gibt uns in einer reizvollen musikalischen Episode einen entzückenden Beweis,  wie der Meister auch diese rein akustische Eigenschaft in den Dienst des musikalischen Ausdrucks stellte.
Die ganze F-Dur Sonate ist ein besonders liebenswürdiges, mit viel Humor durchsetztes Stück. Sie besteht wie ihre Vorgängerin in c-Moll nur aus drei kurzen Sätzen. Der erste Satz, ein Allegro, scheint wie in heiterer Lust leicht und natürlich hingeschrieben. Hier spielt sich die Episode mit dem absoluten Gehör ab: als nach der Durchführung der Satz zur Reprise des Hauptthemas in F-Dur zurückkehren soll, leitet Beethoven nach der Tonart D-Dur und nimmt in ihr das Hauptthema auf. Dann, als ob er den Irrtum zu spät bemerkte, schüttelt er leise lächelnd den Kopf, moduliert kurz und fährt richtig in F-Dur fort.“

Ich hoffe die Neugierde auf weitere schriftliche Äußerungen Victor Bickerichs geweckt zu haben und hege die Hoffnung, dass diese Neugierde in nicht allzu langer Zeit durch eine entsprechende Publikation gestillt werden kann.   

(Schluss)

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