„Eine freie Ausdrucksform, ein Ausdruck des Nonkonformismus”

Interview mit dem aus Temeswar stammenden Jazzmusiker und Maler Eugen Gondi

Mittwoch, 03. April 2013

Das Eugen Gondi Trio bei G²râna Jazz 2012: C²t²lin Milea (Saxophon), Eugen Gondi (Schlagzeug) und Bambam Rodriguez (Kontrabass) Foto: Dragoslav Nedici

Der gebürtige Temeswarer Jazzmusiker Eugen Gondi lebt seit etwa zwei Jahrzehnten in Holland. Er absolvierte das Kunstlyzeum in Temeswar/Timişoara. In Sachen Musik war er ein Autodidakt und etwas über Filme lernte er bei den Amateurfilmern des CFR-Clubs. Anfang der 70er Jahre wurde sein Film „Liebesgeschichte” (ursprünglich „Entschädigung“), „der erste abstrakte Film in Rumänien”, bei einem nationalen Festival für Amateurfilmer mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Im Laufe der Jahre spielte er u.a. mit bekannten rumänischen Musikern wie Paul Weiner und Emil Müller im Jazz Free Trio in Temeswar, mit Toni Kühn, Johnny Bota und Dan Ionescu im Eugen Gondi Quartett oder mit Johnny Răducanu, Dan Mândrilă, Ştefan Berindei und Marius Popp im Bucureşti-Quintett, nicht zuletzt auch mit dem Curtis Clark Quintett. Über den rumänischen und Temeswarer Jazz gestern und heute, sein Publikum und das Jazzfestival in Wolfsberg/Gărâna sprach die BZ-Mitarbeiterin Iulia Sur mit dem Jazzmusiker Eugen Gondi.

Sie begannen im Teenageralter zu spielen. Waren Sie ein reiner Autodidakt oder hatten Sie auch Lehrer?

 

Nein, Lehrer hatte ich keine. Ich war und blieb ein Autodidakt.

Gab es Musiker, die Ihnen als Vorbilder dienten?

Selbstverständlich, aber diese Vorbilder kamen, nachdem ich die Möglichkeit hatte, LPs zu haben. Mein Vorbild und mein Lieblingsdrummer war Tony Williams und das Miles Davis Quintett. Ich war ihr großer Fan, bis ich so etwa elf Jahre alt war, bis ich Coltrane spielen hörte...

Wann hörten Sie Coltrane spielen?

Ich glaube, ich war 21-22 Jahre alt, als ich nach Bukarest kam, Peter Bányai kennenlernte, der einen Club im „Petöfi Sándor”-Haus eröffnet hatte. Er machte mich mit den ersten Aufnahmen, LPs von John Coltrane vertraut. Bei Tony Williams, besonders beim Miles Davis Quintett in den 60er Jahren, beeindruckte mich am meisten die Melodie und die Interaktion. Es ist eine Band, die meiner Meinung nach die Tradition des New-Orleans-Jazz wieder aufnahm.

Was können Sie über das Temeswarer Musikleben in den 60er und 70er Jahre berichten?

Es war sehr reichhaltig. In diesen Jahren begann ich eigentlich, Instrumente zu spielen. Mein erster Kontakt zur live gespielten Jazzmusik war mit Robi Teufel, von uns Tzumpi genannt, von dem ich die ersten Jazzstücke lernte. Jazz wurde hier in Restaurants gespielt, in den Clubs wurde getanzt...

Erinnern Sie sich noch an einige dieser Clubs?

Aber selbstverständlich! Der Club der Bierbrauerei, wo die Vékony-Brüder spielten; der ILSA-Club, wo Peter Wertheimer und sein Vater spielten; der Tehnolemn-Club, wo zu einem Zeitpunkt Puiu Bodea, der früher die Pauken bei der Philharmonie schlug, mit „Puiu” Lazaru und Bebe Jivănescu spielte, wo ich während des Sommers fast täglich hinging, um sie spielen zu hören. Ich ging jeden Abend auch zum Jagdwald, zum „Ţânţaru”, so hieß das Lokal, wo sie im Freien spielten. Pethö Stefan spielte Kontrabass, Şuni Trompete, „Tzumpi“ am Klavier, Enache am Schlagzeug und Bebe Jivănescu Tenor (Saxophon). In dieser Zeit gab es sehr viele Jazzmusiker in Rumänien, so dass sich acht Gruppen bildeten, die am ersten Jazzfestival in Ploieşti teilgenahmen...

Wann war das?

1967 oder 1968. Es gab zwei Auflagen, nachher wurde das Festival verboten und bei der nächsten Auflage 1969 funktionierte bereits der Jazzclub bei ARLUS in Temeswar, wo wir im Keller einen Proberaum eingerichtet hatten. Ion Teslaru war damals Direktor dort, ein großer Jazzliebhaber... Dann 1969, glaube ich, luden wir neue Gruppen aus dem ganzen Land ein und wir veranstalteten beim Sitz des Clubs zwei Jazzabende, eine Art Festival, aber es hieß nicht so, und 1970 wurde alles nach Hermannstadt verlegt.

Welches waren die bedeutendsten Temeswarer Jazzmusiker?

Es war Paul Weiner, mit dem wir ein Trio hier bildeten, mit dem wir 1970 am Festival in Prerov in der Tschechoslowakei teilnahmen, wo er den ersten Preis für Komposition erhielt und wir als Trio die Silbermedaille. Es waren noch Peter Wertheimer; Tubi Holcz, der beim Athenée Palace spielte; Metelka Karcsi, ein außergewöhnlicher Saxophonist; Karcsi Svoboda, ein sehr guter Saxofonist; Roncov, der bei der Philharmonie Posaine blies und wunderbar spielte; Rudi Fuchs am Klavier; Wiesinger, der am Klavier spielte und Paul Weiners erster Lehrer war; Emil Müller, Kontrabassist; Pethö Stefan, Kontrabassist; Joska Virág, von der Kontrabass-Abteilung der Philharmonie. Es gab noch einen außergewöhnlicher Drummer, als ich noch klein war, Puiu Dăne], ein wahrer Virtuose, der im Lloyd mit einem anderen wunderbaren Pianisten, Bratu Bănică, spielte.

Wie war der Temeswarer Jazz damals?

Im Vergleich zum Rest des Landes war der Temeswarer Jazz ziemlich fortgeschritten, da ein rascherer Kontakt zum Westen bestand und du jeden Dienstag, ich erinnere mich, bei Radio Novi Sad „Randevu sa muzikom” um viertel acht hören konntest, wo nur Jazzmusik gespielt wurde, ansonsten hörten wir „Voice of America” mit Willis Conover auf den Kurzwellen. Also war das unsere Chance, dass wir weiter westlich gelegen waren und leichteren Kontakt zur westlichen Kultur hatten.

Sie haben auch Richard Oschanitzky, der aus Temeswar stammte, gekannt...

Oschanitzky lernte ich in Bukarest kennen, ich wusste nicht, dass er aus Temeswar stammte. Er kam hierher zu Besuch, ich war noch in Temeswar. Er spielte eine Bearbeitung von Chopins „Nocturnes” sowie die erste Bearbeitung aus der rumänischen Folklore, „Auf dem Hügel bei Cornăţel” („Pe deal pe la Cornăţel”), die ich kenne. Wir spielten im Trio mit Pedro, so nannten wir Pethö Stefan, und wir veranschaulichten im Trio seine Vorträge, denn Oschanitzky hielt eine Art öffentliches Seminar oder einen Kurs im Studentenhaus. Dann, als ich entgültig nach Bukarest umzog (endgültig... ich lebte etwa 12 Jahre dort!), spielte ich sehr viel mit ihm. Ich glaube, ich habe so um die 30 Aufnahmen mit Oschanitzky im T8 beim Rundfunk, die ganze „Parlo vento”-Serie, er hatte eine Reihe von Kompositionen unter diesem Titel, und „Eurasia”. Das war 1973.

Sie spielten eine Zeit auch mit der Phoenix-Rockgruppe...

Ja, am Anfang, als ich das Lyzeum besuchte, in der 9. oder 10. Klasse, aber ich blieb nicht lange mit ihnen. Inzwischen stieß ich auf den Jazz und im Allgemeinen missfiel mir jenes machoartige Popstar-Auftreten.

Wann haben Sie sich endgültig für den Jazz entschieden?

Für den Jazz... also in der 11. Klasse im Lyzeum, als ich mit Svoboda hier im Cina-Garten spielte, und ganz entgültig, als ich drei Jahre lang durchs Land zog, um mit Depolds Gruppe aus Arad meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als ich dann 1969 nach Temeswar zurückkehrte, gründete ich das erste Trio mit Emil Müller und Paul Weiner und wir funktionierten im Club der Igiena-Genossenschaft, die irgendwo hinter der Domkirche am Domplatz war.

Sie spielten beim Jazzfestival in Wolfsberg bei einer der früheren Auflagen 2001 und dann erst 2012 mit dem Eugen Gondi Trio. Wie waren beide Erfahrungen?

Die erste war wie jeder Anfang im Garten von Gigi Tăuş. Nachher habe ich nicht mehr teilgenommen, ich lehnte ab, denn ich wurde mit dem Vertrag, dem Geld übers Ohr gehauen. Letztes Jahr kam ich mit dem Trio, mit Cătălin und Bambam. Im selben Jahr, als Johnny Bota das Gondi-Quartett in Temeswar zusammenbrachte, hatten wir ein Konzert bei der Philharmonie und eins im neuen Saal des Kreisrates. Giura war auch dort und fragte mich, ob ich nicht ein Projekt für Wolfsberg machen möchte, und ich schlug dieses Projekt mit Bambam vor. Alles war perfekt organisiert, ausgezeichnet. Er rief mich an und für dieses Jahr soll ich auch ein Projekt mit einem Trio machen, mit Peter Wertheimer aus Tel Aviv, ebenfalls ein Temeswarer, und einem Bassisten aus Tel Aviv, ich kenne seinen Namen nicht, ein bedeutender Name in Israel.

Welche Bedeutung hat das Jazzfestival in Wolfsberg?

Das Jazzfestival in Wolfsberg ist ein außergewöhnlich qualitätvolles Festival. Ich war überrascht, welche Gruppen Giura bringt, aber ich glaube, dass die Tatsache, dass er Jazz von höchster Qualität, tatsächlich Weltspitze, anbietet, sehr gut für die Förderung dieser Musikart und die Erziehung des Publikums hinsichtlich eines qualitätvollen Jazz ist.

Wie ist das Publikum heute im Vergleich zu dem in den 60er und 70er Jahren?

Kann ich nicht genau sagen. Die Tatsache, dass sehr viele dorthin (nach Wolfsberg) kamen, es waren 7000-8000 jeden Abend und ich sah die Zelte der Studenten, es scheint mir, dass diese Musik ein Publikum hat und ich glaube, dass dessen Motivation der Wahrheit näherer kommt, also dass es Motivation für den Jazz ist. Früher kamen sie zu Jazzveranstaltungen, weil Jazz eine freie Ausdrucksform, ein Ausdruck des Nonkonformismus dem System gegenüber, in dem wir damals lebten, war. Viele kamen weil es ein, sagen wir mal, amerikanisches Produkt war, oder weil die Menschen sich auf der Bühne ungestört frei ausdrücken konnten, weil die Musik keinen Text hatte und keine Gefahr für das damalige soziale und politische System darstellte. In diesen Zeiten kam der Zuschauer auch deswegen, um einen Augenblick Freiheit zu genießen, heute hingegen, glaube ich, kommen sie nur wegen der Jazzmusik.

Wie ist der Jazz von heute in Rumänien beziehungsweise in Temeswar?

Die Orientierung des Jazz ist wie in jedem Land kommerzieller, man versucht, ihn mehr dem Geschmack des Publikums entgegenzubringen, gerade deshalb, um ein breiteres Publikum zu gewinnen. Die Jazz-Experimente sind minimaler, weltweit ist die wahre Bedingung des Jazzers oder des Künstlers im Allgemeinen, einen Beruf auszuüben oder seinem Herzen ziellos zu folgen, egal ob es Literatur oder Jazzmusik ist, nicht gezielt irgendwohin zu gelangen, sondern zu schreiben, weil man das Bedürnis hat zu schreiben, zu spielen, weil man das Bedürfnis hat zu spielen. Im Augenblick, in dem du dir ein Ziel setzt, stehst du schon im sozialen Bereich. Im Augenblick, in dem du zwei Buchstaben auf ein Blatt Papier schreibst und denkst, was derjenige wohl sagen wird oder ob derjenige mich kaufen wird, ist deine Seele verloren. Und in der Musik, im Jazz, in der Malerei ist es ebenso. Im Augenblick, in dem du denkst, es ist ein Mittel zum Lebensunterhalt, ist es sehr schwer, ein gerades Rückgrat zu bewahren.

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