„Eine Geschichte ohne den Ersten Weltkrieg ist durchaus vorstellbar“

Zu Lucian Boias „Der Erste Weltkrieg. Kontroversen, Paradoxa, Neudeutungen“

Donnerstag, 14. April 2016

Der Historiker Lucian Boia prägt mit seinen Werken seit 20 Jahren den Diskurs über das rumänische Geschichtsverständnis.

Lucian Boia: „Der Erste Weltkrieg. Kontroversen, Paradoxa, Neudeutungen“

Das in deutscher Sprache dieses Jahr im Schiller Verlag Bonn - Hermannstadt erschienene Buch Lucian Boias „ Der Erste Weltkrieg. Kontroversen, Paradoxa, Neudeutungen“, in Georg Aeschts Übersetzung aus dem Rumänischen, greift eines der größten Themen der neueren Geschichte auf und fordert die Leser heraus, ihr Vorwissen neu zu bedenken. Erstmalig veröffentlicht wurde das Buch 2015 im Humanitas Verlag Bukarest.

Boias Schreibstil ist auch in der Übersetzung unverkennbar: Essayistisch wird Geschichte zum Leben erweckt, oft provokativ, bewusst ohne viele Quellenangaben. Aber gerade dadurch sind seine Bücher ansprechend, gut zu lesen und einmal angesetzt, kann man sie kaum aus der Hand lassen. Mit augenscheinlicher, für manche Historiker zu lockerer Leichtigkeit, aber steter Besinnung auf die Möglichkeiten der Geschichtsschreibung – was im Übrigen zu bedenken gibt, wie schwierig oder gar unmöglich es ist, geschichtliche Sachzusammenhänge wirklichkeitsgetreu und eindeutig nachzuzeichnen – arbeitet Boia sich durch Fragmente der Vergangenheit durch, eröffnet Fragen neu, deckt Vorurteile auf, und spricht damit eine sehr breite Leserschaft an.

Mit einer kurzen Chronologie verankert Boia gleich zu Beginn seine Überlegungen in Daten. Das erste Kapitel der insgesamt sechs geht der Überlegung nach, dass der Krieg vielleicht hätte vermieden werden können. Anschließend werden die „Schuldigen“ des Kriegsausbruchs ins Auge gefasst. Das dritte und vierte Kapitel sind jeweils Deutschland und Rumänien gewidmet. Wie bei Kriegsende Recht und Unrecht durch den Friedensvertrag von Versailles geschaffen wurde, wird noch eingehend besprochen, bevor seine Folgen das 79-seitige Buch abschließen. Schon der Umfang und die Kapitelüberschriften verraten, dass es sich kaum um eine umfassende Abhandlung zum Thema handelt, sondern vielmehr um Anstöße und Anregungen zu einer Umdeutung der Auffassungen zum Ersten Weltkrieg, indem gewisse Teilaspekte neu ins Licht gerückt werden.

Boias Hauptthese für die Neudeutungen lautet: „Eine Geschichte ohne den Ersten Weltkrieg ist durchaus vorstellbar, doch ausschließlich im Bereich des Imaginären.“ Die Vorstellungskraft setzt Boia ein, um die Geschichte aus einem neuen Blickwinkel zu durchleuchten, ohne dabei die Wirklichkeit zu vergessen: „Natürlich ist die einzige Geschichte jene, die stattgefunden hat, und der Erste Weltkrieg hat darin seinen Platz.“ (S. 22) Sein Anliegen ist, die Kausalität, „ein reichlich verstaubter Begriff“ (S. 12), mit Bezug auf Geschichte zu hinterfragen. Geschichtlich sind eher Interaktionen als eindeutige Ursachen und Wirkungen zu vermerken. So schlägt Boia eine Diskussion vor, um „einen komplexeren und subtileren Kausalmechanismus in den Blick zu nehmen, der weniger bestimmend und vorhersehbar ist als das Erklärungsmuster, an das sich die Historiker gewöhnt haben.“ (S. 22)

Wie der Sieg Deutschlands an einem seidenen Faden hing, der letzten Endes riss, was auf Fehler der deutschen Befehlshaber zurückzuführen ist, formuliert Boia fast schon sarkastisch: „Deutschland hätte den Krieg gewinnen können, da es ihn aber nicht gewonnen hatte, war es dazu verdammt, ihn zu verlieren.“ (S. 43) Bei der Friedenskonferenz wurde Deutschland dann „so schwer getroffen wie nur irgend möglich“ (S. 61). Darin sieht Boia den Schlüssel zum Zweiten Weltkrieg, der ein in totalitäre Systeme zersplittertes Europa ergriff. Diese Entwicklung Europas in der Zwischenkriegszeit „war kein Scheitern der Demokratie vom Grundsatz her, sondern das Scheitern von Gesellschaften, die auf Demokratie noch ungenügend vorbereitet waren.“ (S. 74)

Wer sich allerdings auf den Bereich des Imaginären einlässt und Konjunktiven der Vergangenheit Raum lässt, muss auch damit rechnen, dass gelegentlich der Knoten im Hals stecken bleibt, spätestens hier: „Im Jahr 1914 rechnete man nicht mit dem Untergang der Reiche. Infolgedessen meinte man, Rumänien habe das Österreich-Ungarn abgeforderte Gebiet – durch einen Blutzoll – zu entgelten gehabt. Die Ironie der Geschichte zeigt sich darin, dass es dieses Gebiet vielleicht auch ‚gratis‘ hätte haben können.“ (S. 58)
Die Freiheit der Entscheidungen zeigt sich auch nachträglich, wenn die Karten bereits gespielt sind – ‚es hätte anders kommen können‘ ist schwerer zu tragen als etwa ‚es hat so sein sollen‘, bleibt aber förderlich für verantwortliches Denken und Handeln.

Manche Bücher lassen sich leichter von der Schlussfolgerung zu den Voraussetzungen hin lesen. So systematisch ist dieses Buch nicht aufgebaut, die Kapitel lassen sich durchaus auch einzeln lesen, ohne dass sie dadurch ihren Sinn einbüßen. Die letzten Sätze können sogar dem gesamten Text voran gestellt werden – und motivieren somit die Leser, aufgeworfene Fragen wiederholt zu durchdenken. Darin heißt es, weil Späteres, wie der Zweite Weltkrieg, viel schwerer hätte vermieden werden können als der Erste Weltkrieg, „erscheint 1914 als Moment ‚Null‘ eines Zeitalters, von dem wir auch heute noch nicht wissen, wohin es die Menschheit führen wird.“ (S. 79)

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*