Eine junge und mutige rumänische Theaterszene

Freitag, 22. April 2016

Von links: Alexandra Badea (Autorin und Regisseurin), Daria Hainz (Übersetzerin), Gianina Cărbunariu (Autorin und Regisseurin), Irina Wolf (Journalistin und Theaterkritikerin), Elise Wilk (Journalistin und Autorin), Ramona Olasz (Schauspielerin), Klaus Christian Olasz (Diplomat)

Das Stadttheater Ingolstadt stellt seine jeweiligen Spielzeiten unter ein Motto. 2008/2009 war es die Demokratie, 2012/2013 der Rasende Stillstand, 2013/2014 das Glück und heuer benötigt man Nur Mut!. Diesen Überschriften sind nicht nur reine Theaterproduktionen in mehreren Spielstätten thematisch zugeordnet, sie stehen auch für Aktivitäten mit gesamtgesellschaftlichem Charakter, die das rührige Ensemble des Theaters aus der bayerischen Donaustadt seit Jahren erfolgreich praktiziert. Dabei werden Kontakte auch weit über die bayerischen und bundesdeutschen Grenzen hinaus geknüpft und je nach Situation auch länger gepflegt.

Eines dieser Projekte wurde 2012 in Angriff genommen: danubia connection. Theaterleute der zehn Donauanrainerstaaten sollen sich kennenlernen, sich austauschen und so voneinander lernen. Beim Start in dieses Projekt kamen die Stücke König Ubu von Alfred Jarry und Ubus Prozess von Simon Stephens in einer Koproduktion mit dem Theater KOMA aus Budapest zur Aufführung. Aus dem Spielzeitbuch des Stadttheaters Ingolstadt für die Saison 2012/2013 erfährt man, dass „aufgrund des großen organisatorischen Vorlaufs die Reihe danubia connection im Zweijahresrhythmus stattfinden wird. In der Spielzeit 2013/2014 steht die Theatersituation in Rumänien im Fokus des Stadttheaters.“ Es hat dann aber doch etwas länger gedauert, bis der Intendant des Stadttheaters Ingolstadt, Knut Weber, die Protagonisten von danubia connection N° 2 im Vorraum des Kleinen Hauses, eine von mehreren Spielstätten des Theaters und direkt an der Donau liegend, begrüßen konnte.

Man kann ohne Übertreibung von einem ganzen Theatertross sprechen, der hier aus Rumänien und darüber hinaus angereist war. Namentlich begrüßte der Intendant radebrechend – rumänische Namen mit diakritischen Zeichen sind nun mal nicht jedermanns Sache – neben den anwesenden direkt in die rumänische Theaterszene involvierten Personen noch Irina Cornişteanu, Direktorin des Rumänischen Kulturinstituts Wien, Alexandra Crăsnaru, Kulturreferentin am Rumänischen Kulturinstitut Berlin, Klaus Christian Olasz, vom Referat für Kultur, Bildung und die deutsche Minderheit an der Deutschen Botschaft Bukarest, Ramona Olasz, Gründerin des deutschsprachigen Theaterlaboratoriums Bukarest, Dr. Alexandrina Panaite, erste Sekretärin an der Rumänischen Botschaft in Berlin, Ramona Trufin, Vorsitzende des Rumänischen Freundeskreises Ingolstadt, und last but not least Dorina Butucioc, Theaterkritikerin aus der Republik Moldau.

Was hier drei Tage lang vom 8. bis 10. April in Ingolstadt über die Bühne ging, war ein kleines Theaterfestival mit Vorträgen, Aufführungen und nicht zuletzt interessanten Publikumsdiskussionen. Am Freitagabend hielt die in Bukarest geborene und in Wien lebende und arbeitende Journalistin und Theaterkritikerin Irina Wolf einen Vortrag zur rumänischen Theaterszene. Sie hat auch schon am Theater Ingolstadt gearbeitet und die aufrechterhaltene Beziehung zu diesem Haus hat die Durchführung dieses Theaterprojekts in Ingolstadt wesentlich erleichtert. Es war für das Publikum interessant, Aspekte einer anderen Theaterszene kennenzulernen, zumal die ersten hier vermittelten Informationen in mehreren folgenden Publikumsgesprächen mit den anwesenden Autorinnen und Regisseurinnen – das männliche Element fehlte seitens der rumänischen Seite komplett – vervollständigt werden konnten. Am gleichen Abend kam Domestic Products von Xandra Popescu unter der Regie von Ioana Păun zur Aufführung. Das Stück wurde von Ioana Flora und Smaranda Nicolau gespielt und war für die deutschen Zuschauer übertitelt. Gleich an die Aufführung schloss sich ein Publikumsgespräch mit der Regisseurin Ioana Păun an. Moderiert wurden alle Gespräche dieses und der nächsten Tage von Irina Wolf.

Die weiteren Aufführungen der rumänischen Theatertage wurden insgesamt als szenische Lesungen in deutscher Sprache von Ensemblemitgliedern des Ingolstädter Stadttheaters dargeboten – oft mit viel Witz, aber auch professionell solide. Am Samstag standen gleich zwei Stücke von Gianina Cărbunariu auf dem Programm: Schrift in Großbuchstaben und Spargel. Die deutsche Fassung der Stücke stammt von Daria Hainz, die auch als Übersetzerin bei den jeweils folgenden Gesprächen der Autorin mit dem Publikum eine gute Figur abgab. Der rumänische Theatersonntag in Ingolstadt begann bereits um 14 Uhr mit einem sehr interessanten Vortrag des Diplomaten Klaus Christian Olasz. Er leitet an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest das Referat für Kultur, Bildung und die deutsche Minderheit. Der Kenner der rumänischen Kulturszene zeigte sich weit weniger pessimistisch über den Stand der Kultur dieses Landes als man es aus anderen mehr oder weniger berufenen Mündern oft hört. Auch an diesem Tag standen zwei szenische Lesungen von Stücken aus dem reichen rumänischen, zeitgenössischen Theaterfundus auf dem Programm: Zimmer 701 von Elise Wilk und Zersplittert von Alexandra Badea. Beide Autorinnen stellten sich dem Gespräch mit dem Publikum, das sich auch am dritten Tag dieser Veranstaltungsreihe neugierig und aufgeschlossen zeigte.

Zum Abschluss der Veranstaltung nahmen noch einmal alle Protagonisten an einer Podiumsdiskussion teil. Zum ersten Mal trat hier auch Ramona Olasz in Erscheinung. Sie erläuterte in einigen Worten, wie sie zusammen mit ihrem Gatten Klaus Christian Olasz das Theaterlaboratorium Bukarest gegründet hat. Ein hochinteressantes Experiment, dem man nur viel Glück wünschen kann, handelt es sich doch um das erste deutsche Theater in der rumänischen Hauptstadt überhaupt. In der sehr lebhaften Diskussion ging es besonders um die Schwierigkeiten der wenigen nicht subventionierten Theatergruppen, aus deren Umfeld alle anwesenden Autorinnen und Regisseurinnen stammen, und den staatlich geförderten, aber ziemlich „verstaubten“ Theaterbetrieb, dem der Geruch des sozialistischen Systems noch immer anhaftet. Auch der Intendant des Ingolstädter Hauses meldete sich noch einmal zu Wort und hatte nur lobende Worte für die gehörten Texte. Er machte zwar keine Versprechungen, meinte aber, dass man sich über das eine oder andere rumänische Stück auf seinem Tisch noch einmal beugen werde und weitere Zusammenarbeit mit rumänischen Autoren und Autorinnen nicht auszuschließen ist. Sollten in den kommenden Spielzeiten tatsächlich zeitgenössische rumänische Stücke im Repertoire des Stadttheaters Ingolstadt auftauchen, dann wird man im Nachhinein diese dreitägige Veranstaltung in der Donaustadt als vollen Erfolg bewerten können.

Wie bei einem Festival üblich, gab es auch hier zum Ende der jeweiligen Theatertage und –abende ein Buffet, am Samstag und Sonntag sogar mit Musik, die von den Bands Toulous Lautrec und Gitanes Blondes gespielt wurde. Was diesem sehr unterhaltsamen und informativen Theaterfestival mit Werken junger rumänischer Autorinnen fehlte, war ein zahlreicheres Publikum. Gut, die über zehntausend Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen in der Region waren noch nie besonders theaterbegeistert, auch in ihren alten Heimatregionen nicht (Theater hat nun mal keinen Volksfestcharakter wie Kerweih oder Kronenfest), aber von den vielen Rumänen, die mittlerweile im Raum Ingolstadt leben, hat sich leider auch kaum einer blicken lassen. Diese jungen, selbstbewussten, kreativen und sehr talentierten Theaterautorinnen aus Rumänien hätten wahrlich mehr Resonanz in der Öffentlichkeit verdient.

Mark Jahr

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