Eine Klage wegen der Wildschweinplage

Die Tiere sind auch wegen der Schweinepest eine Gefahr

Samstag, 28. April 2018

Bild: pixabay.com

Vor zehn oder 15 Jahren haben die Wildschweine bei uns in Tirol (Königsgnad) im Banater Bergland ausschließlich die Jäger interessiert. Wenn einer das Glück hatte, dann gab´s Fleisch und Wurst für die nächste Zeit. Als dann die Schweine mehr wurden, interessierten sich diese zunehmend für unseren Mais – und wir interessierten uns, notgedrungen, für sie. Einige verbrachten viele Nächte bei ihrem Mais und verscheuchten die Wildschweine mit Lärm. Wir zogen doppelten Elektrodraht und der Strom hielt sie eine Zeitlang etwas auf Distanz.

Als sie sich weiter vermehrten, hängten wir unsere Hunde am Feld an eine lange Kette. Das half nur vorübergehend und verschonte nur den Mais in der Nähe der Hunde. Dann rückten wir mit dem Mais immer näher ans Dorf und bauten weiter weg vom Dorf andere Früchte an. Letztes Jahr half auch das nicht mehr. Keine hundert Meter von den Häusern des Dorfes entfernt richteten die Wildschweine großes Unheil an.

Unsere Beschwerden bei den Jägern waren reinste Zeitverschwendung. Voriges Jahr versuchten wir es mit einem schriftlichen Beschwerdebrief bei der Gemeinde, den Jägern, bei der Landwirtschaftsdirektion, bei der EU-Zahlstelle APIA, bei der lokalen Presse. Der Artikel dürfte den Jägern nicht gefallen haben, denn am nächsten Tag, bei etwa 40 Grad im Schatten, war schon eine Strafexpedition unterwegs: Die Jäger wollten sich in unserem Wald mit Holz für Hochstände bedienen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass wir bei jener Temperatur bei den Bienen in der Nähe waren. Sie haben dann fluchtartig das Holz liegen lassen, mit dem Jeep eine Staubwolke produziert und auf der Flucht einige Plastikteile des Jeeps verloren. Nächsten Tag war der Jeep im Dorf auf Reparatur. Das liegengebliebene Holz war gerade richtig für den Bau eines Hochstands, weil normale Holzdiebe sich nur die großen Stämme herausholen und alles andere liegenlassen...

Wegen des Zeitungsartikels gab es dann etwas Reaktionen: Die Präfektur verlangte von der Gemeinde eine Antwort, die als Aufforderung übers Telefon kam. Wir sollten mit Rechnungen fürs Saatgut, für Spritzmittel und Dünger vorstellig werden. Ein paar Tage später kam eine telefonische Aufforderung, nach Reschitza zu kommen – doch was sollten wir dort suchen? Die Mühe, den Schaden vor Ort zu besichtigen und zu schätzen, wollte sich keiner machen. Der Mais war einmal der schönste im Dorf, aber uns ist nur ein kläglicher Rest geblieben. Schaden hatten wir auch an Sonnenblumen, Hafer und Sorghum.

Die angebauten Kulturen werden jetzt immer weniger. Die Wildschweine immer mehr. Sie vermehren sich enorm und werden so gut wie nicht bejagt. Die Jäger haben die Vermehrung völlig unterschätzt oder ignoriert. Was hilft ein schöner Abschussplan, wenn er nur ansatzweise erfüllt wird? Erste Schäden in Hausgärten direkt im Dorf werden schon registriert. Ein Eber im Dorf erlebte schon aufdringlichen Besuch von Wildschweindamen – zum Glück hatte der Verschluss der Stalltür gehalten. Der Eber wäre sonst für immer verschwunden.

Fehlt nur noch, dass sie uns die Schweinepest ins Dorf bringen. Dann können wir uns von unseren Hausschweinen verabschieden und brauchen auch keinen Mais mehr anzubauen. Das raten uns ja die Jäger und auch der Bürgermeister empfiehlt uns diese „Methode“. Dass er auch Jäger ist, versteht sich. Auch der nächste Schritt ist schon bedacht: In der ganzen Gemeinde hängen Angebote von einem großen Jäger aus Bokschan, dass er unseren Boden pachten oder kaufen will, wenn wir das Handtuch geworfen haben. Aber der wird kein Futter für die Wildschweine kultivieren (das machen ohnehin nur wir Dummen) und man braucht nicht viel Phantasie, was passieren kann, wenn das Futterangebot immer geringer und die Zahl der Wildschweine im selben Rhythmus größer wird. Sie werden in die Dörfer, vielleicht auch in die Städte kommen. Bekommen die Leute dann verständlicherweise Angst – Jagden verbieten sich in Wohngebieten – wird wohl der Weisheit letzter Schluss sein, die Wildschweine amtlich zu vergiften oder sie vermehrt mit pestkranken Tieren in Verbindung zu bringen.

So was soll dann noch JAGD sein?
Sicher, Wildschweine sind schwierig zu bejagen. Sie legen große Strecken zurück, tauchen mal hier, mal dort auf, morgen wieder ganz woanders, sind scheu und sehr klug. Zur Veranstaltung von Treibjagden braucht man Treiber. Aber wer stellt sich für einen wildfremden Italiener als Treiber zur Verfügung? Die geeigneten Leute sind bereits im Westen, mit Kindern und alten Männern ist niemand geholfen. Lokale Jäger sind im Vorteil. Mit denen geht man als Treiber mit, weil man sie gut kennt.

Das Anfüttern bietet sich als Variante der Treibjagd an. Es kostet aber Geld, Zeit und konsequentes Handeln, Dinge, die niemand investieren will. Dazu kommt, dass die einheimischen Jäger wegen des Fleisches jagen gehen. Hat der Jäger zwei-drei Wildschweine erlegt, ist sein Fleischbedarf gedeckt und auch die Familie hat ausreichend Wurst. Inzwischen fehlen aber nicht nur die Treiber, auch geeignete Jäger sind rar geworden.

Die lokale Jagd gibt es nicht mehr. Einerseits fehlen Jäger, damit auch das nötige Interesse und das Geld für eine funktionierende lokale Jagdgenossenschaft. Bei Wildschaden hat man keine Ansprechperson mehr, vor allem nicht im Ort. Gäbe es Jäger, die Landwirtschaft betreiben und Haustiere halten, gäbe es Verständnis für unser Anliegen, gleichzeitig wäre das Eigeninteresse an einem angepassten Wildstand gegeben. Und an einem erfüllten realistischen Abschussplan.

Völlig anders die Lage bei den großen Jagdpächtern. Die haben Jäger angestellt, die wegen des großen Jagdgebiets fast nur mit dem Jeep unterwegs sind. Aber Wildschweine zeigen sich ungern entlang benützter Wege und bei den Hochständen – die sich natürlich in Erreichbarkeit der Jeepstraßen befinden. Um Wildschweine vor Gesicht zu bekommen, ist es günstig, zu Fuß auf die Pirsch zu gehen. Auch dabei muss man noch viel Glück haben.
Im Schadensfall befindet man sich den Jägern gegenüber in einer wesentlich schlechteren Position. Es fehlt das Näheverhältnis und das Verständnis dafür, wo sie doch zusätzlich auch behaupten, mit der Zahlung der Jagdpacht auch einen Anteil für Wildschäden im voraus an den Staat entrichtet zu haben. Wer zahlt denn schon zweimal für einen Schaden? Oder: Wie kann man vom Staat etwas vom eingehobenen Pachtzins erstreiten?
Und wie passiert die Jagd bei den großen Jagdpächtern?

Beim Italiener von Königsgnad mit seiner fast 10.000 Hektar großen Jagd werden übers ganze Jahr ein paar Wildschweine erlegt. Doch das wirkliche Spektakel geht alljährlich im September los. Italienische Freunde kommen per Flugzeug übers Wochenende angereist, werden mit Bussen in Temeswar abgeholt und dann geht´s los! Mit dem Schrotgewehr wird auf Vogelschwärme geballert. So schaffe sogar ich, dass dabei einige herunterfallen. In Italien stößt dieses zweifelhafte Hobby zunehmend auf Widerstand der Tierschützer. Deswegen weichen immer mehr Italiener nach Rumänien aus (auf dem Donaustausee beim Eisernen Tor ballern sie auf Schwäne und jeden Wasservogel), um ihrer Leidenschaft ungestört nachzugehen. Jagd auf Wildschweine verlangt ein bisschen mehr.

In Januar gab es eine große Jagd bei Bokschan. Es wurden um die 30 Wildschweine erlegt. Viele der erlegten Tiere sollen die Schweinepest gehabt haben. Für diese hat sich dann nicht die Frage gestellt, wohin mit den Schlachtkörpern? Angeblich hat es dafür eine etwas ausgefallenere Lösung gegeben.

Wenn man davon ausgeht, dass die Tiere an einer Kugel verendet sind und nicht an der Schweinepest, dann liegt der Verdacht nahe, dass viele Tiere bereits mit dem Pestvirus infiziert sind, davon aber nicht verenden. Im Gegensatz zu unseren Hausschweinen, die allerdings sehr einfach mit dem Pestvirus von den Wildschweinen angesteckt werden können.

Eine weitere große Treibjagd auf Wildschweine gab es im Januar auf der Jagdpacht des Herrn }iriac in Izgar. 70 Wildschweine sind im Gehege abgeknallt worden. Das Halali war etwas geordneter. Das Wildbret wurde von den Reichsten Europas für Altenheime gespendet. Alles geschah in einem Gehege, wo die Tiere auch das ganze Jahr über mit Futter versorgt werden. Wenn es so weit ist, kommen Geschäftspartner und Freunde }iriacs per Flugzeug nach Temeswar, werden nach Izgar in die alte UDR-Jagdhütte verfrachtet, knallen am nächsten Tag bei der Sauhatz ab, was vor die Flinte gerät, spenden das geprüfte Fleisch Altenheimen und so schnell wie gekommen verduften sie wieder.
Insgesamt gesehen, ist die Jagd heute wieder zu einem Vergnügen betuchter Leute geworden, auch in Rumänien. Freunde werden einladen, weil es auch ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges ist. Haben wir das alles nicht schon mal gehabt?

In Rumänien habe ich bis heute keine „richtigen“ Jäger kennengelernt. Die meisten haben sich anderweitig ausgezeichnet, etwa bei uns, auf dem neuen „Drum agricol“ zwischen Tirol und Biniș, über die Hügel, wo inzwischen die meisten Autos von Tirol bis Bokschan fahren. Mehrmals sind Autofahrer von Jägern mit Jeep angehalten und zur Rede gestellt worden: die betrachten die Straße als ihre Jägerstraße. Auch besonders Widerliches passiert: Vor einiger Zeit haben Jäger die Umzäunung eines Rindergeheges durchgeschnitten. Als Rinder grassuchend herauskamen, knallten die Jäger drei ab, weideten sie aus, zerlegten sie und nahmen sie als Wildbret mit. Man fand eines ihrer Projektile, ließ es in Bukarest ballistisch untersuchen – dann wurde alles unter den Teppich gekehrt...

Ich bin kein Jäger. Ich war nie einer. Nach meinem Verständnis ist der Jäger in erster Linie Heger des Wilds, erst danach dessen Jäger. Erst wenn er Wild erlegt, wird er zu dessen Eigentümer. Vorher ist es Teil der Natur, somit herrenloses Gut. Ein echter Jäger kümmert sich und sorgt um etwas, von dem er nie weiß, ob es jemals ihm gehören wird.
Vermutlich wollte Graf Andreas von Bardeau genau das zeigen und praktizieren mit seinen Plänen, auf einem Teil seiner Ländereien im Banat eine Jagdpacht einzurichten. Trotz jahrelanger Bemühungen mit anwaltlicher Unterstützung – sein Vorhaben wurde verhindert. Man hätte ja ein positiveres Beispiel auch im Banat haben können. Nur: Wer hätte daran ein Interesse, praktisch zu sehen, wie Wildhege und Jagd zusammenpassen?

Zu guter Letzt eine Erkenntnis aus Deutschland: Ein angepasster Wildschweinebestand sollte nicht mehr als 1,5 Wildschweine pro 100 Hektar Land betragen. Davon sind wir weit entfernt.

Rupert Mairinger stammt aus dem Salzburger Land und hat sich in Tirol im Banater Bergland niedergelassen, um Landwirtschaft zu betreiben

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