Eine Kronstädter Persönlichkeit

90 Jahre seit der Geburt von Christliebe Höhr-Pilder

Sonntag, 05. April 2015

Am 11. März  2015 hätte Christliebe Höhr, geborene Pilder, ihr 90. Lebensjahr erfüllt.  Das ist ein willkommener Anlass für eine kurze Würdigung dieser besonderen Frau.

Christliebe Maria Pilder wurde als Tochter des Ingenieurs Erwin Pilder (1897 – 1972)  und der  Luise, geb. Scherg (1900 – 1985), am 11. März 1925 in Kronstadt geboren. Ihr Großvater war der Obervorstädter Pfarrer Georg Scherg (1863 – 1943), der Begründer der Gemeinschaftsbewegung in Kronstadt.

Christliebe Pilder war auch eine Nachfahrin des Reformators Johannes Honterus in der 18. Generation.

Nach dem Schulabschluss am Kronstädter Mädchengymnasium besuchte sie  die Sekretärin-nen-Schule  der DVR und wurde eine ausgezeichnete Schreibkraft für Maschinenschreiben und Stenographie.

Im Januar 1945 wurde auch sie in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit deportiert und kehrte schwer krank zurück.

In den Jahren 1952 – 1962 war sie mit dem Architekten Paul Prall (1922 – 2007) verheiratet und hatte mit ihm die Tochter Heidelore (geb. 1955).

Sie war dann als Daktylographin auch beim damaligen Volksrat angestellt, bis um das Jahr 1959 der verdienstvolle erste Archivar der Kronstädter Honterusgemeinde Gustav Markus (1895 – 1979) sie als seine Assistentin in das Archiv der Schwarzen Kirche brachte. Nach seinem Abgang wurde sie im Jahre 1964 die Leiterin des Archivs bis zu ihrer Pensionierung im März 1980. Wegen der  vom damaligen Kultusdepartement verfügten Beschränkung der Archivbenützung versah Christliebe Höhr auch immer mehr Sekretärinnenarbeiten, da sie ungewöhnlich schnell, genau und ordentlich arbeitete.

Sie schrieb die ersten Gesamtinventare des Kirchenarchivs (1963) und der Archivbibliothek (drei Bände) sowie deren alljährliche Fortsetzungen bis einschließlich zum Jahre 1979. Dann legte sie die Karteien für die Bibliothek und das Archiv an, die auch heute noch benützt werden.  Dabei hat sie in Pionierarbeit auch die Quarto- und Oktav-Bände der wertvollen Handschriftensammlung von Joseph Franz Trausch (1795 – 1871) verzeichnet. Ebenso hat sie das große Gesamtinventar der Honterusgemeinde von 1968 (Neicov-Inventar) geschrieben, dazu die Presbyterial- und Präsidialprotokolle als Schriftführerin. Der von ihr um 1970 eingeführte Aktenplan wurde etwa zwei Jahrzehnte lang verwendet und so sind die Akten aus dieser Zeit auch heute noch leicht erschließbar.

In den Jahren 1964 – 1966 arbeitete sie an dem großen elfbändigen Werk von Dr. Erich Jekelius (1889 – 1970) „Genealogie Kronstädter Familien“ mit, für das sie die Indizes erstellte. Ihr Vater hatte vorher die große Sippenkartei des Burzenländer Sächsischen Museums auch zu diesem Zweck  geordnet.

Im Jahre 1966 heiratete Christliebe Pilder den von Schäßburg gebürtigen Hermann Viktor Höhr (1905 – 1994), mit dem sie mehr als ein Vierteljahrhundert lang eine schöne Ehe führte.

In ihrer Freizeit verdiente Christliebe Höhr sich zusätzliches Geld durch Maschinenschreiben für verschiedene Autoren. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat vor allem in den Jahren 1963 – 1985 die meisten seiner Artikel, Abhandlungen und Bücher von ihr schreiben lassen. Sie waren immer sauber, ordentlich und korrekt geschrieben, praktisch druckreif und er bewahrt ihr dafür ein dankbares Andenken.

Aber Christliebe Höhr  war auch eine künstlerische Natur, offen für alles Schöne. Eine besondere Vorliebe hatte sie für Scherenschnitte, in denen sie eine wahre Meisterin war. Einen Kalender mit ihren Blumen - Scherenschnitten brachte der Kronstädter Aldus-Verlag für das Jahr 1996 heraus.
Ebenso war sie auch eine Kunstfotografin, die wunderbare stimmungsvolle Aufnahmen machte.
Christliebe Höhr war auch eine große Bücherfreundin und hatte eine wertvolle Bibliothek. Es war ein schönes Privileg, daraus Bücher borgen zu können. Mit dem Schriftsteller Eugen Roth (1895 – 1976) stand sie jahrelang im Briefwechsel.

Auch eine Musikliebhaberin  war sie und hatte bestimmt auch noch andere Qualitäten, die dem Verfasser dieser Zeilen nicht bekannt oder nicht mehr erinnerlich sind. Er würde Christliebe Höhr als eine wertvolle vielseitige schöngeistige Persönlichkeit bezeichnen.

Am 2. Juli 1999 starb Christliebe Höhr und wurde als Obervorstädter Kind auf dem Obervorstädter evangelischen Friedhof  im Grab Nr. 178 beigesetzt, unweit des Pfarrhauses, wo sie in ihrer Kindheit oft bei ihren Scherg-Großeltern weilte und daran bis ins Alter schöne Erinnerungen bewahrte. Im gleichen Grab liegt außer ihren Großeltern auch der Gymnasialrektor Julius Groß (1855 – 1931).
Am 90. Geburtstag von Christliebe Höhr kam der Gedanke auf, aus diesem Anlass einen Gedenkartikel über diese verdienstvolle  Frau zu schreiben, damit die „Spur von ihren Erdentagen nicht in Äonen untergeht“. Wir sind Christliebe Höhr für ihre Verdienste um die Honterusgemeinde und besonders um das Archiv und die Dokumentarbibliothek zu Dank verpflichtet.

Kommentare zu diesem Artikel

Johann D. Krauss, 08.04 2015, 13:39
Ich danke für diesen schönen Artikel. Ich hatte die Gnade, diese wunderbare Frau zu kennen und lange, ausführliche Gespräche mit ihr zu führen. Ein Detail möchte ich hier mitteilen. Frau Höhr erz#hlte mir bei einem meiner Besuche als Kronstädter Pfarrer, wie sie in Russland im Lager aus Zementsäcken mit einer risigen unhandlichen Schere filigrane Scherenschnitte anfertigte und zeigte mir sogar einen dieser uralten Scherenschnitte. Ihren Erinnerungen an den Scherg-Großvater lauschte ich besonders gerne. Als sie ihm eils kleines Mädchen ihren neuen Roller präsentierte, hat der würdige alte Herr verschmitzt lächelnd um Erlaubnis gebeten ihn ausprobieren zu dürfen und fuhr damit auf den Wegen des Pfarrgartens, sich umsehend, ob ihn auch niemand dabei beobachtete.
Frau Höhr hat Unermessliches geleistet in der Rettung des Archivs der Honterusgemeinde, nachdem die russischen Besatzer wertvolle Dokumente achtlos behandelt hatten. Eine wunderbare Frau! Gott lasse ihr sein Licht leuchten und erhalte uns ihr Andenken!

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