Eine lange Odyssee mit ernüchterndem Ausgang

Das Kinderkrankenhaus „Louis Ţurcanu“ könnte bald ein eigenes Gebäude erhalten

Freitag, 13. September 2013

18 Jahre lang wurde um das Gebäude gekämpft. Es gab sowohl die direkte Konfrontation als auch die Suche von Alternativen. Nun soll das Gebäude wieder in den Besitz der Stadt fallen und das lang ersehnte neue Gebäude dahinter soll auch bald errichtet werden.
Foto: Zoltán Pázmány

Es fing mit einer Rückerstattung an: Die Rumäniendeutsche Henrietta Reiber erhielt 1995 ein Anwesen in Temeswars Stadtmitte, welches laut Reiber ihrem Vater gehörte. Obwohl das zweitgrößte Kinderkrankenhaus des Landes in dem alten Anwesen untergebracht war, entschied der damalige Besitzer, das Gesundheitsministerium, Reiber zur neuen Besitzerin des Altbaus zu erklären, statt sie, wie es damals das Gesetz ermöglichte, zu entschädigen. Damit schoss sich das Ministerium selber ins Bein und unter den Phantomschmerzen leidet das Kinderkrankenhaus „Louis Ţurcanu“ bis heute. Denn in den letzten achtzehn Jahren hat sich die Verwaltung der Stadt sowie die Krankenhausleitung darum bemüht, eine Schließung der Einrichtung aufgrund entstandener Zusatzkosten zu verhindern. Rund 75.000 Lei musste das Krankenhaus im Monat an Miete zahlen. Das Geld musste bis 2010 das Gesundheitsministerium bereitstellen. Nachdem die Verantwortung für die Krankenhäuser den lokalen Verwaltungen übertragen wurde, musste die Stadt selbst für die hohe Miete aufkommen. Gegenwärtig muss das Kinderkrankenhaus eine Schuld in Höhe von 500.000 Lei tilgen – ausstehende Mietbeiträge, die der rechtmäßigen Besitzerin Henrietta Reiber zukommen müssen.

Nur heißt es nun, dass Henrietta Reiber nicht die rechtmäßige Besitzerin der Immobilie sei. Das zumindest ergaben jüngste Nachforschungen. Das Gebäude, das Reiber 1995 erhielt, gehörte nicht ausschließlich ihrem Vater, sondern nur zum Teil. Grund weshalb die Rückerstattung unrechtmäßig geschehen ist, weil eben Reiber nicht die alleinige Erbin ist. Nun hat die Stadtverwaltung ein Verfahren eingeleitet, um Reiber das Eigentumsrecht abzustreiten. Laut dem stellvertretenden Bürgermeister Dan Diaconu dürfte das Gericht zugunsten der Stadt entscheiden. Problem gelöst, würden viele Bürger meinen. Nicht ganz.

Denn das Hauptproblem des Kinderkrankenhauses ist nicht allein der Eigentumsstreit zwischen der Stadt und Reiber. Das größte Problem der Einrichtung ist die Tatsache, dass dessen Stationen sich zerstreut in mehreren Gebäuden befinden. Und es gibt noch weitere Besitzer, die weitaus zäher sind als Reiber und die auch nicht davor zurückschrecken, das korrupte System für ihre Zwecke zu missbrauchen. Seit Jahren agiert in Temeswar ein Roma-Klan, der durch Fälschung von Dokumenten, Erpressungen sowie weiteren illegalen Machenschaften die alten Immobilien in der Innenstadt in ihren Besitz bringt. Der Klan der Cârpaci hat einen Großteil der alten Villen aus der Elisabethstadt, der Fabrikstadt sowie aus der Stadtmitte aufgekauft. Für Schlagzeilen Anfang des Jahres sorgte der Skandal um das alte Anwesen des Stadtfloristen Wilhelm Mühle. Doch ein Stück weiter von der alten Villa befand sich auch die Klinik für Onkologie. Diese musste umziehen, nachdem die neuen Besitzer mit Gewalt einziehen wollten, ohne Rücksicht auf die schwerkranken Patienten zu nehmen.

Das Gleiche sollte mit dem Kinderkrankenhaus geschehen. Henrietta Reiber hat das alte Haus schließlich und endlich für eine fast läppische Summe von 130.000 Euro an Ionelaş Cârpaci verkauft. Die Stadt hofft, durch die Anfechtung des Eigentumsrechtes von Reiber den Verkauf der Immobilie an Cârpaci für ungültig zu erklären. Es ist inzwischen ein Verwirrspiel, bei dem niemand mehr so richtig weiß, wer gegen wen vorgeht und wem nun eigentlich das alte Gebäude gehört. Laut Dan Diaconu wird die Immobilie nach 18 Jahren bald wieder in den Besitz der Stadt gelangen, sollte das Gericht zugunsten der Stadt entscheiden.

Von wegen ein Leu für dein Kind

Indessen wurde in den letzten zwei Jahren ein weiterer Kampf ausgefochten. Dr. Ovidiu Adam, damals noch neuer Leiter des Krankenhauses, wollte sich nicht weiter durch die Gerichte schlagen. Stattdessen sah er aus dem Rückerstattungsskandal nur einen Ausweg: Den Bau eines neuen Gebäudes, in dem der Großteil der Stationen untergebracht werden sollen. Das Projekt war nicht neu. Schon Anfang 2000 hatte das Gesundheitsministerium Baupläne erarbeitet, das Grundstück ausgesucht und sogar schon das Fundament gelegt. Doch genau wie das neue Krankenhaus der Stadt, das auf der Aradului-Straße errichtet werden sollte, wurde auch der Bau des neuen Kinderkrankenhauses ein unvollendetes Projekt. In beiden Fällen hätte das Ministerium nicht mehr die nötigen Gelder gehabt, heißt es. Vor zwei Jahren schätzte man die Kosten für den Bau des fünfstöckigen Gebäudes auf 15 Millionen Euro. Adam gründete zusammen mit anderen Kollegen und Sympathisanten einen Verein und startete im Frühjahr 2012 eine Spendenkampagne. „Gib einen Leu für dein Kind“, hieß die Aktion, die allerdings in einem Jahr nur einige Tausend Euro zusammenbrachte. Die Unterstützung seitens anderer Vereine und sogar der Fußballmannschaft Poli halfen, es war aber bei Weitem nicht genug.

Inzwischen fanden Lokalwahlen statt. Die bisherige Ciuhandu-Verwaltung trat nach 15 Jahren ab. Mit Nicolae Robu als neuem Bürgermeister und Dan Diaconu als Stellvertreter wählten die Bürger genau wie in anderen Teilen des Landes eine USL-nahe Verwaltung. Nur ein stellvertretender Bürgermeister blieb trotz neuem Bürgermeister im Amt: der PSD-Politiker Sorin Grindeanu. Dieser gab sich als Sympathisant des neugegründeten Vereins zur Rettung des Kinderkrankenhauses und auch als ein großer Unterstützer der Spendenaktion. Nur wenige Monate später, als Grindeanu Abgeordneter werden wollte, nutzte er die Spendenaktion sowie einen der Sprüche für seine eigene Wahlkampagne aus.
Schnellvorlauf Sommer 2013: Die Regierung hat sich bereit erklärt, den Bau des neuen Krankenhausgebäudes für das Kinderkrankenhaus „Louis }urcanu“ zu unterstützen. 25,5 Millionen Euro soll das Projekt nun kosten, der Start der Arbeiten hat sich mehrmals verzögert. Im Juli gab Bürgermeister Nicolae Robu bekannt, dass die Arbeiten an dem neuen Gebäude voraussichtlich Ende des Jahres beginnen. Bis 2015 könnte somit die lange Odyssee glücklich enden.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 14.09 2013, 02:06
75.000 Lei pro Monat, das sind ja mehr wie 15.000 Euro! Wahnsinn.

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