Eine Liebe, die sich immer wieder erneuert

ADZ-Gespräch mit Katharina Scheidereiter, einer Deutschen in ihrer Wahlheimatstadt Bukarest

Mittwoch, 13. September 2017

Foto: Aida Ivan

Katharina Scheidereiter wurde in Wuppertal geboren und ist als Austauschschülerin nach Rumänien gekommen. Dann wieder als Freiwillige. Später als Studentin und letztendlich als junge Fachfrau. In einer Zeit, in der Rumänien den zweiten Platz im Bereich Auswanderung besetzt (nach Syrien), spricht die junge Deutsche über ihre Liebe für Bukarest und ihre Vorlieben für den Osten. Was zieht sie hier an? Wie erlebt sie als Ausländerin den Alltag in der rumänischen Hauptstadt? Und: Wieso hat sie sich für die rumänische Staatsbürgerschaft entschieden? Das Gespräch mit Katharina Scheide-reiter führte ADZ-Redakteurin Aida Ivan.

Frau Scheidereiter, wann hat Ihre Geschichte mit Rumänien angefangen?

Der erste Kontakt war in einer Nacht in Deutschland. Ich komme aus Wuppertal und habe einen Dokumentarfilm gesehen. Er heißt „Gigi, Monica şi Bianca“, es geht um die Straßenkinder am Nordbahnhof. Es war der pure Zufall, ich konnte nicht schlafen. Dieser Film – eine Liebesgeschichte – hat mich fasziniert. Die Hauptfiguren versuchten zusammen, auf den Straßen von Bukarest in den 90er Jahren zu überleben. Damals wusste ich nicht, dass Bukarest die Hauptstadt von Rumänien ist. In Deutschland konnte man 14 Jahre lang leben, ohne von Rumänien gehört zu haben. Das ist schockierend, es sind nur 2000 Kilometer zwischen den beiden Ländern, Rumänien ist Teil von Europa. So habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, und es war schwer, Bücher und Wörterbücher zu finden. Das kleine Wörterbuch habe ich noch. Es war auch ein Zufall, dass mein Cousin durch einen Schüleraustausch nach Australien gefahren ist. Ich habe seine Broschüre gesehen und habe bemerkt, dass Rumänien auch zum Programm gehörte. Ich wollte mich darum bewerben. Ich war 15 Jahre alt.

Und wie ging die Geschichte weiter?

Ich wollte eigentlich nach Bukarest, aber bin in Temeswar angekommen. Damals dauerte die Zugfahrt nach Bukarest 14 Stunden. Ich weiß nicht wie oft, aber ich habe diese Strecke sehr oft befahren, um in der Stadt zu sein, damit ich in der Stadt bin, in der ich fühlte, dass ich sein muss.
Danach bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, ich habe das Abi gemacht und wusste, dass ich zurückkommen will. Für das freiwillige soziale Jahr habe ich einen Platz in Klausenburg gefunden. Ich habe da bei einem Zentrum für benachteiligte Kinder gearbeitet, es war ein Projekt für die Vorbeugung des vorzeitigen Schulabgangs. Als ich für mein soziales freiwilliges Jahr gekommen bin, wollte ich etwas wegen dieses Films machen, den ich gesehen hatte. Ich war 19 Jahre alt und hatte kein Geld, um zu helfen. Das Einzige, mit dem ich beitragen konnte, war meine Zeit. Ich habe den Kindern ein Jahr gewidmet. Ich habe ihnen gesagt: „Ich bin hier für dich.“ Ihnen bedeutete das viel – dass jemand da ist und mit ihnen spielt. Dann habe ich entschieden zurückzukommen. Ich habe eine Universität gefunden, an der man zwei Jahre in Münster und zwei Jahre in Klausenburg studieren konnte. Es war ein Studiengang mit Doppeldiplom.

Und was haben Sie nach dem Studium gemacht?

Ich habe ein Praktikum bei einer deutschen Stiftung gemacht. Nach dem Studium gab es eine Arbeitsstelle in dem Bukarester Büro. Endlich kam ich nach Bukarest! Das war 2008. Seitdem ich hier bin, sehe ich, dass man in Bukarest 10 Jahre lang leben kann und immer wieder neue Sachen entdeckt. Es ist wie eine Liebe, die sich immer wieder erneuert. Bei der Stiftung war es ein Projekt für politische Bildung für Bürger auf lokaler Ebene. Wir halfen ihnen mit Instrumenten, mit denen sie den Entscheidungsprozess auf lokaler Ebene beeinflussen konnten. Dasselbe Projekt wurde auch mit Kindern durchgeführt: Sie konnten zum Beispiel Rollen spielen – als Gemeinderat oder Bürgermeister. Seit 2011 mache ich nur Projekte im Bereich soziale Unternehmensverantwortung bei einer Firma. Meine Aufgabe ist es diesmal, Projekte zu unterstützen, die andere in mehreren Bereichen wie Bildung, Ökologie, Sozialarbeit durchführen.

Warum sind Sie in Bukarest geblieben?

Bukarest ist die Stadt aller Möglichkeiten. Wenn es um Vergnügen oder Kulturleben geht, dann gibt es viele Nischen für jeden, der verschiedene Interessen hat.

Sie sprechen so gut Rumänisch.

Ich habe die rumänische Staatsbürgerschaft vor drei Jahren erhalten. Man muss einen starken Willen haben, sonst geht es nicht. Es war sehr schwierig. Ich habe sehr viel für diese Prüfung gelernt, mehr als für meine Abschlussprüfung an der Uni, für mein Abi oder für meinen Führerschein. Und ich habe mir eine Wohnung hier gekauft.

Das heißt, Sie wollen bleiben.

Solange ich mich wohlfühle, ja. Das ist eigentlich der Vorteil der Europäischen Union – man kann umziehen und wohnen, wo man will. Man ist frei. Man kann gehen, wenn man will. Aber warum soll man gehen, wenn man sich wohlfühlt? Nach Hause zurückzukehren war nicht eine Option. Ich könnte nicht in Wuppertal leben. Ich glaube, Deutschland braucht mich nicht. Ich fühle mich hier nützlich, ich glaube, ich mache etwas Nützliches für die Gesellschaft. Ich glaube, ich kann hier einen Mehrwert für die Gesellschaft bringen. Und das findet man nicht überall.

Warum wollten Sie die rumänische Staatsbürgerschaft haben?

Weil ich kann. Nach fünf Jahren, in denen man in einem EU-Mitgliedstaat lebt, kann man die Bürgerschaft beantragen. Ich wollte dieselben Rechte wie die anderen haben, zur Wahl gehen, einen Kredit machen, um eine Wohnung zu kaufen. Das erste, was ich mit meinem neuen Ausweis gemacht habe – ich habe bei der Präsidentschaftswahl gestimmt.

Gibt es Aspekte, mit denen Sie als Ausländerin konfrontiert wurden?

Was die Leute aus Westeuropa bemerken, ist die patriarchalische Rollenteilung der Frauen und Männer. Der Mann gilt als Kopf der Familie, und wenn er ab und zu im Haushalt arbeitet, dann gilt das als Hilfe für die Frau. Das kann ich nicht verstehen. Wenn zwei Menschen zusammenwohnen, dann müssen beide aufräumen, kochen, das Geschirr spülen. In diesem Bereich gibt es noch viel zu erklären.

Gibt es auch weniger positive Aspekte in Bukarest?

Es sind sehr wenige Leute, denen Bukarest nicht gefallen hat. Sehr viele wollen bleiben, sie mögen Bukarest und sind überrascht. Es stimmt, es gibt Löcher auf den Straßen und es gibt Stau. Aber wenn der Verkehr in Ordnung wäre, dann hätte Bukarest fünf Millionen Bewohner. Menschen, die hier wohnen, sind belastbarer. Letztendlich wird niemand gezwungen, hier zu leben. Aber ich glaube, Leute sind hier geblieben, weil sie viele Möglichkeiten haben: Man kann durch den Park spazieren gehen, dann in eine Bar gehen und einen Cocktail trinken und dann kann man in ein Anticafé gehen, ein Buch lesen und über die Philosophie des Sozialismus mit den anderen reden.

Das heißt, Sie genießen die Vielfalt.

Ja, auch wenn es um Architektur geht: Will man sehen, was für Einwirkungen der Kommunismus hatte, so besucht man Stadtteile wie Pantelimon oder Militari. Wenn ich an diesen Wohnblocks vorbeigehe, denke ich daran, wie viele Leute und Geschichten sich dahinter verstecken. An einem so kleinen Ort, dicht aneinander, so viele Leben, so viele Geschichten. Geht man an einem historischen Gebäude vorbei, so denkt man: Was war vor 100 Jahren hier, wer hat da gelebt? War diese Person glücklich?

Vielen Dank für das Gespräch!

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