„Eine Musik, die mich einfach weggeblasen hat“

Ein Gespräch mit Musikmanager Henry Ernst von der „asphalt tango production“ Berlin über die Fanfare Ciocârlia

Mittwoch, 17. Juli 2013

Henry Ernst bei einer Studio-Session in Miami.

Henry Ernst ist spätestens seit den neunziger Jahren ein Wanderer zwischen zwei Welten. Damals hat der Toningenieur aus Leipzig seine ersten Volksmusik-Entdeckungsreisen kreuz und quer durch Rumänien unternommen. Völlig unerwartet stieß er im entlegenen moldauischen Dorf Zece Prăjini bei Roman auf die kräftigste Blasmusik, die er je erlebt hatte. Es war die Geburtsstunde der inzwischen weltberühmten Fanfare Ciocârlia, die heute auf 1400 internationale Auftritte in 70 Ländern, 30.000 Presseartikel und zehn erfolgreiche CD-Veröffentlichungen zurückblickt. Henry Ernst gründete gemeinsam mit Helmut Neumann die „asphalt tango production“ und die gleichnamige Plattenfirma in Berlin – auch sie sind heute eine etablierte Präsenz auf dem Gebiet der osteuropäischen Musik. 

Henry Ernst hat eine Zigeunerin geheiratet und ist Vater zweier Kinder. Seine Lieblingsorte in Rumänien sind Hermannstadt, „weil sich dort etwas getan hat“, und Zece Pr²jini, weil es ein idyllisches, ruhiges Dorf geblieben ist. „Einige Häuser sind neu, die Straße ist etwas besser. Die Menschen – und das schätze ich sehr – sind dieselben“, sagt der Musikmanager. Mit Henry Ernst sprach in Kronstadt/Braşov ADZ-Redakteurin Christine Chiriac.


Zunächst eine Frage, die Sie gewiss schon etliche Male beantwortet haben: Wie haben Sie die Fanfare Ciocârlia entdeckt?

Es kam dazu aufgrund meiner Reisen, die ich in Rumänien völlig ziellos, sporadisch und spontan unternommen habe. Dabei war eins meiner Hobbys, Bands aufzunehmen – es waren immer „Tarafs“, denn das war die Musik, die ich in Rumänien kannte. Zigeunertruppen, die Blasmusik spielten, kannte ich nur aus Serbien, Mazedonien oder Bulgarien. 1996 war ich durch Zufall in der Nähe des Dorfes Zece Prăjini, ohne etwas davon zu wissen, und wie das früher so war, habe ich bei einem Bauer Diesel gekauft, um weiterfahren zu können. Dann gab es den obligatorischen Smalltalk: Warum man hier sei, ob man Rumänien möge und so weiter. So bin ich sehr schnell auf das Thema Musik gekommen, dass Rumänien wunderbare „muzică populară“ und Zigeunermusik hat. Der Bauer empfahl mir ganz einfach, für Zigeunermusik die Straße weiterzufahren bis nach Zece Prăjini.

Gesagt, getan – Zece Prăjini war damals ein Sackgassendorf und die Dorfbewohner waren es nicht gewohnt, dass da Autos durchfahren. Man hat es von Weitem gemerkt, dass eine sonderbare Staubwolke über der Straße steigt. Der erste Mensch, den ich getroffen habe, war tatsächlich Ioan Ivancea, der spätere Seniorchef von Fanfare Ciocârlia. Da er damals schon Rentner war, war seine Hauptbeschäftigung, von früh bis spät vor seinem Tor am Bahnübergang zu stehen und zu schauen, wer so ins Dorf hereingeritten kam. Diesmal war es ein Auto. Ich habe den Mann gesehen, habe angehalten, habe auf Rumänisch versucht zu sagen „Hallo, Blasmusik“, und da hat Ioan ganz entspannt geantwortet: „Ja, Blasmusik, bitte rechts abbiegen, dort ist mein Hof, willkommen.“ 

Während ich unter dem großen Apfelbaum saß, und mich zu artikulieren versuchte, kamen tatsächlich schon Männer mit ihren Instrumenten in der Hand. Es hatte sich wie ein Feuer herumgesprochen, dass da jemand ist, ein Ausländer, der sich für Blasmusik interessiert. Sie fingen an, eine Musik zu spielen, die mich ganz einfach weggeblasen hat. Ich habe das nicht erwartet. Es war in keiner Weise perfekt, sondern völlig improvisiert und spontan – es war aber so kräftig, brillant und voller Witz, dass ich nur noch sagen konnte „WOW!“

Wie entwickelte sich diese spontane Dorfkapelle zur weltbekannten Fanfare Ciocârlia?

Mein ursprünglicher Plan war es, eine oder zwei Stunden im Dorf zu verbringen. Daraus sind drei Monate geworden. Ich war Gast im Haus von Ioan Ivancea, jeden Tag sind Musiker gekommen, und mit der Zeit wurden es immer weniger, bis wir fast die Formel erreichten, mit der Fanfare Ciocârlia dann im Frühjahr 1997 auf Tour gegangen ist. Ich hatte meinen Spaß daran, tiefer in die Geschichten der Menschen einzutauchen, mehr über die Kultur zu erfahren, auf Hochzeiten mitzugehen und die Bands live zu erleben. Meine Eindrücke waren so kräftig, dass ich irgendwann die aberwitzige Idee hatte, eine Tour zu organisieren. Ich dachte mir: Wenn mich das interessiert, dann muss es noch eine Menge Menschen geben, die diese Musik brillant finden. Die Musiker waren froh über meine Idee, gleichzeitig aber sehr skeptisch. Mein Vorhaben hatte gewiss absurde Züge: Ihre längsten Reisen hatten drei Dörfer weiter zu Hochzeiten geführt oder höchstens in die „große Stadt“ Iaşi, und außerdem besaß keiner von ihnen einen Reisepass.

Trotzdem bin ich nach Deutschland gefahren und habe erst einmal alles verkauft, was ich hatte, um an Cash zu kommen. Ich war Toningenieur, hatte aber noch nie ein Konzert organisiert. Also habe ich eine Schreibmaschine gekauft und ein paar Kassettenrekorder, mit denen ich die Aufnahmen vervielfältigt habe. In Musikzeitschriften habe ich mich informiert, welche Clubs es in Deutschland gibt, und habe angefangen, an die interessanteren unter ihnen Briefe und Kassetten zu verschicken. Irgendwann gab es zehn Konzerte in 40 Tagen, mit den unterschiedlichsten, absurdesten finanziellen Angeboten – aber dieser Teil des Projekts interessierte mich damals überhaupt nicht. Die Tour hatte natürlich ganz viele Hürden: Zum Beispiel fiel mir kurz vor Abflug der Musiker aus Rumänien ein, dass sie für Deutschland Visa brauchten. Dieses und viele andere Probleme konnten über Bekannte und Freunde sozusagen um fünf vor zwölf geklärt werden. Die Tournee war ein großer Erfolg, die Musik faszinierte das Publikum und für mich war es die schönste Zeit meines Lebens. Gleichzeitig wurde mir dabei eins klar: nämlich dass Tournee-Organisation auch etwas mit Finanzen zu tun hat. Ich hatte zum Schluss knapp 30.000 Mark minus. Deshalb war für mich das Kapitel beendet.

Trotzdem ging es weiter...

Das Schlüsselerlebnis war ein Anruf von dem WDR-Weltmusikfestival im August 1997 – sie wollten Fanfare Ciocârlia engagieren. Ich konnte anfangs gar nicht glauben, dass es ernst gemeint war. Erst als der Vertrag unterzeichnet war, traute ich meinen Ohren und Augen wieder. So kam es dazu, dass ich zusammen mit Helmut Neumann, den ich damals schon kannte, die Firma gründete und anfing zu lernen, wie Bandmanagement funktioniert. „Die Firma“ war ursprünglich ein Zimmer mit zwei Computern, die wir erst gar nicht bedienen konnten. Alles musste von Null auf gelernt werden. Ein Jahr lang habe ich sogar in diesem „Büro“ gewohnt. 

Bei den ersten Tourneen haben wir das verdiente Geld immer wieder in die Firma investiert. Irgendwann konnten wir uns dann ein größeres Büro leisten, Mitarbeiter engagieren, einen eigenen Reisebus kaufen. Vor zehn Jahren haben wir uns entschlossen, den letzten Schritt in der Kette zu tun und unser eigenes Label zu gründen.

Ungefähr dann haben Sie auch die Zusammenarbeit mit anderen Balkan-Bands begonnen...

1999 haben wir mit Jugendlichen aus Bukarest eine Zigeuner-Pop-Band formiert – sie hieß „Rom Bengale“. Wir haben sogar drei oder vier Tourneen durchgeführt, aber leider bekamen die Jugendlichen sehr schnell das Gefühl, sie seien Superstars und dachten, sie müssten auch die Drogen nehmen, die Superstars nehmen. Wir konnten deshalb das Projekt nicht weiterführen. Erfreulicherweise hat sich die Band vor sieben Jahren neu formiert und tourt jetzt wieder unter unserem Management als „Mahala Rai Banda“. Außerdem managen wir zurzeit dreizehn Bands aus acht Ländern.

Verändert der Erfolg die Menschen?

Ja, selbstverständlich. Ich könnte sehr viele Beispiele von Bands aus dem World-Music-Business nennen, die zwei-drei Jahre sehr hipp sind und von denen man plötzlich nie wieder etwas hört. Inklusive „Taraf de Haidouks“ aus Clejani haben aufgehört, und sie waren für mich eine Legende. Gerade Bands, die aus armen Ländern kommen, und die in reichen Ländern große Erfolge feiern, verlieren das Gleichgewicht. Die Menschen sind es gewohnt, mit 200 Euro im Monat zurechtzukommen, und werden irgendwann nach einer einzigen Tournee mit Tausenden von Euro überschüttet. So kann man ganz schnell die Relation verlieren.

Wieso ist das anders bei der Fanfare? Offensichtlich ist die Band nach so vielen Jahren noch immer perfekt souverän.

Es macht mich stolz, dass es Fanfare Ciocârlia seit 16 Jahren gibt. Das Geheimnis ist, dass sie eine gut organisierte Gruppe, ein echtes Team sind. Unter den Musikern gibt es ganz straffe Disziplin, sehr kollegiales Verhalten und eine Art Demokratie. Sie haben immer wieder den Willen aufgebracht, auf einen noch höheren Berg zu steigen, weiter zu machen, flexibel zu bleiben – und das ist eine große Leistung. Hinzu kommt, dass alle Mitglieder der Band bodenständige Menschen sind und die alltäglichen Realitäten nicht aus den Augen verlieren. Ein angenehmer Wesenszug ist auch, dass sie ihr hohes Einkommen nicht öffentlich zur Schau stellen. Ganz im Gegenteil: Ein nicht ganz unerheblicher Teil wurde von den Musikern in ihr Heimatdorf Zece Prăjini reinvestiert zum Wohle aller Einwohner.

Ihre Agentur ist auf Bands aus Osteuropa spezialisiert. Was macht diese Gruppen so erfolgreich?

Der wichtigste Faktor ist meines Erachtens, dass die Musiker wie ganz normale Menschen, völlig natürlich auf die Bühne gehen – und nicht als „Künstler“, nicht als „Stars“. Sie sind somit in der Lage, eine Atmosphäre auszustrahlen, die dem Publikum in westlichen Ländern fehlt. Wir pflegen unsere eigene Volksmusik nicht mehr, sie ist uns aus verschiedenen Gründen peinlich – aber der Wunsch nach handgemachter, ehrlicher Musik, nach nahezu naiver Spontaneität, ist noch immer riesengroß. Auf Tourneen sehen wir sehr oft Menschen, die ein gesellschaftliches „Korsett“ gewohnt sind, die sich aber durch die Musik befreit fühlen. Diese Musik ist Therapie. 

Der zweite Grund für den Erfolg ist, dass die Musiker mit ihrer „primitiven” Blasmusik vom Dorf in der Lage sind, unglaubliche Energie zu entfachen. Das ist ihr Talent, das ist ihre Kultur. Der Witz ist, dass es überall wirkt: Im Jahr 2000 hatten wir beispielsweise unsere erste Asien-Tournee, wo wir wirklich Angst hatten – wir dachten, die Menschen verstehen dort nicht viel von der europäischen Kultur, geschweige denn von Zigeunern und Blasmusik. Der Zuspruch war aber überwältigend, es war die reinste Party-Ekstase.

Schließlich ist es uns auch sehr wichtig, dass die Fanfare als Zigeuner-Band aus Rumänien promotet wird. Das transportiert natürlich etwas Exotisches mit, ist aber gleichzeitig eine Brücke von der Musik hin zur Politik. Es gibt überall eine gewisse Zurückhaltung: Zigeuner sind ein sensibles Thema, nicht nur in Rumänien, sondern genauso in Deutschland oder Spanien oder in vielen anderen Ländern. Die Zigeunerband weckt Neugierde – die wir bewusst als Magnet nutzen und dadurch gleichzeitig die Möglichkeit schaffen, mit unserem bescheidenen Beitrag Vorurteile abzubauen und sie mit Respekt und Verständnis zu ersetzen. Die Ergebnisse sind ziemlich zufriedenstellend.

„Zigeuner“ oder „Roma“?

Das variiert bei uns. In Interviews gibt es oftmals diese Rückfrage, und deshalb haben wir ein ganz klares Statement von den Musikern. Sie interessiert es überhaupt nicht, wie sie genannt werden, ob nun „Rom” politisch korrekt ist, oder „Zigeuner” oder „gipsy” oder „ţigan”. Das einzige, was sie interessiert, ist der Ton, in dem man es ausspricht. Denn damit sagt man alles.

Gibt es in Rumänien immer noch Reserviertheit gegenüber den Bands, die Sie managen?

Es gab und gibt noch immer eine ganz große Zurückhaltung. Darunter hat die Band häufig gelitten: Denn auch wenn sie zum Beispiel in Tokio drei Stunden lang Autogramme geben, in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnen und als Musiker und Menschen respektiert werden, ist es für sie frustrierend, dass sie zu Hause gar nicht in der Presse vorkommen und in ihrer Region getuschelt wird, dass das alles ja nicht mit rechten Dingen zugehen kann und dass man wahrscheinlich nur zum Klauen ins Ausland fährt. Für die Band war das immer ein wundes Thema, oft haben sie deshalb ihren internationalen Erfolg gar nicht so richtig genießen können.

Irgendwann waren aber die Nachrichten aus dem Ausland so positiv, dass Rumänien sie nicht mehr ignorieren konnte. Trotzdem gab es bis zu unserer ersten Rumänien-Tournee im April und Mai dieses Jahres nur einzelne Konzerte in Bukarest, Sibiu und Cluj, die ironischerweise alle von Ausländern organisiert wurden. Von staatlicher Seite gab es lange keine Unterstützung. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land!

Die einzige Institution, die uns ab und zu, dafür aber sehr qualitativ und kompetent unterstützt hat, war das Rumänische Kulturinstitut – das leider momentan von der Regierung Ponta sehr stark in seinen Handlungen limitiert wird. Manchmal hat man den Eindruck, dass Rumänien sich zum Ziel setzt, alle Intellektuellen aus dem Land zu treiben. Das Kulturinstitut hatte hervorragende Leute, die kulturell sehr progressiv dachten und genau das Richtige für das Land und die rumänische Kultur taten, um z. B. Interesse bei Menschen zu wecken, die nur wenig über Rumänien wissen. Umso schmerzhafter ist die Erfahrung, dass nun sozusagen die Schuldigen für die Wirtschaftskrise beim Rumänischen Kulturinstitut gefunden werden. Als erstes die Bücher verbrennen – das ist billig und wurde im Laufe der Geschichte schon etliche Male getan.

Sie haben seit den neunziger Jahren guten Einblick in die rumänische Gesellschaft. Wie hat sich Rumänien Ihrer Meinung nach in diesen zweieinhalb Jahrzehnten entwickelt?

Das ist ein ganz sensibles Thema, aber ich werde versuchen, aus meiner Sicht zu antworten. Ende der achtziger Jahre bin ich als „Freak“ nach Rumänien gekommen, und kam dann immer wieder, weil ich die Menschen und das Land geliebt habe. Es war für mich eine Welt, in der eine große menschliche Nähe möglich war. Damals ging es noch nicht um materielle Sachen. Ich kann mich an sehr viele, unendlich lange Gespräche mit sehr offenen und herzlichen Menschen erinnern – das war für mich der größte Magnet. Gerade das ist inzwischen leider verschwunden. Es hat lang gedauert, bis ich mich daran gewöhnen konnte, dass es fast nur noch um Profit, Wohlstand und Geld geht. Selten kann ich noch tiefe Gespräche führen, ohne auf die alltäglichen Banalitäten zu kommen.

Leider gehört es auch zur politischen Realität, dass die Menschen, die intellektuell offen sind, sich gezwungen sehen, das Land zu verlassen. Junge Menschen werden hierzulande nicht ermutigt, es gibt keine Mittelschicht. Es gibt extrem Reiche, die auch im alltäglichen Verhalten sehr gewaltsam sind, und extrem Arme, denen es an so vielem fehlt, dass man von ihnen keine politische Bildung oder angemessenes Reagieren erwarten kann. Insgesamt gesehen ist es sehr frustrierend, zumal Rumänien nach der Wende sehr viele Joker in der Hand hatte. Ich befürchte, dass sich auch in den nächsten zehn Jahren nichts ändern wird. Es werden nur die Karten neu gemischt und an dieselben Leute wieder verteilt – und von den wenigen, die am Tisch sitzen, gewinnt jeder einmal das Spiel.

Rumänien ist ein schönes Land mit schönen Menschen und hat ein großes Potenzial an guter Mentalität. Ich würde mir wünschen, dass die jungen Menschen nicht fortgehen, obwohl ich ihre Gründe gut verstehen kann. Was ich bei der Fanfare ganz toll finde ist, dass die Kinder der Musiker alle an Universitäten studieren. Die Fanfare-Mitglieder haben wahnsinnig viel in Bildung investiert. Auch das ist ein großer Erfolg.

Kommentare zu diesem Artikel

thomas opitz, 06.09 2016, 19:24
Hallo Henry Ernst, ich bin dir sehr dankbar das du diese wundervollen Musiker gefunden hast. Diese Musik dieser Rhythmus geht tief in meine Seele.

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