Eine neue siebenbürgisch-sächsische Liedersammlung

Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels sammelten mehr als 300 Lieder

Sonntag, 14. Januar 2018

Angelika Meltzer, Rosemarie Chrestels (Hgg.): „E Liedchen hälft ängden, Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“. Verlag Haus der Heimat e.V. Nürnberg 2017, ISBN 978-3-00-058197-7, 24 Euro (D, A, CH), zuzüglich Versand; RO 100 Lei, zuzüglich Versand aus Hermannstadt, Erasmus Büchercafé

Es ist kaum zu glauben: Im Zeitalter der „Musikindustrie“ mit Rock, Pop, Techno und sonstigen „boomenden Trends“ kommen zwei Damen auf die Idee, eine Anthologie siebenbürgisch-sächsischer Lieder zu erstellen! Die beiden Herausgeberinnen Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels der Sammlung „E Liedchen hälft ängden“ (Ein Liedchen hilft immer) rechtfertigen dies idealistische Unterfangen im Vorwort dadurch, dass sie beabsichtigen, „diese Klein-ode (noch einmal) ins Bewusstsein unserer Landsleute zu holen, ’unseren’ Jugendlichen über die Lieder ihren Herkunftsdialekt und ihr siebenbürgisch-sächsisches musikalisches Erbe nahezubringen.“ Mit Fragebogen, Durchforsten von Liedersammlungen, Auswerten handschriftlich überlieferter Melodien und Sätze kam schließlich, nach dreijähriger Arbeit, das zustande, was zum heutigen Repertoire singender Sachsen hüben und drüben gezählt werden könnte. Auf nahezu 350 Druckseiten begegnen uns über 300 Lieder, in vorwiegend sächsischer Mundart samt deutscher Übertragung, mit abwechselnd ein- bis vierstimmigen Vortragsmöglichkeiten.

Das reiche Sammelergebnis ist in elf verschiedene Themenkreise gegliedert, die von (I.) Heimatliedern, (II.) Festtagsliedern und solchen für (III.) den Tageslauf und (IV.) dörfliches Brauchtum über (V.) alte und älteste Weisen bis hin zu (VI.) Liebes- und (VII.) Hochzeitsliedern sowie (VIII., IX., X.) Kinder-, Scherzliedern und (XI.) Kanons reichen. Die Anzahl der erfassten Lieder ist für jede der elf Gruppen unterschiedlich. Am zahlreichsten vertreten sind (VI.) Liebeslieder, gefolgt von jenen für (III.) Tages- und Jahreslauf . Die (V.) alten Balladen und Abschiedslieder befinden sich auf der Gegenseite, zusammen mit (VIII.) Liedern vom Alltagsleben und (X.) Kanons.

Ein Herzensanliegen der Herausgeberinnen war zweifellos nicht nur das Erfassen möglichst vieler Lieder, sondern auch die korrekte Wiedergabe der jeweiligen Mundarttexte und deren deutsche Übersetzung. Es ist nicht jedermanns Sache, die regional verschiedenen Mundarten zu kennen und auch zu sprechen, noch weniger sie korrekt schreiben und verstehen zu können. Deshalb ist der Sammlung ein Anhang „Zur Mundart und zu den Ortsangaben“ beigefügt, den jeder lesen sollte, bevor er an die einzelnen Lieder herangeht. Und nicht nur dies: Ein weiterer Anhang, „Zur Schreibung der Mundarttexte“, gibt in höchst präziser und verständlicher Weise Aufschluss darüber, wie das Sächsische heutzutage so korrekt wie nur möglich geschrieben werden sollte.
Erst nach dem Quellenverzeichnis und den biografischen Angaben ist der Sammlung ein Nachwort von Michael Markel beigegeben, das als bestmögliche historisch-wissenschaftliche Zusammenfassung unserer siebenbürgisch-sächsischen Volksmusiktradition all jenen zum Studium empfohlen sei, die ein Interesse an unserem Volksliedgut haben.

Die Liedersammlung selbst ist am stärksten vertreten durch Weisen mit Texten in sächsischer Mundart. Von den insgesamt 309 Liedern haben nur 51 deutschen Text. Das soll nun aber nicht heißen, dass sie deshalb nicht als siebenbürgische Volkslieder gelten dürfen (wie z. B. „Siebenbürgen, Land des Segens“ oder „Ich kenn ein Fleckchen auf der Welt“), wie es auch umgekehrt nicht dazu verleiten sollte, Weisen mit sächsischem Text pauschal als „sächsische Volkslieder“ bezeichnen zu wollen, etwa rezenteste Melodieschöpfungen wie „Me’ Risken“ von Heinz Acker aus 2008, auf einen Text von Grete Lienert-Zultner, oder „Der Landjebum“ von Angelika Meltzer aus 2012, auf einen Text von Gertrud Roth von 2005. Das „Adelsprädikat” Volkslied erringen Text und Melodie gemeinsam, wenn es ihnen gelingt, sich im Laufe der Zeit einer gewissen allgemeinen Akzeptanz zu erfreuen. Wann es so weit ist und wer das entscheidet, sind Fragen, die kaum schlüssig zu beantworten sind.

Da die Liedersammlung den praktischen Gebrauch fördern möchte, passt sie sich unterschiedlichen Gewohnheiten und Fähigkeiten an. Die einfachste Art zu singen ist natürlich die Einstimmigkeit, sowohl als Einzelgesang, als auch als Gruppengesang möglich. Um dem natürlichen Bedürfnis nach Harmonie entgegenzukommen, haben die Herausgeber dem einstimmigen Gesang Gitarrengriffe in der üblichen Art empfohlen, die, je nach Intuition und Begabung, improvisatorisch verändert werden dürfen, sei es am Klavier oder Akkordeon, oder eben auf der Gitarre.

Auch die zweistimmig präsentierten Lieder lassen sich in dieser Art harmonisch bereichern und unterstützen, solange die Lieder in der nicht nur bei den Sachsen beliebten Art des Singens in Terzen- und (oder) Sextenparallelen vorgetragen werden. Die weitere Art der Zweistimmigkeit gewährt der Unterstimme eine gewisse Selbstständigkeit, weswegen auf Akkordbegleitung verzichtet und bereits von „Sätzen“ gesprochen werden kann, mit namentlicher Erwähnung der Verfasser.

Die anspruchsvollste Art des Singens ist natürlich drei- und vierstimmigen Sätzen vorbehalten. Diese setzen einen Chor und einen Chorleiter voraus. Wer glaubt, solchen Ansprüchen nicht gewachsen zu sein, hat noch immer die Möglichkeit, die Oberstimme allein zu singen. Die hier veröffentlichten drei- bis vierstimmigen Sätze entstanden in einem Zeitraum von fünf Jahrhunderten, vom anonymen Verfasser des „Senndorfer Cantionale“ und von Stefan König aus dem „Bistritzer Gesangbuch“ (beide 17. Jahrhundert) bis hin zu Heinz Acker (21. Jahrhundert). Es ist daher weder verwunderlich noch vermeidbar, dass innerhalb dieser Folge von Sätzen mitunter deutliche Qualitätsunterschiede zutage treten.

Unter den Sätzen, die noch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugerechnet werden können, ragen jene von Johann Lukas Hedwig, Hermann Kirchner, Rudolf Lassel, Norbert Petri, Franz Xaver Dressler, Horst Gehann, Hans Mild, Anneliese Barthmes, Ernst Irtel und anderen hervor. Ihre Sätze sind sorgfältig ausgearbeitet, auf natürliche Singbarkeit bedacht, sowohl in schlichter, als auch in etwas anspruchsvollerer Satzart. Einen würdigen Nachfolger haben diese Komponisten in Heinz Acker gefunden, der für die meisten drei- und vierstimmigen Sätze zeichnet (insgesamt 32, dazu noch zwei Kanons). Seine Vorliebe gehört den Weisen von Georg Meyndt und Carl Reich.

Bedauerlicherweise finden sich aber vereinzelt auch Sätze, die eine diskrete und freundlich säubernde Hand nötig hätten, um Verstöße gegen allgemein gültige Satzregeln auszuräumen, wie: Oktaven- und Quintenparallelen, unaufgelöste Septimen, falsche Quartsextakkorde, unüberlegte Führung der Unterstimmen, falsche Verdopplungen und Ähnliches. Dieser, vielleicht nur als naive Nachlässigkeit zu wertende Mangel, lässt sich nicht vereinbaren mit der ansonsten auf jeder Seite des Buches anzutreffenden Sorgfalt: beinahe pedantisch genaue deutsche Übertragung der Mundarttexte (mitunter verantworten dafür gleich zwei Übersetzer); gewissenhaft korrekte Orthografie sächsischer Texte unter Beihilfe von Hanni Markel; so weit wie möglich vollständige Angaben zur Herkunft von Weisen und Textverfassern; hervorragender Notendruck samt Text-unterlegung und außergewöhnlich gute grafische Gestaltung jeder einzelnen Seite des Buches – dies alles (und noch viel mehr) sichert der Liedersammlung von Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels die verdiente Anerkennung.
Zarte, zum Teil anmutig und rührend wirkende Federzeichnungen von Karin Schiel begleiten die einzelnen Kapitel des Buches, dem man trotz obiger Einschränkung gerne den erhofften Erfolg wünschen kann.

 

Auf der Webseite www.angelika-meltzer.de stehen sämtliche Melodien als mp-3 Datei zum Download und Anhören zur Verfügung.

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