Eine poetische Welt, in der sich Reflexionen und Reminiszenzen frei entfalten

Frieder Schullers neuer Gedichtband „Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot“

Sonntag, 02. April 2017

Der Schriftsteller Frieder Schuller im Pfarrhof von Katzendorf
Foto: Elise Wilk

Im Herbst 2016 erschien in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig in der Reihe „Edition Wörtersee“ ein neuer Lyrikband von Frieder Schuller mit dem neugierig machenden Titel „Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot“, der insgesamt 82 Gedichte in zwei Abteilungen enthält: 44 Gedichte in der ersten „hierzulande / das lied bringt kumpane mit“ überschriebenen Abteilung, 38 Gedichte in der zweiten Abteilung mit der Überschrift „aus rumänien / legt zertanzte schuhe auf die waage“.

In dieser Zweiteilung widerspiegelt sich auch die Biografie des Autors, der 1942 im siebenbürgischen Katzendorf/Caţa bei Reps/Rupea geboren wurde, der dann in den siebziger Jahren aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert ist und seitdem in beiden Ländern gleichermaßen zu Hause ist. Frieder Schuller veröffentlichte sowohl in Rumänien als auch in Deutschland Lyrikbände, er war sowohl in Rumänien als auch in Deutschland journalistisch tätig, er schrieb Theaterstücke, die in Rumänien wie in Deutschland aufgeführt wurden, und er ist der Initiator der rumänisch-deutschen Katzendorfer Kulturtage wie auch des Katzendorfer Dorfschreiberpreises, der seit 2011 jährlich an deutschsprachige Schriftsteller deutscher und rumänischer Abstammung verliehen wird. Der erste dieser Preisträger, der in Leipzig lebende Anglist, Schriftsteller und Übersetzer Elmar Schenkel, hat zu Frieder Schullers jüngstem Gedichtband auch ein informatives und zugleich sehr persönliches Nachwort (S. 117-121) beigesteuert.

Die in Frieder Schullers Lyrikband im Oktavformat zusammengefassten Gedichte nehmen zumeist jeweils den Raum von einer halben bis zu einer Seite ein, längere Gedichte sind die Ausnahme, das längste heißt „nachrichten ohne strom“ (S. 58-65) und beansprucht acht Buchseiten. Die Gedichte sind fast durchweg in Strophen unterteilt und reimlos, mit Ausnahme der zwei gereimten Gedichte „was abend dies alles vermuten“ (S. 36) und „ich weiß nicht mir wurde so lila“ (S. 37). Kleinschreibung und Verzicht auf jegliche Interpunktion sorgen für ein ästhetisches Leseerlebnis und entwerfen eine poetische Welt, in der sich Reflexionen und Reminiszenzen frei entfalten können.

Gedanken und Erinnerungen, die der Vergangenheit nachhängen, aber auch Beobachtungen und Ideen, die auf die Gegenwart Bezug nehmen, sind das lyrische Movens der Gedichte von Frieder Schuller. Das Gedicht „flüchtling“ (S. 50) beispielsweise greift das derzeit in Europa und insbesondere in Deutschland aktuelle Thema der Flüchtlingsproblematik auf: „als verlaufenes wild ohne halsband / wird er auf die verladerampe des westens gekehrt / hat den mund noch voller abschiedskerne / und soll jetzt den asylantrag ausbreiten / ein rettungstuch gewiss doch / deutsch und flickenlos schriftlich.“ Im Vordergrund stehen in diesem Gedicht aber nicht, wie so oft in der politischen Diskussion, die Probleme, die Europa mit den Flüchtlingen hat, sondern diejenigen Probleme, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat trieben: „er entkam seinem land wie einem schlag ins gesicht / wollte hin wo die sonne nicht mehr um sich schießt.“ Gewiss knüpft Frieder Schuller mit diesem aktuellen Gedicht auch an sein eigenes Schicksal als eines Emigranten an, das bereits im ersten Gedicht seines Lyrikbandes „angekommen 1990“ (S. 7) mitschwingt. Dort ist der staatenlose Emigrant die eigene Schreibmaschine, die auch in den Zeiten der Unterdrückung Treue und Wahrhaftigkeit symbolisierte: „in östlicher heimat hielt sie zu mir / wenn die staatssprache bellte / in jenen zeiten wo punkte punkte / beinahe schon verhaftet wurden / die fragen sich in den zeilen duckten / und buchstaben in uniform den satz besetzten.“

Von Verlust ist in Frieder Schullers Gedichten die Rede und von Vergessen, aber auch von Gedächtnis und Besitz, von erneuertem Erinnern und erneutem Erringen. „das alte wort / hing im kleiderschrank / ich wollte einen sack füllen / und zum roten kreuz abschieben / da fiel es heraus / ließ sich nicht vor die türe stellen / nicht in anderssprachige länder spenden.“ (S. 28) Deutsche Städte erscheinen in Frieder Schullers Gedichten, Leipzig und Bonn, der Rhein spielt dazu seine „wassermusik“ (S. 24), der Komponist Schubert („ich bin ein störrischer leiermann“, S. 54) ist in Schullers poetischer Welt präsent und Dichter der deutschen Literaturgeschichte bereichern sie mit ihren Schätzen, so Mörike („ein model trägt das blaue band“, S. 30) oder Hebbel („dies ist ein herbsttag wie ich keinen las“, S. 42). Und auch das Titelmotiv der Parkbank kehrt verschiedentlich als Leitmotiv wieder: „die parkbank bietet letzte kreuzfahrten an“, S. 47); „der bank am feldrand kam / mein kommen abhanden“, S. 38).

Schullers Gedicht „das bild des mädchens“ (S. 43) aus dem ersten Teil seines Lyrikbandes, das eine Zugfahrt mit dem Orientexpress über Wien und Budapest in die Walachei schildert, leitet dann bereits über zum zweiten Teil des Gedichtbandes, in dem Rumänien im Vordergrund steht. Dem siebenbürgisch-sächsischen Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner ist ein Gedicht gewidmet (vgl. S. 73f.), ebenso dem in Temeswar/Timi{oara geborenen Bühnen-, Kostümbildner und Freund Helmut Stürmer (vgl. S. 79f.). Bukarest wird zum lyrischen Thema in „mit hunden verwolfen“ (S. 91) wie Katzendorf in „romabett“ (S. 93). Rumänische Gegenden und Landschaften wie das Schwarze Meer (vgl. S. 99) oder Siebenbürgen (vgl. S. 97f., S. 114f.) kommen zur Sprache, und hier begegnen wir auch wieder dem Leitmotiv der Bank, auf der nun die „sommerbesucher in siebenbürgen“ (S. 111) Platz nehmen und ihrer Gegenwart nachtrauern: „vor dem haus / auf der bank in den jahren / zurück aus ingoldstadt nach draas gefahren / woher sie einmal weggegangen / kommen sie jetzt als heimkehrer verkleidet / ein alter krug unterwegs zum brunnen / so sitzen sie vor dem dorfstraßen fernseher / wo eine kuh die tagesthemen moderiert // sie sind zu besuch in der / ehemals guten stube ihres lebens / und ernten auf dem feld die letzte aster / im stall steht das auto und wird / im oktober angetrieben in richtung westen / bis dahin versinken sie tief in den geerbten betten / wo stufen steil im gedächtnis fallen / jeder erinnert sich auf eigene gefahr.“

Neben ganz persönlichen Gedichten wie „mein vater“ (S. 96) finden sich in diesem Rumänien-Teil des Lyrikbandes von Frieder Schuller auch zahlreiche Gedichte, die die repressiven Methoden des Ceau{escu-Regimes in der Sozialistischen Republik anprangern. „gewidmet der zensur“ (S. 78) ist so ein Gedicht, oder auch diejenigen Poeme, die die Omnipräsenz der Securitate und ihrer Abhörmethoden besingen: „es war ein garten bunter mikrofone“ (S. 90); „ein neues haustier nistet in meinem zimmer / von der unsichtbaren rasse abhörgerät“ (S. 100); „guten morgen liebes abhörgerät“ (S. 101); „wie brave osterhasen liefen einst / die tonbänder der staatssicherheit“ (S. 109).
Aber auch das Rumänien der unmittelbaren Gegenwart kommt lyrisch zu Wort, etwa in dem Gedicht „rumänisch erzählt“ (S. 89): „verkauft wird der himmel / an splitternackte seelen / ein saxophon fällt noch ins windgeschäft / geboten wird jetzt alles was verboten / wer schwimmen kann / geht glücklich unter.“ Und in Frieder Schullers Gedicht „fast daheim“ (S. 77) steht die wunderbare Schlusssentenz: „hier bestraft das leben / wer sich zu früh aufmacht.“

Frieder Schuller: „Die Angst der Parkbank vor dem Abendrot“. Gedichte. Mit einem Nachwort von Elmar Schenkel, Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke: Leipzig, 2016, 126 S., ISBN 978-3-93779-974-2, 14,00 Euro

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