Eine Reise in die Ukraine

3. Teil: Das gehemnisvolle Odessa

Donnerstag, 28. Juli 2016

Der Strand „Langeron“

Große, imponierende Gebäude: das ist die Altstadt Odessas

Das Opernhaus in Odessa

Die berühmte Potemkin-Treppe
Fotos: die Verfasserin

Um 9 Uhr abends steigen wir im Kiewer Hauptbahnhof in den Nachtzug nach Odessa ein. Ein Ticket im Vierer-Liegewagen kostet umgerechnet nicht mehr als 60 Lei. Für wenig Geld bekommt man viel: der Zug ähnelt mehr  westlichen Verhältnisse und ist viel sauberer als rumänische Züge. Es gibt kein Bordrestaurant, aber ein Verkäufer geht mit einem Kühlwagen durch die Waggons, in dem kalte Getränke sind. Während der Fahrt, die die ganze Nacht dauert, kann man sehr gut schlafen. Um 6 Uhr morgens, gleich nach Sonnenaufgang, erreicht der Zug den Bahnhof. Hier ist schon um diese Zeit viel los: Leute mit großen Koffern gehen auf und ab, Kinder weinen, es riecht nach frischem Kaffe und Gebäck. Aus den Lautsprechern auf der Toilette erklingen russische Schlager. Da unsere gemietete Wohnung nur gegen Mittag einzugsbereit ist, bestellen wir ein Taxi und fahren, samt Gepäck, an den Strand.

Der Zauber einer Hafenstadt

„In Odessa müsst ihr euch vor Taschendieben hüten. Ihr müsst doppelt so viel achtgeben. Die Leute lügen vier mal soviel wie in Kiew“, hatte uns ein Taxifahrer in der ukrainischen Hauptstadt gewarnt. Nun fahren wir in einem kleinen weissen Auto durch die größte Hafenstadt des Landes, der Tag hat erst angefangen und wir sind, obwohl wir im Zug gut geschlafen haben, todmüde. Das Taxi fährt vorbei an alten Gebäuden mit bröckelnden Fassaden, Kirchen und Klöstern, Parks, elegant gekleideten Leuten. Das Leben pulsiert in dieser Stadt schon in den frühen Morgenstunden. Der Fahrer hatte versprochen, uns an den besten Strand Odessas zu fahren. Nach etwa 20 Minuten erreichen wir den „Langeron“-Strand. Vor uns erstreckt sich das Schwarze Meer. Das Wasser hat hier eine merkwürdige Farbe: eine Kombination zwischen grau und grün.

An einer netten Strandbar bestellen wir Frühstück, Kaffee und Limonade, es gibt sogar Speisekarten auf Englisch. Dann gehen wir, der Reihe nach, ins Wasser. Der Strand ist rammelvoll. Es sind viele Familien mit Kindern hier, in der Ukraine beginnen die Sommerferien schon am 1. Juni. Das Meer ist wellenlos wie ein See, hat sich inzwischen smaragdgrün gefärbt und ist etwas trüb. Das Wasser ist an diesem Junitag so warm, dass man nicht mehr hinausgehen will. Etwas weiter entfernt ist das Wasser wieder knietief. Ein paar Mädchen in bunten Kleidern sammeln dort Muscheln. Der  Inhaber der Strandbar spricht ein perfektes Englisch und gibt uns ein paar Tips für unseren Aufenthalt. Danach ruft er uns ein Taxi. Gegen zwei Uhr Nachmittags treffen wir in unserer Wohnung in der Altstadt Odessas, nahe der Oper ein. Dort wird uns klar, dass es etwa vier Kilometer von der Altstadt bis zum Strand sind.
„Odessa – du bist eine Perle am Meer...“, lautet ein alter russischer Schlager. Unzählige Hafenstädte der Welt werden heutzutage  „Perlen am Meer“ genannt, aber auf die ukrainische Stadt trifft diese Aussage besondes gut zu. Besonders die Altstadt hat einen gewissen Zauber, den man nicht mit Worten beschreiben kann. Man muss dort sein, um ihn zu spüren.

Vor dem grandiosen Opernhaus ist ein schwarz-weisses Epochenauto geparkt. Ein älteres Ehepaar geht im Park spazieren. Die Frau trägt ein elegentes Kleid und einen Sonnenschirm aus weißer Spitze. Unter riesengroßen Linden spielen junge Rockbands. Um sie herum haben sich schon Gruppen von Leuten angesammelt, die begeistert klatschen. In der Stadt findet gerade ein Festival für Alternativrock statt. Auf einer Allee begegnet man einem überdimensionalen Eisbären, mit dem man sich fotografieren kann. Direkt daneben verkauft ein Mann rosa Zuckerwatte und Luftballons in Form von Hunden. Die Luft ist auch am späten Abend heiß.  „Das Marseille am Schwarzen Meer“, „Das San-Francisco des Ostens“ oder sogar „Das kleine Paris“- so wurde Odessa genannt. Aber Odessa ist Odessa und mit keiner anderen Stadt in der Welt vergleichbar.

Die wahrscheinlich berühmteste Treppe der Welt

Einen Besuch wert ist das Opernhaus, eines der Wahrzeichen der Stadt. Falls man für einige Tage in die ukrainische Hafenstadt kommt, sollte man auf jeden Fall vorzeitig Tickets für eine Vorstellung buchen. Das Ballett „Der Schwanensee“, das im Juni aufgeführt wurde, war schon längst im Internet ausverkauft. Besonders schön ist die Oper nicht nur von außen, sondern auch von innen. Alles glänzt und glitzert, man fühlt sich wie in einer längst vergangenen Epoche. Der große Saal ist reich vergoldet und seine Decke trägt in der Mitte einen gigantischen Kronleuchter mit einem Gewicht von mehr als zwei Tonnen. An die Decke sind Gemälde mit Themen aus Shakespeares Werken: „Hamlet“, „Ein Wintermärchen“, „Ein Sommernachtstraum“.  Von der Altstadt führt die berühmten Potemkin-Treppe bis zum Hafen. Die Freitreppe mit 192 Stufen und zehn Absätzen kennen alle Kino-Fans aus dem Stummfilm von 1925 „Panzerkreuzer Potemkin“ in der Regie von Sergej Eisenstein. Im Film dient die Treppe als Schauplatz für die blutige Niederschlagung eines Aufstands. In der bekanntesten Szene rollt ein Kinderwagen die Treppe hinunter.

„Hier ist immer etwas los“

Eine Stadt, wo ein so bekannter Film gedreht wurde, wäre kaum ohne ein Filmfestival vorstellbar. Mitte Juli findet in jedem Jahr ein internationales Filmfestival statt. Zu der Zeit werden die prominenten internationalen Gäste oft in den Lokalen auf der Deribasovskaya-Straße gesehen. Das ist die populärste Fußgängerzone der Stadt und die am meisten „touristische“ Straße, die wir in der Ukraine gesehen haben. Abends verwandelt sich die Straße in der Altstadt in eine Kombination aus Mode-Laufsteg und einer riesigen lauten Disco. Die Restaurants sind voll von Touristen, es gibt viele Cocktail-Bars und reichlich Party-Stimmung. Doch außer dem netten Cafe „Kompott“, wo man bei einer Portion köstlichem Kuchen dem bunten Treiben zuschauen kann, gibt es kaum Lokale, in denen es sich lohnt, ein paar Stunden zu verbringen. Die meisten von ihnen sind überteuerte Touristenfallen.

„Odessa ist die teuerste Stadt in der Ukraine“, hatte uns jemand in Kiew erzählt. Das ist wahr. Die Stadt lebt vom Tourismus und hier gibt es außer den höheren Preisen auch einen gewissen Wohlstand, den man in anderen Orten nicht antrifft. „Hier ist immer etwas los. Die Leute gehen viel aus, sind oft auf Parties, sie genießen das Leben“, meint ein Taxifahrer. Das wirkliche Nachtleben Odessas spielt sich aber nicht in der Altstadt ab, sondern außerhalb, am Strand von Nowaja Arkadija. In der Nähe der riesengroßen Hotels Gagarin, Portofino und Morskoy ist eine Stadt inmitten einer Stadt entstanden. Fastfood-Läden, Open-Air Discos, Western-Bars, Supermärkte und ein Erlebnispark reihen sich aneinander. In der Nacht vermischen sich die Sounds aus den Diskos zu einem bizarren Lärm. Arkadija ist bunt und lenbenslustig, aber etwas zu kitschig. Da geht man lieber in der Altstadt aus.

Den nächsten Tag verbringen wir am Strand und auf dem Markt „7. Kilometer“ westlich des Hauptbahnhofs. Es ist der größte Freiluftmarkt Europas- so groß wie 100 Fußballplätze und auf jeden Fall einen Besuch wert. Alleine über diesen Markt könnte man ein Buch schreiben- man könnte Tage, sogar Wochen hier verbringen und sich nie langweilen: den Lebensgeschichten der Verkäufer zuhören, mehrere Arten von Käse ausprobieren, köstliche Früchte essen. Hier hören wir zum ersten Mal nach einer Woche jemanden Rumänisch sprechen- es sind zwei Verkäuferinnen, die aus der Moldau gekommen sind, um ihre Ware zu verkaufen. Bepackt mit mehreren Plastiktaschen verlassen wir nach etwa vier Stunden den Markt. Wir haben für das Abendessen eingekauft: mehrere Sorten von Käse, Fisch, viel Gemüse und Früchte. Am Strand und in der Altstadt kann man zwar gut und oft auch günstig essen, wir wollten aber unbedingt ganz frische Produkte vom Markt ausprobieren – und es hat sich gelohnt.

Am nächsten Morgen geht es wieder zurück nach Chişinău- in einem Bus ohne Klimaanlage, in dem wir fünf Stunden lang schwitzen. Nach der Grenze hält der Bus auf einer staubigen Dorfstraße. Hier verkaufen ein paar Frauen Pfirsiche. Wir kaufen ein paar Früchte und waschen sie mit dem wenigen Wasser, das noch in einer Plastikflasche übrig geblieben ist. Es sind die besten Pfirsiche, die ich seit Jahren gegessen habe. Sie haben einen Geschmack, den man heute vergebens in den bunten, knallharten Supermarkt-Früchten sucht. Den Geschmack aus der Kindheit.
 

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