Eine Schwäbin auf Weltreise

Tallin – eine nordische Zeitreise

Dienstag, 05. September 2017

Aussicht von Toompea auf Tallinn´s historische Altstadt.
Foto: die Verfasserin

Estland ist einer der drei baltischen Staaten und Tallinn ist die Hauptstadt von Estland. Viel mehr ist hierzulande nicht gerade darüber bekannt. Umso mehr ein Grund den Sommer für eine Städtereise in den Norden Europas zu nutzen und der hiesigen Hitzewelle infolge der angeblich gar nicht existierenden Erderwärmung zu entfliehen. Am leichtesten ist Tallin mit der polnischen Fluglinie LOT aus Berlin, München oder Wien mit Direktflügen erreichbar. Die Hauptattraktion ist die perfekt erhaltene Altstadt, ein UNESCO-Welterbe welches die über 5000 Jahre Siedlungsgeschichte hautnah erlebbar macht.

Es lohnt sich ein Hotel in der alten Burg zu buchen. Die Verkehrsberuhigte Altstadt lädt dazu ein ihre Schätze zu Fuß zu erkunden. Geplündert wurde die Burg nie und die Spuren der russischen Bomben aus dem zweiten Weltkrieg sind längst beseitigt. Die Tage sind so hoch im Norden im Sommer hier endlos lang und laden zum schlendern ein. Tallin ist ein modernes Paradox: in mittelalterlichen Kneipen ohne Elektrizität, wo die dunklen, verrußten Wände mit Kerzen und Öllampen beleuchtet werden und die Bedienung stilecht in mittelalterlichen Gewändern und Holzgefäßen servieren gibt es gratis Wi-Fi. Die ausgedehnten Spaziergänge beginnen idealerweise bei den Stadtmauern und Toren die erklimm- und besichtigbar sind. Von dort oben ist der Ausblick gleichzeitig eine gute Orientierungshilfe und eine tolle Selfie-Kulisse. Die Altstadt ist zweigeteilt: die obere und untere Altstadt. Das Herz schlägt aber am „Raekoja Plats“, dem Rathausplatz aus dem 14. Jahrhundert wo auch Europas älteste durchgehend funktionierende Apotheke (seit 1422!) steht, deren Museum sehr empfehlenswert ist. Unweit davon befindet sich das mittelalterliche Olde Hansa Restaurant - eine originalgetreuere Nachempfindungen mittelalterlichen Gelages findet man wahrscheinlich nur im Theater. Die traditionelle estnische Vorspeise ist Rosolje, ein kalter Salat aus roten Rüben, Kartoffeln und Hering. Suppen sind Hauptspeisen und dazu wird Roggenbrot gereicht. Die lokale Version von „Mahlzeit / Guten Appetit“ ist: „Möge dein Brot lange halten“. Brot wird noch immer als sehr wertvoll betrachtet und nicht vergeudet. Getrunken wird hier Kali, eine sehr nahrhafte, süße Art flüssiges Brot, das aus fermentierten Roggenbrotresten gebraut wird. Die beliebtesten Nachspeisen sind Kama, ein gesüßter Brei aus verschiedenen Getreide-, Erbsen- und Bohnenmehl und Kissel, eine Art rote Grütze aus lokalen Saisonfrüchten und Beeren.

Nach so viel leckerem Essen sollte man (ruhen oder) tausend Schritte tun. Also weiter geht´s in die obere Altstadt, Toompea, mit dem gleichnamigen Schloss aus dem 13. Jahrhundert. Toompea ist auf jeden Fall den Aufstieg wert, schon allein wegen der fantastischen, kostenlosen Aussicht. Aber natürlich sind nicht alle Sehenswürdigkeiten kostenlos. Die Tallinn Card bietet Eintritt zu allen Sehenswürdigkeiten und ist gleichzeitig eine Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel. Damit gibt es kostenlosen Eintritt zum Beispiel in das Estnische Geschichtsmuseum in der Gildenhalle. Am witzigsten dort ist die „Einen schnellen Groschen“-Ausstellung mit ausgefallenen Zahlungsweisen aus den vergangenen Jahrhunderten und die geschichtliche taktische Schließanlage, welche die einmalige Gelegenheit bietet historische Schusswaffen selber auszuprobieren.

Einen hautnahen Eindruck vom estnischen Alltag vergangener Zeiten bietet das Estnische Freilichtmuseum am Hafen. Dort sind Häuser aus dem 18. Jahrhundert gesammelt dem ganzen Land wiederaufgebaut worden. Das Museumsdorf ist von Schauspielern bewohnt, die in Kostümen aus den letzten drei Jahrhunderten den Alltag von damals mit all seinen Haustieren, Handwerken, Traditionen und dem Essen von damals wiederbeleben. Jedes Handwerk ist in Kursen erlernbar und jedes dort gekochte Essen gibt es in der Dorftaverne zu probieren. Ebenfalls in der Hafengegend stehen die Wasserflugzeughangars des Lennusadam, des Wasserflugzeughafens wo einst in den 30er Jahren der Flugpionier Charles Lindbergh gelandet ist. Von Wasserflugzeugen aus dem zweiten Weltkrieg bis zu U-Booten und dem größten Dampfantrieb-Eisbrecher Europas ist alles anfass- und betretbar. In zahlreichen Simulatoren kann jeder auch das Flugerlebnis aus Zeiten als jede Landung noch ein Abendteuer war selber erleben.

Eigentlich wäre noch nicht einmal eine Woche in Tallinn ausreichend um allein die spannendsten 20 (nicht 10!) Museen und Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Aber es muss ja nicht bei einem einzigen langen Wochenende bleiben, wieso nicht gleich zwei oder drei Städtereisen planen? Genug zu sehen und zu erleben um zum Wiederholungsbesucher zu werden gibt es allemal.

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