Eine Schwäbin auf Weltreise

Naivasha – das Winterquartier der Donaudeltavögel Foto: die Verfasserin

Mittwoch, 18. April 2018

Pelikan- und Kormorankolonien

Wenn im Herbst die Zugvögel in geordneten V-Schwärmen gen Süden fliegen stellt sich jedes Kind und so mancher Erwachsene die Nils-Holgerson-Frage: wo fliegen die wohl über Winter hin? Vor allem wenn man das rumänische Donaudelta im Herbst besucht und den riesigen, schwerfällig wirkenden Pelikanen mit ihren pumpen Körpern und den 3m Flügelspanne beim losfliegen zuschaut fällt es schwer zu glauben, dass sie es schaffen bis nach Afrika zu fliegen. Und dennoch klappt es wohl irgendwie, denn die gleichen Pelikanarten lassen sich während des Europäischen Winters in Nakuru in Afrika, im Großen Afrikanischen Grabenbruch, einer Riftzone in Ostafrika, nieder. Naivasha, mit den Schwesterseen Elmenteita, Nakuru, dem winzigen Kratersee und dem salzigen kleinen Bruder Oloiden bieten unzähligen Seevögeln Zuflucht und geeignete Brutgebiete während das Donaudelta in Rumänien steinhart zugefroren ist.

Naivasha und die Nakuru Gegend ist relativ wohlhabend, nach Afrikanischen Standards  urteilend. Die Häuser in dieser vulkanischen Gegend sind aus Stein gebaut, nicht aus Kuhdung und Lehm wie sonst in Afrika üblich. Die alten Kolonialherren sind auch noch da. Sie leben jetzt vom Tourismus und Umweltschutz auf genauso endlos großen Grundstücken wie zur Kolonialzeit und frönen ihrer Retropie sensu Precht. Die Retropie, also die rückwärtsgewandte Utopie, erfindet Regeln zur Aufrechterhaltung eines vergänglichen Zustandes die ein Afrika markiert, das es so gar nicht gab und wohin keiner mehr zurückwill oder -kann. Ein prächtiges Beispiel ist die Governor´s Camp Hotelkette. Die Loldia Lodge am Naivasha-See wurde von italienischen Kriegsgefangenen nach dem Weltkrieg gebaut und die ausschließlich schwarzen Bediensteten werden vom ausschließlich weißen Management äußerst kolonial angesprochen und behandelt. Es ist wahrlich eine Zeitreise, bei der sich die Touristen sehr gut vorstellen können wie es sich zur Hochzeit der Sklavenplantagen in Afrika in den Herrenhäusern gelebt haben muss. Jagen ist seit den 70er Jahren verboten. Heute wird kräftig gegen die Wilderei gekämpft, während die alten Jagdtrophäen aber noch immer an den Hotelwänden hängen.

Die Einheimischen leben vor allem vom Tourismus. Jeder See in der Nakuru Gegend hat eine Vielzahl kleiner Motorboote vor Anker liegen die gegen einen für Touristen annehmbaren, aber für lokale Verhältnisse horrende hohen Preis, Fahrten anbieten zum Fischen, Fotografieren oder einfach nur die Natur bewundern. Die zahlreichen Flamingos auf den beiden Seen Elementeita und Nakuru gelten weltweit als ein einmaliges Naturschauspiel. Die alkalischen Sodaseen beherbergen zeitweise bis zu zwei Millionen Kleinkrebs fressende und dadurch rosa gewordene Flamingos. Im Naturreservat um den Nakuru See finden alle afrikanischen Wildtiere ein geschütztes zu Hause, von den großen Big Five bis zu den kleinsten Termiten. Das Reservat ist auch per Kleinflugzeug erreichbar, aber die Giraffen spazieren oft und gerne über die Asphaltlandebahn. Ja, die kleine Landebahn mitten in der afrikanischen Savanne ist asphaltiert, wie es in Rumänien nur die Landebahnen der internationalen Flughäfen sind. Da fragt man sich manchmal welches von den beiden genau nun das Hinterweltlerland ist...

Oloiden ist ein abflussloser kleiner Salzsee, dessen Salzgehalt durch Verdunsten konstant hoch bleibt. Hier brüten die Pelikan-, Seeadler- und Kormorankolonien die aus dem Donaudelta im Winter flüchten. Die Sumpfvögel aus dem Donaudelta findet der neugierige, mit einem Fernglas ausgestattet Tourist, an den Ufern des Naivasha-Sees. Zwischen den beiden Weltkriegen, bis in die 50er Jahre war der See die Landebahn der Flugboote aus England. Die tiefste Stelle befindet sich neben der Mond-Halbinsel. Die Crescent Island ist ein Naturreservat das zu Fuß begangen werden kann (in Begleitung eines Wildhüters natürlich). Der Halbmond ist gleichzeitig ein Hügel von dem aus die Wasserbüffel von der Ferne sichtbar sind und respektvoll in weitem Bogen umgangen werden können. Alle anderen Tiere sind harmlos, aber trotzdem wild. Die Giraffen lassen sich nur aus nächster Nähe beobachten, aber nicht streicheln. Die Störche und Aasgeier konkurrieren lautstark auf der kleinen Mond-Halbinsel um Futter in einem Nullsummenspiel. Nur die Hufe und Hörner bleiben am Ende übrig. Die Donaudelta Vögel im Winter in Afrika wieder zu sehen vermittelt das Gefühl einer sehr kleinen, eng verzahnten Welt, deren Gleichgewicht die Menschen nur allzu leicht und leichtsinnig stören können.

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