Eine Schwäbin auf Weltreise

Kutaisi – die Wiege Georgiens

Mittwoch, 04. Juli 2018

Die Bagrati-Kathedrale Foto: die Verfasserin

Obwohl Georgien eigentlich unser „Nachbar“ am anderen Ende des Schwarzen Meeres ist, gehört das Land nicht gerade zu den geläufigen Urlaubszielen. Es ist eine (noch) relativ unentdeckte Perle. Aber der Trend zum Massentourismus bringt jetzt schon jährlich doppelt so hohe Besucherzahlen ins Land, wie viele Einwohner es hat und bei der dreißigprozentigen Wachstumsrate ist es ratsam, eher früher als später einen Urlaub einzuplanen.

Wizzair fliegt mehrmals wöchentlich aus Memmingen direkt nach Kutaisi, also teuer ist es nicht, hinzukommen. Der Wechselkurs zum Euro ist mit 1:3 besser als in Rumänien, und die georgischen Laris haben im Landesinneren noch eine immense Kaufkraft. Eine Hotelübernachtung kostet umgerechnet ca. 20 EUR (tatsächlich Hotel, nicht Hostel) und Taxifahrten sind mit Münzen und einstelligen Beträgen bezahlbar.

Der Star eines jeden Georgienurlaubs ist das Essen. Die älteste nachgewiesene Weinkultur stammt von hier und Wein gehört deshalb zu jeder Mahlzeit. In der Region Khaketi wird er ganz anders als sonst erzeugt: gegoren in Tonamphoren, die in der Erde vergraben werden. Jedes Haus, jeder Hof hat seine Traubenstöcke. Aus Traubensaft wird auch die markanteste traditionelle georgische Süßigkeit erzeugt: Tschurtschchela. Verschiedene Nusssorten werden hierzu auf eine lange Schnur aufgereiht und wie Kerzen in Wachs, wiederholt in mit Maismehl angedicktem Traubensaft getaucht, bis sich um die Nüsse eine konservierende, süße, gummiartige Mostschicht bildet. Für einen Lari werden diese Nussmoststangen überall feilgeboten und sie sind wirklich, wirklich lecker. Der Traubensaft mit Maismehl, der übrig bleibt nach dem Kerzentauchen, wird zu Pelamuschi verarbeitet, einem Trauben-Mais-Pudding.

Die Diversität und regionale Abwechslungsreichlichkeit der Küche wird an den unzähligen Zubereitungsarten des Nationalgerichts Chatschapuri sichtbar. Weizenmehlteig, Ei und Käse sind die drei Zutaten, die in den unterschiedlichsten Formen zu Chatschapuris verarbeitet werden: ob in einer pizzaähnlichen Form, als Käseboot, als Käsestange oder als Schaschlik-Spieße, der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Sie schmecken sehr unterschiedlich, aber alle zum reinsetzen und mitnehmen gut! Auberginen werden ähnlich viel wie in Rumänien verarbeitet, aber mit Walnüssen. Badridschani heißt das Endergebnis. Gebratene Auberginen werden dafür mit Walnusspaste zu Wespennestern gerollt. Die verwendeten Gewürze sind einzigartig, regional und spezifisch. Sie werden im Garten oder auf dem Balkon selbst gezüchtet und nicht exportiert, noch nichteinmal innerhalb Georgiens weiterverkauft.

Die Globalisierung hat hier noch nicht alles platt und gleich gerollt. McDonalds und Coca Cola gibt es zwar, aber sie sind viel zu teuer, um sich durchsetzen zu können. Waldmeistergrüne Estragonlimo und Obstkompott sind die lokalen nicht-alkoholischen Erfrischungstränke die im Sommer in Cafes, Restaurants und auf allen Sonnenterrassen angeboten werden. Die Menschen sind ungewöhnlich freundlich und kommunikativ. Sie quatschen jeden verloren aussehenden Touristen sofort auf Englisch an und bieten an, bei der Orientierung zu helfen. Der Trend zur, bzw. das für Osteuropa sonst typische Ideal der Auswanderung ist hierzulande inexistent. Die historischen Spuren der russischen Ära sind allerdings noch sehr präsent in den Köpfen die Leute. Jede Fremdsprache wird gern gelernt und gesprochen. Außer Russisch.

Geografisch ist das relativ kleine Land so abwechslungsreich wie seine Küche. Von Sonnenurlaub an der Schwarzmeerküste bis Schi- oder Wanderurlaub in den Bergen hat es alles zu bieten. Kutaisi liegt am Fluss Rioni und ist von Hügeln umgeben. Auf dem höchsten Hügel der Stadt steht die jahrtausendealte, renovierte Bagrati-Kathedrale, der Ort, an dem Georgien gegründet wurde. Der Aufstieg ist über Treppen oder eine sanft gewundene Straße möglich, aber im Sommer ist der Sonnenhut dafür ein absolutes Muss. Die Markthalle am Fuße der Bagrati-Kathedrale ist das Paradies eines jeden Gourmets. Die Auswahl an frischen, im Garten gezüchteten, unterschiedlichsten Obst und Gemüsesorten, an Käse, Nüssen und Gewürzen ist absolut überwältigend. Die zwei Räume des Museums und der seltsame Brunnen im Stadtzentrum sind nicht unbedingt einen Besuch wert. Aber die gefühlt hundert Jahre alte Seilbahn über den Fluss, die zu dem leicht ausgestorbenen Freizeitpark auf dem Berg führt, ist definitiv was für Abenteuerlustige. Die Häuser und das Lebensgefühl im Sommer erinnern stark an den Süden Rumäniens. Es ist schwer vorstellbar, sind in Georgien nicht sofort zu Hause zu fühlen und der Wunsch jederzeit wieder herkommen zu wollen - die beiden geben sich schnell ein Stelldichein.

 

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*