Eine Sensation, die nicht ganz so überraschend war

Sorin Frunzăverde tritt aus der PDL aus und der PNL bei

Donnerstag, 29. März 2012

Dieses Bild, wo (v. l.) der heutige Senatsvorsitzende Vasile Blaga, Parteivorsitzender Emil Boc, Staatspräsident Traian Băsescu und der Erste stellvertretende Vorsitzende Sorin Frunzăverde die effektive oder getarnte Zugehörigkeit zur PDL demonstrieren, ist Vergangenheit. Frunzăverde ist zur oppositionellen PNL übergewechselt.
Foto: Agerpres

Die politische Sensation von Dienstag war die Meldung, dass der Erste stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei PDL, Sorin Frunzăverde, die Partei verlässt und der PNL beitritt. Mit ihm verlassen, laut Medienberichten, 42 amtierende Bürgermeister sowie alle drei Parlamentsmitglieder des Banater Berglands – zwei Abgeordnete und ein Senator – die PDL und treten der oppositionellen PNL bei, wodurch auch die zerbrechliche Mehrheit des Regierungsbündnisses auf die Kippe gebracht wird.

Die Meldung vom Übertritt eines der mächtigsten Mitglieder der Regierungspartei – der allerdings seit zweieinhalb Jahren in einem stummen Krieg mit dem PDL-Führer aus dem Schatten, Präsident Traian Băsescu, liegt – zur oppositionellen PNL, beziehungsweise zum Wahlbündnis USL, ist so überraschend eigentlich gar nicht. Denn Frunzăverde hat in seinen öffentlichen Auftritten – zumindest in Reschitza – nie ein Hehl aus seinen Sympathien für die PNL und deren Parteichef Crin Antonescu gemacht, mit dem er sich in den letzten Monaten mehrmals und gar nicht so sehr im Geheimen getroffen hat. Zudem konnte er immer schon sehr gut mit dem PNL-Kreisvorsitzenden von Karasch-Severin, dem Karansebescher Bürgermeister Ion Marcel Vela, ebenso wie er – trotz nicht seltener Schlagabtausche (voller Anstand und Freundschaft) – auch mit dem PNL-Interimspräses von Reschitza, dem Unternehmer Ioan Popa, gut auskommt. Nicht zuletzt nannte Frunzăverde von seinen PDL-Führungspositionen aus seit Jahren die PNL einen „natürlichen Partner“ dieser Partei, die er 2007-2008, während seiner mehrmonatigen Tätigkeit als Europaparlamentarier, aus dem sozialdemokratischen Lager ins christdemokratische der Europäischen Volkspartei überführt hat.

Angekündigt wurde der Frontenwechsel Frunzăverdes zunächst nicht von ihm selbst, sondern von PNL-Strippenzieher Dan Radu Ruşanu, dem PNL-Landesvorstandsmitglied Mihail Voicu und dem PNL-Chef von Karasch-Severin, Ion Marcel Vela. Vela: „Wir werden Frunzăverde für ein weiteres Mandat als Vorsitzender des Kreisrats Karasch-Severin unterstützen. Unsere ursprüngliche Option, meine eigene Kandidatur für dieses Amt, hat die Bevölkerung von Karansebesch abgeleht, da ich hier sehr viele Projekte geplant habe, die noch abzuwickeln sind.“ „Gleichzeitig“, so Dan Radu Ruşanu, „haben wir entschieden, dass alle amtierenden PDL-Bürgermeister, die mit Frunzăverde zur PNL überzutreten gedenken, das Recht haben werden, als Spitzenkandidaten der PNL in den Wahlkampf zu gehen.“ Mihai Voicu: „Auf der nächsten Tagung des Nationalen Büros der PNL werden wir den Vorschlag unterbreiten, Frunzăverde mit dem Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der PNL, verantwortlich für Außenbeziehungen, zu betrauen.“

Frunzăverde selber hatte für Mittwoch eine Pressekonferenz angekündigt, von der bis Redaktionsschluss der ADZ noch keine Nachrichten vorlagen. Er wollte zur Schlammschlacht gegen ihn Stellung nehmen, die in den Talk-Shows, vorrangig von einigen seiner Ex-Parteigenossen, losgebrochen wurde.
Der in Bokschan geborene Sorin Frunzăverde (51) ist Ingenieur für Metallurgie (Absolvent des Bukarester Polytechnikums) und hat einen Doktor im Bereich Tourismuswirtschaft und einen zweiten im Bereich Verteidigungsfragen Rumäniens. Er ist seit der Wende aktiv in die Politik eingetreten, nachdem er Anfang 1990 in Graz einen Crash-Kurs zum Aufbau und der Führung einer Handelskammer absolviert hatte, zu der ihn seinerzeit Landeshauptmann Josef Krainer d. J. eingeladen hatte. Schon früh in Führungspositionen in der Front zur Nationalen Rettung FSN und in den Parteiformen, die anschließend unter Stabführung von Ion Iliescu organisiert wurden (FDSN usw.), war er (zusammen mit Petre Roman und Traian Băsescu) einer der Initiatoren der Spaltung der Iliescu-Partei und legte die Grundlagen zur zweiten sozialdemokratischen Partei Rumäniens, der Demokratischen Partei PD (die als zweiter sozialdemokratischer Pol neben der PSD funktionierte, welche die traditionsreiche und unter den Kommunisten verbotene Sozialdemokratische Partei des Sergiu Cunescu geschluckt hatte). Nach der Jahrtausendwende errang Frunzăverde zunehmend Gewicht in den Nationalstrukturen der PD (in engster Zusammenarbeit mit Traian Băsescu), trug die Fusion mit abtrünnigen Teilen der PNL mit (zur PD-L) und bekleidete in Bukarest diverse Ministerämter (Tourismus, Umwelt und Forste, mehrmals Verteidigung), wobei er bemüht war, die PDL auch ideologisch (um-) zu profilieren.

Zudem spielte und spielt er als Laie eine nicht unbedeutende Rolle in den Synodalstrukturen der Orthodoxen Kirche Rumäniens (BOR) – er gilt als „Königsmacher“ des gegenwärtigen Metropoliten von Siebenbürgen, Dr. Laurenţiu Streza, und hatte auch, heißt es, ein entscheidendes Wort bei der Wahl des amtierenden Patriarchen Daniel mitzureden.
Was allerdings genau der Grund für den Bruch mit Präsident Băsescu war, ist bis heute nicht an die Öffentlichkeit gedrungen, doch seit diesem Bruch war es Frunzăverde nur mit äußerstem Geschick und der Unterstützung von ein paar alten PDL-Kämpen (unter ihnen der Senatsvorsitzende Vasile Blaga und der Senator und vielfache Ex-Minister Radu Berceanu) gelungen, an der PDL-Spitze noch ein Wort mitzureden.

Kommentare zu diesem Artikel

Werner, 04.04 2012, 12:28
Würde nie einen Parteihüpfer der umbedingt an der Macht bleiben will wählen. In so einem Menschen kann man kein Vertrauen haben.

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