Eine Stadt und ihre Bürgermeister

Arad und Gyula: Gemeinsame Suche nach einem Vorbild

Freitag, 24. Februar 2012

Das prunkvolle Arader Rathaus im Winter: Nur warmes Plätzchen für die brave Beamtenschaft aller Zeiten oder...? Foto: privat

Die Stadt Arad und ihre ungarische Partnerstadt Gyula haben im Rahmen ihrer komplexen grenzüberschreitenden Kooperation nun auch ein Kapitel ihrer Rathausgeschichte auf die gemeinsame Kulturagenda des Jahres 2012 gesetzt: Der Arader Vizebürgermeister Levente Bognar teilte in der letzten, schon zur Tradition gewordenen gemeinsamen Stadtratssitzung mit, dass man heuer eine gemeinsame Gedenkfeier für eine der großen Stadtpersönlichkeiten bzw. für Gyula Salácz, den amtsältesten Bürgermeister der Stadt an der Marosch, veranstalten möchte.
Leider wissen die wenigsten der heutigen Arader Bürger etwas mit diesem Namen anzufangen. Was soll’s, es ist zum Großteil nicht ihre Schuld.

Die hierzulande viel zu lange praktizierte Unart, die Landes- wie auch Lokalgeschichte als Politikum zu betrachten, diese grob zu verfälschen oder nach Gutdünken zu verschweigen, die Geschichte den eigenen Bürgern vorzuenthalten, war ja während des kommunistischen Regimes Partei- und Staatspolitik. In der Westregion darf man aber auch nicht die vielen Geschichtslücken und weißen Stellen der k.u.k.-Zeit außer Acht lassen, die von den rumänischen Regierungen nach 1918 aus allzu viel Patriotismus in die Geschichte dieses Landstrichs geschnitten wurden. Es gibt da noch viel Nachholbedarf. Obwohl man nun schon seit Jahren gute Beispiele aus allen Ecken der EU über die Hinwendung zur lokalen Geschichte und Traditionen hat, kümmern sich die wenigsten Stadt- und Gemeindeväter nach der Wende um Geschichte und wertvolles Kulturerbe der vorangegangenen Generationen, und wenn, dann nur halbherzig.

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben es gezeigt: Besser scheint das im Banat nur zu funktionieren, wenn es sich um Gemeinschaftsprojekte mit unseren Nachbarn, den Ungarn oder Serben, handelt, die stets nach schönen EU-Manieren, pardon, mittels EU-Geldern, mit viel Begeisterung von beiden Seiten, vor allem der Beamten aus den Ratshäusern und Räten, fristgerecht aber auch mit vielen Festen und Feierlichkeiten abgewickelt werden.

Auch Bürgermeister mit dreitägiger Amtszeit

Wer war also dieser Mann, um den sich zwei Städte gleichzeitig kümmern? Gyula Salácz wurde am 31. Januar 1832 in Gyula geboren, er starb jedoch in Arad am 17. Juli 1915 und wurde auch hier begraben. Als 17-Jähriger beteiligte er sich an der Revolution von 1848. 1861 ließ er sich als angehender Rechtsanwalt in der Maroschstadt nieder. In der Zeitspanne 1872-1875 war er als Chefstaatsanwalt in Arad tätig. Von 1875 bis 1901 leitete er die Geschicke der Stadt Arad als tatkräftiger und angesehener Bürgermeister. 1901-1906 vertrat er die Interessen der Stadt auch als Abgeordneter im Budapester Parlament. Mit seiner 26-jährigen ununterbrochenen Amtszeit im Rathaus der Stadt ging er in die Geschichte Arads als amtsältester Bürgermeister ein. Sein Name ist u. a. mit den ersten von der Stadt verwalteten und gepflegten Parks der Maroschstadt, so der heutige Paradepark von Arad, der Eminescu-Park im Stadtzentrum, zu verbinden. Ihm zu Ehren erhielt vor einigen Jahren die ehemalige Măcinului-Straße seinen Namen.

Über 50 Bürgermeister residierten im Arader Rathaus seit 1834. Eines der wichtigsten Ereignisse in der Stadtgeschichte war mit der Amtszeit des Bürgermeisters Dominicus Heim (1834-1842) verbunden. Im Alten Rathaus, schon 1704 gebaut, heute Hausnr. 16 am Avram-Iancu-Platz, wurde im Jahr 1834 die Geburtsstunde der Stadt gefeiert: In feierlichem Rahmen und in Anwesenheit des Kaisers Franz I. wurde die Urkunde zur Erhebung Arads zur königlichen Freistadt überreicht. Die anschließenden Feierlichkeiten, als Arader Festtage bekannt, dauerten zwölf Tage (wahrscheinlich ist das das Modell der Stadtfeste mit hohen Kosten, die der derzeitige PDL-Bürgermeister seit 2004 für die Arader Bevölkerung veranstaltet).

Die bis 1869 folgenden Bürgermeister waren mit kleinen Ausnahmen Deutsche: So Franz Scharfender (1843-1848; 1862-1863), erneut Dominicus Heim (1850-1852). Karl Weiss (1863-1866), Peter Atztel (1867-1869). Bis zum letzten Bürgermeister im Königreich Ungarn (1919, Green Nandor) folgten reihum Ungarn im Rathaus. Mit Dr. Ioan Robu wurde 1919 der erste rumänische Bürgermeister in Arad gewählt, und so blieb es dann auch bis in unsere Tage. Bekanntlich befindet sich Gheorghe Falcă (PDL) nun seit 2004 schon in seiner zweiten Amtszeit  als  Bürgermeister.
Es gibt auch Kuriositäten in der Rathausgeschichte: Bis 1747 wurde die Verwaltung der Stadt Arad von zwei Bürgermeistern, einem serbischen und einem deutschen, geleitet. Das, obwohl es noch eine kleine Kommune war. Erst um 1804 hatte Arad etwas über 8000 Einwohner, um 1900 etwa 56.000.

Stefan Olariu saß im Jahr 1938 nur knapp drei Tage auf dem Sessel des Bürgermeisters, im gleichen Jahr schaffte es Dr. Nicolae Popovici immerhin wenigstens zu einer Amtszeit von 40 Tagen! Es war kurz nachdem die rechtsextreme Partei „Alles für das Land“ 1937 die Stadtwahlen gewonnen hatte. Die königliche Diktatur von 1938 machte der Demokratie im Rathaus und jedwelchen parlamentarischen Zuständen ein Ende.

Die Initiative, ein Vorbild für die heutigen Stadtväter zu suchen, mit Gyula Salácz einen Bürgermeister aus dem 19. Jahrhundert heute zu ehren und zu feiern, dessen wertvolles Erbe und den Nachlass anderer bedeutender Stadtsöhne der Einwohnerschaft ins Gedächtnis zu rufen, müssen als positiv begrüßt und als nachahmenswert betrachtet werden. Die derzeitige PDL-Führungscrew aus dem Arader Rathaus steht seit Jahren schon unter scharfer Kritik. Nur wenige, höchstens harte PDL-Parteigänger, können sich noch mit dieser Verwaltung und besonders mit einem Bürgermeister, der seit Jahren von der Antikorruptionsstaatsanwaltschaft DNA wegen Amtsmissbrauch und Korruption angeklagt ist, als Bürger der Stadt und Steuerzahler richtig vertreten fühlen. Wenn man in die große Welt, vor allem nach Übersee guckt, ist das auch nicht das Schlimmste, was den Aradern passieren hätte können: Nicht jede Stadt wählt sich einen Rudy Giuliani, wie die New Yorker das taten. 1986 hatten die Bürger des kalifornischen Monterey mit Clint Eastwood gar einen rauhen Westernhelden für zwei Jahre auf den Bürgermeistersessel gehievt.

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