Eine überraschende Perspektive

„Wenn die Tiere schlafen“ von W.G. Seidner in die Lyrikanthologie der „Frankfurter Bibliothek“ aufgenommen

Sonntag, 12. Februar 2012

Walther Gottfried Seidner
Foto: Hannelore Baier

Bereits im Dezember des vergangenen Jahres hat uns über die „Hermannstädter Zeitung“ (Nr. 2263 / 16. Dezember 2011) die Nachricht erreicht, dass die weltweit bekannte Brentano-Gesellschaft Frankfurt ein Gedicht des Stolzenburger Pfarrers i. R. Walther Gottfried Seidner in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts“ aufgenommen habe.

Aus der Korrespondenz der Redaktion der „Frankfurter Bibliothek“ mit Walther Gottfried Seidner, die uns der Stolzenburger Dichter und Erzähler freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, geht hervor, dass die Edition der Anthologie für die Adventszeit „in herausragender Ausstattung“ vorgesehen sei  bzw. war und dass sie sich – als eine der „am meisten verbreiteten Lyrikveröffentlichungen“ – die zentrale Aufgabe gestellt habe, „einen repräsentativen Querschnitt durch die literarische Kultur unserer Gesellschaft“ zu bieten.

Dass dies alles bereits in der „Hermannstädter Zeitung“ vom 16. Dezember 2011 zu lesen war, ist selbstverständlich, wie auch der Hinweis der Redaktion auf die Aufnahme der Anthologie in die bedeutendsten Bibliotheken weltweit, so in die Wiener Staatsbibliothek, die Schweizer Nationalbibliothek,  die Französische Nationalbibliothek sowie in die National Library of Congress in Washington.

Was wir hier gerne hinzufügen möchten, ist, dass sich uns mit der Lektüre dieses Gedichts eine überraschende Perspektive auf den Autor Walther Gottfried Seidner eröffnet. Denn der dichtende Geistliche versteht sich in einem von ihm gestalteten Selbstbild nicht als Lyriker sondern als ein Schriftsteller, der sich dem Theater, dem Volkstheater und letztlich der Erzählung verschrieben habe. Und dem Humor als ästhetischem Begriff, dem Humoristischen als Welthaltung, das sich in seinen Dichtungen nicht nur als Stoff findet sondern auch als Darstellungstechnik und als Gestaltungsprinzip. Von der Lyrik habe er sich - so Walther G. Seidner - vor gut vierzig Jahren zurückgezogen. 

Und nun liegt dieses Gedicht voller Reflexionen vor, in dem der Stolzenburger Pfarrer, der in Hermannstadt und Klausenburg Theologie und Philosophie studiert hat, keine Grenzlinie zwischen Wissen und Glauben zieht, sondern den Text sprechen lässt, und zwar aus dem rätselhaften Ganzen des Lebens heraus, zu dem er uns selber das Schlüsselwort gegeben hat: Totemtiere. Und wie ein Kredo klingt, was er hinzugefügt hat: „Die Menschwerdung bewegt sich im gleichen Schritt und Tritt mit der Religionswerdung.

Das religiöse Denken strebt nach Selbstfindung. Es ist keine primitive Wissenschaft. Religion bietet Symbole und Rituale der Einordnung, Verhaltensmuster und vieles andere mehr. Die Tiere, die Erstgeborenen der Schöpfung, faszinierten durch ihr So- und Anderssein. Sie wurden zu kultisch verehrten Totemtieren, später zu Opfer- und schließlich zu Haustieren. Tótem kommt aus der Indianersprache. Verschiedene Tiere galten als Ahnen der Menschen. Sie durften deshalb nicht verletzt oder getötet werden. Und so wurden sie religiös befrachtet.“

Da wir nun meinen, dass ein solches Produkt der Denklyrik, wie das Gedicht WENN DIE TIERE SCHLAFEN eines ist, auch bei uns überregional bekannt gemacht werden sollte, verbinden wir mit der Darstel,lung unserer Rezeption des poetischen Textes zugleich auch die Überlegung, dass es ein Schritt zum Leser wäre, wenn das Gedicht eine angemessene Vermittlung erfahren würde.

Und dazu gehört gleicherma-ßen die Erwartung, dass von daher auch die Anregung kommen könne, dass jene, die sich mit Textanalyse und Interpretation beschäftigen, den Zugang zum Verstehen des Gedichts bieten und die Antworten auf die Fragen nach der Intention des Autors geben werden. Denn vorläufig gilt, was Karl Kraus erklärt hat: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück.“


Walther Gottfried Seidner

Wenn die Tiere  schlafen,

nahen sich ihre letzten Sprünge wie Spielzeug,
streift sie ihr steiles Ermüden wie Sprache,
kauern sie ein in den Mutterleib,
saugen am Euter der Nacht und genesen.

Wenn die Tiere schlafen,
hüten sie ihre Zunge vor Sprache,
ihr Auge vor Traum.
Einmal für nie und nie wieder
ergießt sich ihr Blut in die Adern größerer Tiere.

Zwischen Atemholen und Verenden
widerhallt es vom Niesen der Götter – hart an der
Schwelle zur Wortwerdung streift sie der
Weckruf des Bangens.

Nackt und allein springen sie ins Erwachen,
werden geboren aus Tod und Vergessen,
fliehen verschüchtert ins Spiel des Verblutens
und nehmen den Tag für den Anlauf.

Wenn die Tiere schlafen, rüsten sie sich für die
Krämpfe und Wehen –
des nie zu gebärenden Gottes.

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