Eine unerschöpfliche und unausgeschöpfte Quelle der orthodoxen Theologie

Der evangelische Theologe Jürgen Henkel stellte in Hermannstadt sein neues Buch über Dumitru Stăniloae vor

Samstag, 21. Oktober 2017

Jürgen Henkel bei der Buchlesung im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt
Foto: Ralf Haska

„Dumitru Stăniloae ist der bedeutendste rumänische Theologe des 20. Jahrhunderts und einer der wichtigsten orthodoxen Theologen der Neuzeit. Lange vor Vladimir Losskij oder John Meyendorff hat er die Mystische Theologie der Kirchenväter wiederentdeckt und in Abgrenzung von der orthodoxen ,Schultheologie’ seiner Zeit die Theologie der Erfahrung im Sinne der Kirchenväter erneuert. Als Regimegegner in der Zeit des Kommunismus selbst mehrere Jahre in politischer Haft, legte Stăniloae neben der umfangreichsten Gesamtübersetzung von Väter-Texten zu Spiritualität, Askese und Mystik in der Ostkirche auch einen äußerst kreativen Gesamtentwurf zur orthodoxen Theologie vor.“

Mit diesen Worten würdigt der evangelische Theologe und frühere Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen/EAS, Dr. Jürgen Henkel, Person und Werk des bedeutenden rumänischen orthodoxen Theologen Dumitru Stăniloae. Henkel, der zurzeit in Oberfranken als Gemeindepfarrer wirkt, wurde 2001 von der Universität Erlangen mit einer Forschungsarbeit über Stăniloae zum Doktor der Theologie promoviert. Diese Arbeit wurde 2002 mit dem Förderpreis der Südosteuropa-Gesellschaft aus München prämiert. Nun hat Henkel nachgelegt und im renommierten deutschen Herder-Verlag eine Einführung in die Theologie Stăniloaes vorgelegt. Jüngst präsentierte er erstmals öffentlich das 560 Seiten umfassende Buch im Rahmen einer Lesung im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt/Sibiu.

„Es gab in den letzten 15 Jahren auch auf Deutsch einige Doktorarbeiten zu Dumitru St²niloae, meist von rumänischen orthodoxen Theologen. Diese widmen sich naturgemäß immer einzelnen spezifischen Fragen. Was aber grundlegend fehlte, war eine Gesamteinführung in das theologische Werk und Denken Stăniloaes. Diese Lücke versuche ich mit meinem Buch zu schließen“, umschrieb der Theologe aus Bayern bei der Buchpremiere die Motivation für seine neue Darstellung zu Dumitru Stăniloae, der von 1903 bis 1993 lebte. Der in Vlădeni bei Kronstadt/Braşov geborene Rumäne lebte und wirkte in Hermannstadt und Bukarest. Er kommt, wie Henkel in seiner Lesung an einzelnen Abschnitten vorführte, in dem Buch ausführlich zu Wort. „Ich will den Lesern Stăniloae nahebringen, nicht seine Interpreten.“

Der Buchautor begründete, warum Stăniloae so bedeutend ist: „Seine dreibändige Dogmatik und die Werke zur orthodoxen Spiritualität und Liturgie, zur Trinitätslehre und Christologie gelten als eine zeitlos gültige Synthese orthodoxer Theologie im Dialog mit Glaubenspraxis und Lehre der Kirchenväter. Stets bemüht er sich, die orthodoxe Spiritualität als normativ und prägend auch für sein Volk zu vermitteln. So kommt er auch zur Überzeugung einer orthodoxen Spiritualität des rumänischen Volkes, wobei er anfänglich in den heißen Debatten zur nationalen Identitätsbestimmung in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts auch nationalistische Thesen vertritt, die er in seinen späten Werken zum Thema orthodoxer Identität seines Volkes aber überwindet. Freilich muss sich vor allem der westliche Leser immer hüten, Stăniloae aus Sicht heutiger Prämissen und westlicher Prägungen ins Wort zu fallen.“

Die Theologie Stăniloaes, der vor allem als Dogmatiker schreibe, basiere sehr grundlegend auf dem Zeugnis der Heiligen Schrift, die für ihn ebenso normativ sei wie die Lehre der heiligen Kirchenväter, so Henkel. „Fest und unerschütterlich in der eigenen orthodoxen Lehr- und Glaubenstradition verankert, schafft der rumänische Theologe es gleichzeitig in bemerkenswerter geistiger Tiefe und kreativer Weite des ökumenischen, philosophischen und kulturellen Orientierungshorizonts, sämtliche Themen der christlichen Theologie einer-seits in einer aktualisierenden Relecture, andererseits in einem fortwährenden Dialog mit Strömungen der Zeit wie der Lehre der Kirchenväter für die Gegenwart nachhaltig neu zu interpretieren.“

St²niloae erweise sich als äußerst origineller Denker, der die orthodoxe Theologie mit aktuellen Fragestellungen und Herausforderungen konfrontiere, aber auch korreliere. In der Wahrnehmung westlicher Theologie, die er ausgiebig aufgreift, komme es zu mancher konfessionalistischen Engeführung, wobei St²niloae zwar abgrenzend und manchmal rechthaberisch, aber nie verletzend oder ausgrenzend argumentiere. „Aussagen wie bei Sergeij Bulgakov, wonach nur Orthodoxe in den Himmel kommen, findet man bei St²niloae nicht“, so Henkel.

Auch zur theologischen Methode und Argumentation St²niloaes äußerte sich Henkel. „Sein nach Inhalt, Form und Umfang beeindruckendes wie beispielloses Werk rekapituliert nicht nur, sondern er geht dabei auch ausgesprochen kreativ vor, wenn er etwa Begriffe der Existenzphilosophie und der Psychotherapie aufgreift, um damit wichtige existenzielle Lebensfragen zu thematisieren, und diese dann theologisch füllt.“ So habe St²niloae auch Martin Heidegger oder Ludwig Binswanger rezipiert. Der Rumäne habe wie kein Zweiter die Theologie seiner Kirche geprägt, für die er schon lange als Normtheologe gelte. Henkel zog als Fazit: „Dumitru Stăniloae ist eine schier unerschöpfliche, vor allem im Bereich der deutschsprachigen Theologie aber auch leider bisher kaum wirklich ausgeschöpfte Quelle der Theologie, was vor allem an der Sprachbarriere liegt. Es ist zu wenig übersetzt.“

Es kam im Erasmus-Büchercafé zu einer spannenden wie lebhaften Diskussion, bei der auch der Hermannstädter Kirchenhistoriker Hermann Pitters das Wort ergriff. Pitters hat die dreibändige Dogmatik Stăniloaes von 1978 nach Henkels Worten „kongenial ins Deutsche übersetzt und sich damit einen grundlegenden Verdienst um die Stăniloae-Rezeption im deutschsprachigen Raum erworben“. Pitters betonte die „besondere persönliche Bescheidenheit, Liebenswürdigkeit und auch asketische Lebensführung“ des großen rumänischen Theologen, dem er mehrfach persönlich begegnet sei. Auch der frühere bayerische evangelisch-lutherische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich sowie Pfarrerin Daniela Schmid und Pfarrer Ralf Haska vom ober-fränkischen Dekanat Selb wohnten der Lesung bei.

Jens Kielhorn vom Erasmus-Büchercafé dankte Henkel für die Lesung und freute sich, dass die Buchpremiere hier stattfand. „Unser Haus und unser Schiller Verlag sind Jürgen Henkel seit vielen Jahren eng verbunden.“ Er erwähnte unter anderem die von Henkel initiierte Buchreihe „Deutsch-Rumänische Theologische Bibliothek“, die seit 2011 im Schiller Verlag erscheint.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*