Eine ungewisse Zukunft

Das Weltmusikfestival PLAI verliert seine Hauptorganisatoren

Mittwoch, 23. September 2015

Sie brachten Weltmusik nach Temeswar: Andreea Iager-Tako und Norbert Tako sind die Gründer des PLAI-Musikfestivals. Hier im Bild mit dem Jazzpianisten Teo Milea (mitte)

Andreea und Norbert haben zehn Jahre lang das PLAI-Festival zusammen mit Freiwilligen organisiert. Jetzt sollen andere ihre Arbeit übernehmen
Fotos: Privat

Andreea Iager-Tako schaut müde aus. Während sie im Ambasada sitzt, klingelt das Telefon. Ihr Gatte, der Mitbegründer des größten Weltmusikfestivals Rumäniens, Norbert Tako, ruft sie an, weil er noch mit den Aufräumarbeiten der jüngsten Auflage zu tun hat. „Viele sehen die Heidenarbeit nicht, die dahintersteckt“, erklärt sie erschöpft. Noch ist viel Papierkram zu erledigen. Abrechnungen müssen gemacht, Abschlussberichte geschrieben werden. Inzwischen kann sie und ihr Mann die viele Arbeit nicht mehr stemmen. Vor zehn Jahren vielleicht, als sie noch keine Eltern waren und keine anderen Projekte hatten, wie etwa die vor einem Jahr gegründete Ambasada-Kultureinrichtung. „In den letzten drei Wochen hatte ich für mein Kind fast keine Zeit“, gesteht sie. Die zwei sind nicht nur die Gesichter des PLAI-Festivals, auf ihren Schultern ruht die gesamte Verantwortung. Der enorme Leistungsdruck zeigt inzwischen seine Spuren. Andreea und Norbert haben eine Entscheidung getroffen, die ihnen nicht leicht gefallen ist. „Wir treten zur Seite und lassen andere das Festival organisieren.“

Es sei eine Entscheidung, die sie spontan getroffen hätten – das Ergebnis mühevoller Wochen und Monate, in denen ihnen immer mehr Arbeit zufiel. „PLAI wurde stets von Freiwilligen getragen“, sagt Andreea. „Sie haben überhaupt das Festival am Leben gehalten. Doch es müssen Entscheidungen getroffen und Verantwortungen übernommen werden, die man einem Freiwilligen nicht zumuten kann.“

Das feste Organisationsteam ist klein. Organisatorische und finanzielle Aufgaben werden von einer Handvoll Menschen und in vielen Fällen von Andreea und ihrem Gatten übernommen. „Buchungen und die Abwicklung von Gagen waren nie ein Problem“, so Andreea. „Zumindest, wenn man das nötige Geld hat, um die Künstler zu bezahlen. Zeitlich ist der Aufwand nicht so groß, weil wir es Monate im Voraus machen können.“

Stressig sind die Tagen vor jedem Festival. Dann legt jeder Hand an, um die Bühnen und Stände einzurichten. „Ich habe nie die Performer live erlebt, lediglich gehört“, sagt sie. „PLAI bedeutete für uns stets: Arbeit, Arbeit, Arbeit.“

Aber auch jede Menge Leidenschaft: 2006 wurde die erste Auflage veranstaltet. Es waren alles junge Menschen Anfang 20, die nur eins wollten: Musik, die sie gerne hörten, live in Temeswar/Timişoara zu hören. Sie wollten also den Berg zum Propheten holen und eine Bühne für jene Künstler schaffen, die keine kommerzielle Musik produzieren.

PLAI war stets gegen den Mainstream, zumindest gegen das, wofür der Mainstream oft steht. „Wir haben deswegen für die Jubiläumsausgabe entschieden, unsere Acts nicht anzukündigen.“

Es war für ein Festival, das trotz steigender Popularität niemals genug abwarf, um sich selbst zu finanzieren, ein Wagnis. „Wir wollten einfach hervorheben, dass PLAI mehr ist. Es geht nicht nur darum, große Namen der Weltmusik nach Temeswar zu bringen, damit Menschen ihre Musik ‚konsumieren’ können“, erklärt sie. „Es geht um das PLAI-Erlebnis. Es geht um die Teilnahme kultureller Einrichtungen, um die Werkstätten, die tagsüber veranstaltet werden, um das Miteinander, um die Gemeinschaft, die durch PLAI entstanden ist.“

Wichtig ist die Gemeinschaft

Und eben auf diese Gemeinschaft bauten auch Andreea und ihr Mann für die zehnte Auflage. Ohne die Freiwilligen und ohne das treue Publikum hätte PLAI nicht überleben können. Doch auch ohne die Bereitschaft der Takos, die Verantwortung für das Festival zu tragen, wäre es zu einer zehnten Auflage nicht gekommen.

„Aber jetzt ist es an der Zeit, dass junges Blut die Zügel in die Hand nimmt“, so Andreea. Sie hofft, dass durch diese Weichenstellung auch PLAI neue kreative Impulse erhält. „Als wir auf Facebook angekündigt haben, dass wir zurücktreten, haben die meisten es falsch aufgefasst“, erklärt sie. „Wir geben PLAI nicht auf und wir wollen nicht, dass man PLAI mit uns gleichsetzt. PLAI bin nicht ich oder Tako. Wir hoffen, dass es weitergeht.“

Die Frage nach einer weiteren Auflage haben sich die Hauptveranstalter jedes Jahr in den letzen zehn Jahren gestellt. So erfolgreich das Festival inzwischen geworden ist – inzwischen reisen Musikliebhaber aus dem In- und Ausland an, nur um dabei sein zu können – so schwierig war es, Gelder aufzutreiben und Sponsoren zu finden. „PLAI bleibt ein Nischenfestival.“

Die langjährigen Unterstützer reagierten auf die Nachricht unterschiedlich. „Einige fühlen sich in Stich gelassen“, sagt sie. Für andere kam die Ankündigung unüberraschend. Schließlich sind Andreea und Norbert seit einem Jahr mit Ambasada beschäftigt.

Die zwei PLAI-Gründer sind erwachsen geworden. Das beweist eben das Ambasada-Projekt: Es ist ein Ort, wo man das PLAI-Erlebnis das ganze Jahr über anbieten kann. Gleichzeitig ermöglicht es mehr finanzielle Sicherheit. Doch selbst hier kämpfen die beiden mit Problemen. „Wir haben gerade erfahren, dass einer unserer treuesten Mitarbeiter abgehauen ist und Geld aus der Kasse gestohlen hat.“ Es war für alle eine enttäuschende Erfahrung. „Er hat nicht einmal viel Geld mitgehen lassen, obwohl er uneingeschränkten Zugang hatte. Er hätte uns ruinieren können.“

Doch ungeachtet dessen, läuft Ambasada, besonders weil es auf die gleichen Werte setzt, wie das PLAI Festival: auf Gemeinschaft und Kulturförderung.

„Wir müssen Menschen herausfordern, indem wir ihnen Musik oder kulturelle Angebote vorstellen, die für sie ungewohnt sind und anfangs schwer verdaulich“, sagt Andreea.

Leicht ist Andreea Iager-Tako der Rücktritt nicht gefallen. Darauf angesprochen fängt sie an zu weinen, versucht sich dann aber schnell wieder zu fassen. „Wir haben es nicht geplant, wir haben einfach erkannt, dass wir so nicht mehr weitermachen können.“ Eben aus sehr vielen Gründen, darunter aber einem wichtigen: Sie und ihr Mann sind erwachsen geworden.


 


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