„Eine verbindliche und verbindende Struktur der Kirche für alle“

Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien äußert sich zu aktuellen Problemen der Kirche und des bevorstehenden Jubiläums der Reformation

Freitag, 26. Februar 2016

Bischof Reinhart Guib wurde als Gast des diesjährigen Neujahrsempfangs des Ortsforums von den Kronstädtern herzlich begrüßt.

Bischof Reinhart Guib wird immer als Ehrengast in Kronstadt begrüßt. Unter großer Beteiligung nahm er im November 2014 die Ordination und Einführung von Pfarrerin Adriana Florea in der Honterusgemeinde vor.
Fotos: Dieter Drotleff

Reinhart Guib ist der 36. Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Geboren wurde er 1962 in Mediasch und studierte an der Theologischen Fakultät von Hermannstadt. Anschließend war er Vikar in der Kirchengemeinde von Fogarasch. 1990 übernahm er die Pfarrstelle in der nahe gelegenen Ortschaft Deutsch-Tekes. 1994 wurde er nach Mediasch berufen. Ein Jahr später wurde er zum Dechanten des Mediascher Kirchenbezirkes gewählt. Seit 1997 ist er Mitglied des Landeskonsistoriums  und 2007 wurde er zum Bischofsvikar gewählt. Von 2003 bis 2009 war er Präsident des neugegründeten Gustav Adolf-Werks in Rumänien. Reinhart Guib und seine Gattin Henriette geb. Gref haben drei Kinder. Mit Bischof Reinhart Guib steht der Evangelischen Kirche seit  gut fünf Jahren ein junger, tatkräftiger Theologe, voller Initiativen vor. In dem von Dieter Drotleff, langjährigem, ehemaligen Chefredakteur der Karpatenrundschau  und  jetzigem Redakteur der ADZ/KR Anfang Februar geführten Gespräch antwortete er bereitwillig auf einige Fragen bezüglich unserer Kirche und der stattgefundenen Entwicklungen. 

Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien, der Sie seit 2010 als Bischof vorstehen, hat beson-ders nach der Wende an Kirchengliedern und Pfarrern stark einbüßen müssen. Wie steht es um den heutigen Stand unserer Kirche?

Unsere Kirche ist tatsächlich nach der Wende stark geschrumpft, aber seit einigen Jahren mit ihren 12.000-13.000 Seelen stabil. Seit dem  1. Januar 2016 gehören zu den 239 Gemeinden  mit Seelen in unserer Kirche 12.355 Gemeindeglieder. Durch die Einführung der Zweitmitgliedschaft haben wir die zunehmenden Todesfälle unter den alt gewordenen Siebenbürger Sachsen ausgleichen können,  wobei rund 400 Evangelische, hauptsächlich Siebenbürger Sachsen aus Deutschland, sich für eine Vollmitgliedschaft und 488 für eine Sondermitgliedschaft entschieden haben. Für den geistlichen Dienst in den Gemeinden und immer größer gewordenen Diasporagebieten sind 35 Pfarrer und Pfarrerinnen zuständig. Ihnen zur Seite stehen viele Ehrenamtliche in unseren Gemeinden, sodass wir  froh sind über die Vielen (fast jeder Dritte ist aktiv), die in den unterschiedlichen Bereichen unserer Gemeinschaft sich engagieren. Das macht zuversichtlich. Wir haben immer weniger Mitläufer und immer mehr einsatzbereite Leute. Und trotzdem nie genug.

Gegenwärtig besteht ein akuter Mangel an Pfarrern. Die gegenwärtigen Amtsträger betreuen meist mehrere Kirchengemeinden, was einen großen Zeitaufwand sowie auch Verantwortung für diese bedeutet. Anderseits wünschen sich die vereinsamten Kirchenglieder, öfters Kontakt mit dem Pfarrer haben zu können. Gibt es diesbezüglich eine Hoffnung und versprechende Perspektive?

Von Herbst 2014 bis Herbst 2015 sind fünf Pfarrer aus dem Pfarrdienst geschieden, wobei einer als Pfarrer i.R. noch geistliche Dienste wahrnimmt. Dies konnten wir so schnell nicht kompensieren, sodass die verbliebenen Pfarrer weitere Gemeinden in Vertretung übernehmen mussten. Da sind  ins-besonders die Gottesdienste, Kasualien, aber auch immer mehr die Hausbesuche entscheidend, denn da kann die fehlende Quantität der Pfarrer mit Qualität ausgeglichen werden. Darauf wird es auch in Zukunft vermehrt ankommen.  In-zwischen haben sich in den Kirchenbezirken gute Solidaritätsmechanismen entwickelt und Lektoren  wie Theologen, ich inklusive,  helfen in Diasporagebieten beim Betreuen mit. Auch gibt es Angebote von Pfarrern aus Deutschland und Österreich zur Aushilfe, was uns besonders über die Feiertage und warme Jahreszeit sehr hilft, die Gemeinden gut zu betreuen. Gerade im Sommer sind viele ehemalige Gemeindeglieder zu Besuch in der Heimatgemeinde und da ist es für alle wichtig, Gottesdienste und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen um sich näher zu kommen.  Zudem haben wir Hoffnung, dass nach fünf Jahren, und einer Ende 2014 ordinierten Pfarrerin nun im Herbst mindes-tens ein Vikar und in den weiteren Jahren weitere Studenten in den Pfarrdienst treten werden. Wir freuen uns über die heranreifenden motivierten Studenten, die in unserer Kirche dienen wollen.

In diesem Kontext bitten wir Sie sich auf die gegenwärtige Struktur der Evangelischen Landeskirche A.B., auf deren Rolle im Gemeinschaftsleben zu beziehen!

Die Strukturen unserer Kirche sind die schon vor der Wende existierenden  - Landeskirche-, fünf Kirchenbezirke und rund 50 Gemeinden /Bezirk. Unter den 239 Gemeinden haben wir 32 eigenständige Gemeinden, die meistens auch einen/eine Pfarrer/in haben und 207 Diasporagemeinden. Um diese besser und näher an der Basis zu betreuen und die Bezirkskonsistorien zu entlasten, haben wir die Gemeinden zur Gründung von Gemeindeverbänden angeregt, die sich regional zusammenschließen und wie eine eigenständige Gemeinde agieren. Inzwischen gibt es fünf solcher Gemeindeverbände, zu denen jeweils  eine eigenständige größere Gemeinde und 4-10 kleinere Diasporagemeinden hinzugehören.  Es kommt da zu einem ständigen Voneinanderlernen und Aufeinanderachten und Helfen und die Vielfalt und Verschiedenartigkeit, wie die übergreifende Gemeinschaft wird neu als Schatz entdeckt. Die Evangelische Kirche will eine verbindliche und verbindende Struktur und Gemeinschaft bieten, für alle die dazugehören oder auch dazukommen wollen. Durch die vielen Angebote in den Gemeinden zur Stärkung der Gemeinschaft und die gute Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen, staatlichen Institutionen und vielen Partnern aus dem In- und Ausland können wir unsere christlichen Werte weitergeben, aber auch ein menschennaher Lebensraum sein für Menschen auf der Suche.

Welche Rolle spielt der Religionsunterricht an unseren Schulen? Ist dieser angetan auch Jugendliche zu überzeugen, ein evangelisches Theologiestudium anzutreten?

Der evangelische Religionsunterricht wird an den deutschsprachigen Schulen gerne angenommen. Er wird von fast 20 Pfarrer/innen und 20 Lehrer an über 3000 Schüler unterrichtet. Darin wird auch für ein evangelisches Theologiestudium geworben und in der Tat sind fast alle unsere Theologiestudenten über den Religions- und Konfirmandenunterricht und sodann die Jugendarbeit zu diesem Studium gekommen. Während der Studienzeit versuchen wir mit Begegnungen und Mentoring sie nahe an der Kirche zu halten. Nach einigen schweren Jahren haben sich in den letzten Jahren 2-4 Studenten jährlich für das vierjährige Evangelische Theologiestudium gefunden. Das brauchen wir auch, denn in  fünf Jahren werden wir jährlich mindestens eine/n neue/n Pfarrer/in benötigen.

Der evangelischen Kirche fällt seit der politischen Wende von 1989 auch eine wichtige soziale Aufgabe zu, die der Seniorenbetreuung. Diesbezüglich wurde viel getan sowohl durch Unterstützung aus dem Ausland als auch durch Eigeninitiativen von Pfarrern oder starken Kirchengemeinden. Wie sehen Sie die weitere diesbezügliche Entwicklung für die Zukunft?

Die diakonische Aufgabe ist neben der geistlichen Betreuung ein Eckpfeiler in der Arbeit unserer Kirche und wird es auch weiterhin bleiben. Deshalb stärken wir die diakonischen Träger in und um unsere Kirche durch Fortbildungsangebote für Pflegekräfte, jährlichen Diakonieaustausch zwischen den Leitern, Einführung des Diakoniesonntags am 13. Sonntag nach Trinitatis und, ab 2016, einen Sonntag des Ehrenamtes am 18. So.n.Trin., um die Diakonisch-Tätigen wertzuschätzen und die Gemeinden für diesen selbstverständlichen Nächsten-dienst zu sensibilisieren und nicht zuletzt durch Zuwendung von mehr finanziellen Mitteln aus Fonds und Projekten für die Mitarbeiter in den Alten- aber auch Kinder-, und Jugendheimen. Auch ist es ein stetes Anliegen, den Staat immer mehr in die Pflicht zu nehmen seinen Beitrag zu erhöhen oder überhaupt zu leisten.   

Ein besonderes Problem stellt der Erhalt unserer Gotteshäuser, der Kirchenburgen und der Orgeln dar. Einige konnten restauriert werden, andere bedürfen diesbezüglich dringender Maßnahmen. Kann die Evangelische Kirche alleine dafür aufkommen?

In den letzten Jahren wurden große Anstrengungen unternommen Kirchen und Kirchenburgen und Orgeln zu renovieren, so viele wie selten zuvor. 18 Kirchenburgen wurden aus EU-Fonds hergerichtet. Viele Gemeinden und HOGs haben sich anstecken lassen und ihre Kirchen und Orgeln nach und nach restauriert. Rund 100 Kirchen haben wir z.Z. die in sehr gutem Zustand sind. D.h. aber auch 140 weitere Kirchen und Orgeln sind noch zu retten. Das kann nur gemeinsam mit den HOGs, den politischen Gemeinden und Ortsbewohnern, den rumänischen Zuständigen staatlichen Stellen wie mit Partnern aus dem In- und Ausland auch durch Ausarbeitung von nachhaltigen Nutzungsprojekten geschehen. Durch ein weiteres 19 EU-Kirchenburgen-Projekt, die „Stiftung Kirchenburgen” und das Projekt „Entdecke die Seele Siebenbürgens” sind wir dabei, die Kirchenburgen und ihre Schätze der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und für deren Rettung, Erhalt und Nutzung verstärkt uns einzusetzen und zu werben.

Wie schätzen Sie die gegenwärtigen Beziehungen der Evangelischen Kirche A.B. zu den anderen Konfessionen in Rumänien, besonders der orthodoxen Kirche ein?

Wir haben gute Beziehungen mit allen Religionsgemeinschaften über den Rat der Religionsgemeinschaften der jährlich tagt. Zudem arbeiten wir als orthodoxe, reformierte und evangelische Kirche nahe zusammen in dem ökumenischen sozialen Verein AIDROM und führen da schon seit Jahren Betreuung von Flüchtlingen, Katastrophengeschädigten, Gewaltopfern,  in verschiedenen Zentren durch. Im Gustav-Adolf-Werk in Rumänien sind wir mit den anderen drei protestantischen Kirchen verbunden in der Arbeit zur Linderung der Not in protestantischen Diasporakirchen bei uns und weltweit. Auch werden gemeinsame Gottesdienste zur Ökumenischen Gebetswoche mit den historischen Kirchen veranstaltet und sonstige Treffen und Begegnungen. Dass wir uns aber mehr ökumenische Offenheit, Transparenz und Mitarbeit seitens der Kirchen überhaupt und  der orthodoxen Kirche im Besonderen wünschen, steht außer Frage.

Im kommenden Jahr werden 500 Jahre seit der Durchführung der Reformation begangen. In Kronstadt ist für den 30. September 2017 die Abhaltung eines Evangelischen Kirchentages eingeplant. Worin besteht dieser und welche weiteren Festlichkeiten werden diesem kirchlichen historischen Ereignis noch gewidmet?

Schon ab diesen Herbst beginnen bei uns die Begegnungen und festlichen Momente zu 500 Jahren Reformation. In 12 Stationen werden wir bis Pfingsten 2018 wichtige geschichtliche Ereignisse unserer Reformationsgeschichte, die uns mit den anderen reformatorischen Kirchen im Land und im Ausland verbinden mit einem Gottesdienst oder einer Konferenz und bestimmt mit dem Pflanzen eines Apfelbäumchens begehen, als Zeichen der Hoffnung für die Kirche, die Ökumene und die Welt. Dazu wird am 28. Januar 2017 Hermannstadt als Reformationsstadt Europas  mit verschiedenen Angeboten besonders zum Zuge kommen. Mediasch wird im Juni als Stätte der Proklamation der lutherischen Reformation in Siebenbürgen Gastgeber sein. Vom 29. September bis 1. Oktober wird Kronstadt, die Ursprungsstadt der Reformation in Siebenbürgen,  den ersten Kirchentag nach 2000 ausrichten. Evangelische Partner und Partnerkirchen sowie die ökumenischen und  uns nahestehenden weltlichen Partner werden eingeladen zu einem Festgottesdienst, einer Kronstädter Messe, die zu diesem Anlass ihre Erstaufführung erleben wird, Workshops und Podiumsgesprächen und am Sonntag, dem 1. Oktober, sollen in allen Burzenländer Gemeinden die Glocken läuten und in allen Kirchen Gottesdienste zum Gedenken und zum Sinn der Reformation heute stattfinden. Dazu laden wir schon jetzt herzlich ein. Wir hoffen, dass auch viele Gemeinden oder Gemeindeverbände eigene Festveranstaltungen  planen und über die Reformation und ihre Bedeutung damals und heute ins Gespräch kommen.

Vertreten wird die deutsche Bevölkerung des Landes auf politischer und kultureller Ebene durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien. Vielleicht gibt es nicht immer volles Einvernehmen zwischen der Meinung des Forums und der Kirche in dieser vielseitigen Problematik? Wie schätzen Sie als Bischof der Evangelischen Kirche A.B. die Zusammenarbeit mit dem Forum ein?

Das Forum hat eine ungeheuerliche Arbeit seit 1990 für unsere deutsche Minderheit und ihr Verbleiben, ihre Stabilität und ihre Anerkennung hier geleistet und dafür verdient es unser aller Dank. Wir sind froh, dass das Forum die Kirche politisch und kulturell entlastet und arbeiten gerne zusammen beim Erhalt unserer sprachlichen, kulturellen, religiösen und gemeinschaftlichen Identität. Seit vielen Jahren gibt es eine gute Zusammenarbeit der Forums- und Kirchenleitung, die sich mindestens zweimal jährlich trifft und die wichtigsten Themen und Termine abspricht, im Wissen wir sind im Großen für die gleiche Gemeinschaft zuständig und verantwortlich. Zwei beste Beispiele der sehr guten Zusammenarbeit sind die gemeinsame Verleihung der Honterusmedaille seit 2014 und das gemeinsame Vorgehen und Unterstützen des Lehrerförderprogramms seitens des Deutschen  Bundestages für die deutschen Lehrer im Jahr der Bildung 2015. Es wäre zu wünschen, dass unsere Gemeinschaft weiter zusammenwächst auch auf gemeindlicher Ebene und wir unser Reden und Tun stets an der Ehre Gottes und dem  Wohl der Gemeinschaft  ausrichten. Dann brauchen wir uns vor der Zukunft nicht fürchten.

Hochwürdiger Herr Bischof herzlichen Dank auch im Namen unserer Leser für Ihre Ausführungen.




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