Eine Visitenkarte für Rumänien

Fünf abschließende Gedanken zum Enescu-Festival in Bukarest

Freitag, 18. Oktober 2013

Laut einer INSCOP-Befragung, die im Oktober veröffentlicht wurde, glauben drei von vier Rumänen, dass sich das Enescu-Festival auf ihr Land positiv auswirkt. Die Befragung „Der musikalische Geschmack der Rumänen“ wurde auf Initiative der Zeitung „Adevărul“ vom 10. bis 17. September durchgeführt. Es beteiligten sich 1050 Personen. 80,2 Prozent von ihnen kennen das Enescu-Festival, ganze 90 Prozent den prominenten Namensgeber. „Die Botschaft des rumänischen Publikums ist eindeutig“, sagt Oana Marinescu, Kommunikationsleiterin des Festivals. „Dieses Signal könnte als Anlass genutzt werden, um die diplomatische Strategie Rumäniens in Anlehnung an das Festival ‘George Enescu’ zu entwickeln.“ Mindestens fünf handfeste Argumente sprechen dafür.

1. Die Karten für einige Konzerte waren – wie bei keiner Auflage der vergangenen Jahre – innerhalb weniger Minuten nach Verkaufsstart vergriffen. Am 15. April um 10 Uhr wurde der Online-Verkauf freigeschaltet, um 10.30 Uhr gab es für die ‘Promi’-Konzerte (Daniel Barenboim, Radu Lupu, Murray Perahia u.a.) schon keine einzige Karte mehr. Kehrseite des Publikumserfolges war, dass jeden Abend vor dem Großen Saal des Palais auch die ‘Ticket-Mafia’ präsent war und versuchte, im Flüsterton noch mit Konzertkarten zu handeln. Abgesehen davon, war die Kreativität der Musikliebhaber, insbesondere der Studenten, beeindruckend, wenn es darum ging, ‘irgendwie’ in den Konzertsaal zu gelangen. Eine ‘Bekanntschaft’ in der Crew des Festivals war Gold wert. Und zum Glück wurde das Brandschutz- und Sicherheitskonzept in den Konzertsälen nicht so strikt interpretiert, denn nicht nur die Sitzplätze waren alle besetzt, sondern auch der Flur war oftmals überfüllt.

2. Ob der Publikumsandrang auch von den Politikern korrekt interpretiert wird? Ihr Auftritt bei der Eröffnungspressekonferenz ließ diesbezüglich nicht viel Hoffnung übrig. Als es wieder einmal um die verbesserungsfähige Akustik des Großen Saal des Palais und um die Frage eines neuen Konzertsaals ging, schob Kulturminister Daniel Barbu die Schuld in die Schuhe der vorherigen Regierung. In Bezug auf das Festivalbudget für 2015 sagte Oberbürgermeister Sorin Oprescu lapidar „Bis 2015 werden wir noch sehen!“ Dabei unterstrich der künstlerische Leiter der Festspiele, Ioan Holender, dass die großen Orchester schon Jahre im Voraus ihren Terminkalender festlegen, und dass man nirgendwo auf der Welt das Budget einer derart wichtigen Veranstaltung erst im Austragungsjahr beschließt. Der Musikwissenschaftler Viorel Cosma brachte es auf den Punkt: Er habe alle bisherigen Auflagen des Festivals erlebt, und die Probleme (Konzertsaal, Budget) seien schon seit 1958 immer die gleichen gewesen.

Inzwischen ist es bekannt, dass das nächste Festival zwar stattfindet, jedoch ein reduziertes Budget erhält. Immerhin. Man könnte sich aber Gedanken machen, ob ausgerechnet der Wasserhahn Kultur als erster zugedreht werden muss. Die Konzertbesucher haben auch in diesem Jahr gezeigt, wie wichtig ihnen das Festival ist: In den Konzertsälen waren täglich ungefähr so viele Menschen, wie auf den Straßen bei den Protesten gegen Ro{ia Montan². Nur einen George-Enescu-Parlamentsausschuss wird es wohl nicht geben.

3. Abgesehen von dem Husten in den Pianissimo-Stellen, der Platzsuche nach Konzertbeginn und vereinzeltem Applaus zwischen den Sätzen der Sinfonie, war das Auftreten des Publikums etwas ‘professioneller’ als vor Jahren. Die I-Phone-Generation war außerdem sehr gut vertreten, natürlich mitsamt I-Phones. Diese waren aber größtenteils auf ‘leise’ gestellt oder wurden ‘nur’ für diskretes Fotografieren genutzt und für den Facebook-Eintrag: „Ich bin beim Enescu-Festival!“.

4. Die Bemühungen der Veranstalter, gerade die junge Generation zu begeistern, waren offensichtlich: Street-Art-Events, Apps für das Handy, Live-Übertragungen der Konzerte im Internet und in Kinos, Freiluft-Konzerte angehender Musiker auf dem ‘Platz des Festivals’, zeitgenössische Musik als fester Bestandteil des Programms – all das zeigt, dass das Festival „ein Raum sein möchte, zu dem jeder Zugang hat“, so die Formulierung der Kommunikationsleiterin Oana Marinescu.

5. Nicht zuletzt war die Präsenz der Medien wieder einmal beeindruckend. Wie Ioan Holender unterstrich, gibt es wenige Ereignisse in Rumänien, über die in den Auslandsmedien so positiv berichtet wird. 260 akkreditierte Journalisten, dazu noch 70 aus dem Ausland (CNN, Euronews, Mezzo, Rfi, Deutsche Welle u. a.) – das zeigt, dass das Festival eine Visitenkarte für Rumänien ist. Leider reflektierte die Presse fast nur die Konzerte in der Hauptstadt. Am 1. September hatte auch im Geburtshaus Enescus in Liveni ein Konzert stattgefunden, und während der vier Festivalwochen gab es viel Musik in anderen rumänischen Städten – auch diese Konzerte verdienen es, von der Presse aufmerksam(er) verfolgt zu werden.

Es bleibt zu hoffen, dass das nächste Festival genauso erfolgreich wird und sich weiterhin mit Festspielen wie jene in Salzburg, London oder Luzern messen kann. Die eingeladenen Orchester kommen u. a. aus Mailand, Wien, Berlin, Israel. Und bis dahin darf man sich auf den internationalen Enescu-Wettbewerb freuen, der im September 2014 in den Kategorien Klavier, Geige, Cello und Komposition stattfinden wird.

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