Eine vom Aussterben bedrohte Tradition

Rumänisch an Hochschulen in Deutschland

Freitag, 11. Oktober 2013

Der Universitäts-Campus am Ernst-Abbe-Platz in Jena: Nur sehr wenige Studenten entscheiden sich für ein Rumänisch-Studium am Institut für Romanistik.
Foto: FSU/Günther

Die Friedrich-Schiller-Universität in Jena besitzt den deutschlandweit letzten Lehrstuhl für rumänische Philologie. Während das Interesse der deutschen Studenten an der rumänischen Sprache, Literatur und Kultur deutlich schwindet, entscheiden sich immer mehr rumänische Studenten für ein Auslandssemester in Deutschland. Dabei haben Rumänisch-Studien in Deutschland eine lange Tradition. Mit dem Beitritt Rumäniens in die EU im Januar 2007 startete ein neues Zeitalter für die deutsch-rumänischen Wissenschaftsbeziehungen. Doch zu den Voraussetzungen einer guten Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern gehört, dass ein gewisses gegenseitiges Interesse, vor allem bei jungen Leuten, besteht. Der Grundstein dafür wird an den Universitäten gelegt.

Wer in Deutschland die rumänische Sprache, Literatur und Kultur studieren möchte, muss sich dafür in einen Romanistik-Studiengang einschreiben. In der Regel beschäftigt sich ein solcher mit den romanischen Sprachen aus sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Doch nur eine Handvoll deutscher Universitäten bieten Rumänisch, welches weltweit von etwa 28 Millionen Menschen gesprochen wird, noch als Teil des Romanistik-Studiums an. Viele beschränken sich lediglich auf Sprachen wie Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch. Der derzeit einzige Lehrstuhl für Rumänisch befindet sich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dort hat Wolfgang Dahmen seit 1995 die Professur für Rumänische Sprach- und Literaturwissenschaften inne. In Jena können sich Studenten für ein Romanistik-Studium mit dem Schwerpunkt Rumänisch einschreiben.

Wenig deutsches Interesse  an rumänischer Philologie

Laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Instituts für Romanistik, Victoria Popovici, belegen jedoch nur sehr wenige diesen Studiengang, da das Interesse für die klassische Disziplin der Sprachwissenschaft nur gering ist. Dies liege vor allem daran, dass ein solches Studium keine großen Berufschancen berge. Dazu komme, dass Rumänisch in Deutschland keine Sprache für ein Lehramtsstudium sei. Immer beliebter hingegen sind, laut Popovici, die Südosteuropastudien, bei denen der Fokus auf sozial-politischen sowie landeskundlichen Themen liegt und dabei die gesamte Region betrachtet wird. Auch an rumänischen Universitäten lasse sich eine solche Verlagerung des Interesses von der Philologie weg beobachten. In den Südosteuropastudien an der Jenaer Universität kann Rumänisch als erste oder zweite Fremdsprache gewählt werden.

Um den interkulturellen Austausch zwischen den Studenten zu fördern, besteht zudem die Möglichkeit, ein oder mehrere Semester an einer rumänischen Universität zu verbringen. Victoria Popovici zufolge, nehmen jährlich bis zu vier Studenten diese Möglichkeit wahr. Beliebter sei dabei vor allem Klausenburg/Cluj-Napoca. In diesem Jahr wurden jeweils ein Student bzw. eine Studentin an die Universitäten in Klausenburg, Bukarest sowie Jassy/Iaşi entsandt. Für den wissenschaftlichen Austausch werden jährlich ERASMUS-Gastdozenten für ein paar Tage an die Friedrich-Schiller-Universität berufen. Im Wintersemester wird eine Professorin aus Klausenburg nach Jena berufen. Zusätzlich arbeitet die Fakultät für Romanistik eng mit Sprachwissenschaftlern aus Jassy zusammen. Dennoch, so Victoria Popovici, befinden sich Romanistik-Bachelor und -Master in Deutschland auf einem absteigenden Ast, da die Berufsaussichten einfach zu schlecht seien. Dies bestätigt auch Wolfgang Dahmen, Professor der Rumänischen Philologie an der Universität Jena, in seinem Vortrag zur Verleihung des Ehrendoktortitels an der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg. Er spricht von einer zunehmenden Marginalisierung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Rumänien aus deutscher Sicht.

Rumänisch – ein Fach mit Tradition

Dabei hat diese in Deutschland eine lange Tradition: Seit dem 18. Jahrhundert kamen junge Rumänen zum Studium nach Deutschland, wodurch Wissen über das osteuropäische Land verbreitet und das Interesse daran geweckt wurde – vor allem aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten sich Leipzig und Wien zu den Zentren der Rumänistik, in denen die Forschung, vor allem zur rumänischen Sprache, vorangetrieben wurde. Während der Zeit des Kalten Krieges und der kommunistischen Diktatur wurde der wissenschaftliche Dialog zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der DDR stark eingeschränkt. Unter dieser Isolation litt natürlich auch die rumänische Philologie. Studien und Partnerprojekte zur Sprache, Literatur und Kultur mussten, besonders während der Ceauşescu-Ära, auf ein Minimum reduziert werden, so Dahmen.

Zum jetzigen Zeitpunkt sieht er jedoch einen Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Dialog zwischen Deutschland und Rumänien, da vor allem die wirtschaftliche Beziehung zwischen den beiden Ländern immer mehr an Bedeutung gewinnt. Dass sich die Rahmenbedingungen der Wissenschaftsbeziehungen bereits zu ändern beginnen, zeigen verschiedene Förderprogramme auf europäischer und nationaler Ebene. Ein Beispiel dafür ist ein Graduiertenkolleg zum Thema „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“, welches an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, eingerichtet wurde und noch bis 2015 laufen wird. Rumänien ist in diesem Projekt mit mehreren Themen sowie aus dem Land stammenden Doktoranden vertreten. Unter anderem werden dabei die südosteuropäischen Länder auf deren traditionelle Verhaftung und auf die Ausrichtung auf westeuropäische Vorbilder hin untersucht. Dies ist perspektivisch gesehen auch für die wirtschaftliche Zusammenarbeit interessant. Laut dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) haben sich bis 2011 ungefähr 18.000 deutsche Firmen in Rumänien angesiedelt.

Großes rumänisches Interesse an deutschsprachigen Studiengängen

Für die rumänischen Studenten ist es daher interessant, einen deutschsprachigen Studiengang zu belegen. In Rumänien gibt es 73 solcher Studiengänge, davon 50 Bachelor- und 20 Masterstudiengänge, wobei das fachliche Hauptaugenmerk nicht auf die deutsche Sprache, Literatur und Kultur, sondern vor allem auf naturwissenschaftliche Fächer gerichtet ist. Die Studiengänge Germanistik und Deutsch als Fremdsprache in Rumänien sehen sich derweil vor ähnliche Probleme gestellt, wie die Romanistik in Deutschland: sinkende Studierendenzahlen, wenige Berufsperspektiven für die Absolventen sowie die mangelnde Attraktivität des Lehrerberufs in Rumänien. Hinzu kommt eine zunehmende Zahl von Studenten ohne Deutschkenntnisse.

Im Gegensatz dazu schreiben sich immer mehr rumänische Studenten in deutschsprachige Studiengänge ein. Laut DAAD gibt es derzeit 356 Kooperationen zwischen deutschen und rumänischen Hochschulen, wobei sich deutlich mehr rumänische Studenten an deutschen Universitäten einschreiben als deutsche Studenten in Rumänien. Dies liegt vor allem daran, dass der Studienstandort Deutschland einen sehr guten Ruf genießt, während Rumänien bei deutschen Studenten eher ein Schattendasein fristet. Deutschland befindet sich, nach Angaben des DAAD, bei den Rumänen hinter Frankreich und Italien auf Platz drei der beliebtesten Zielländer für ein oder mehrere Auslandssemester.

Sicher ist, dass das Interesse der rumänischen Studenten an Deutschland unvermindert besteht. Dadurch wird der wissenschaftliche Dialog zwischen den beiden Ländern, der sich in den letzten Jahren langsam wiederzubeleben begann, weiterhin angeregt. Es ist zu hoffen, dass, wie schon im 18. Jahrhundert, der studentische Austausch das Interesse deutscher Studenten an Rumänien steigern und damit die Tradition der Rumänisch-Studien an Deutschlands Universitäten erhalten werden kann, auch wenn sich das Interesse der Studenten weiter von den klassischen Sprachwissenschaften weg und in Richtung der Wirtschafts-, Politik- und Sozialwissenschaften bewegt.

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