Eine Zeitreise nach Letea

Von Sanddünen im Urwald, ukrainischen Liedern, bunten Ikonen und wildlebenden Pferden

Sonntag, 10. August 2014

Ein besonders herzlicher Abschied vor dem Kulturhaus der ukrainischen Minderheit

Die Straßenkreuzung mit Brunnen und Steinkreuz erinnert an den Wilden Westen.

Eine außergewöhnliche Kombination: uralte, knorrige Baumriesen...

... und sandiger Boden im Letea Wald

Unerwartete Pracht im Herzen der Wildnis: die Holzkirche von Sfiştofca

Verwilderte Pferde, manche seit Generationen, herrschen über die weite Ebene.

Blitzblaue Fenster, Türen und Zäune sind typisch für die Häuser der Lipowaner.
Fotos: George Dumitriu

Wehmütig klingt das Akkordeon des Traktorfahrers in unseren Ohren nach. Längst sitzt dieser schon wieder auf dem „Kutschbock“ seines Traktors, der Motor dröhnt zum Aufbruch. Wir klettern auf die Wagen und die Frauen lachen und winken lebhaft. Winken, bis sie, immer kleiner werdend, mit der Dorfkulisse verschmelzen. Schlingernd folgt unser seltsames Fahrzeug dem einsamen, sandigen Weg zum Kanal. Für uns neigt sich das Abenteuer dem Ende zu. Doch ein Ende kann manchmal auch ein Anfang sein...

Letea. Ein schlichtes Schild in zwei Sprachen, Rumänisch und Russisch, vereint die auf sandigem Grund verstreuten Holzhäuser zum Dorf. Was wird uns hier erwarten? Wir klettern aus den Motorbooten, bewaffnet mit Fotoapparaten, Filmkameras, Stativen und Objektivköchern.  Stehen wie ein Grüppchen Außerirdischer verloren auf dem sandigen Platz. Als wären wir in einer längst vergangenen Epoche gelandet... Ein altmodischer Strommast hier und dort versichert uns, dass es nicht ganz so ist. Während wir uns noch fragen, wie es nun weitergehen soll, zuckelt ein seltsames Gefährt heran. Ein braungebrannter, schlanker Mann springt vom Traktor.

Mit einer einladenden Geste fordert er uns auf, in den improvisierten Anhängern, durch wild zusammengeschweißte Kupplungen miteinander und mit der Zugmaschine verbunden, Platz zu nehmen. Während wir ungeschickt über die Holzbänke klettern und die kostbare Ausrüstung verstauen, holt er ein kleines, feuerrotes Akkordeon hervor. Nach einem fröhlichen Liedchen kann die Reise nun beginnen!

Unser Ziel ist nicht nur der geschützte Letea-Urwald mit seinen jahrhundertealten Eichen auf sandigem Grund, Lianen und Orchideen; nicht nur die endlose flache Landschaft dieses Teils des Donaudeltas, durchsetzt von brackigen Seen und spärlich bewachsenen Sanddünen, zwischen denen verwilderte Pferde und freilaufende Nutztiere weiden. Es ist vor allem Teil einer ersten Reise zur Bestandsaufnahme des Kulturerbes der in der Norddobrudscha lebenden Minderheiten, organisiert vom Departement für Interethnische Beziehungen der Rumänischen Regierung (DRI) im Rahmen  des Projekts „Kultur, Tourismus und Kontakte zwischen den Menschen“, EU-Makrostrategie für die Donauregion (SUERD). Ziel des Gesamtprojekts ist die Erstellung eines „Blauen Buches zur kulturellen Vielfalt an der Donau“.

Tourismus...

Die Idee an Tourismus in dieser Einöde, fern der modernen Zivilisation, stimmt zunächst ein wenig ratlos. Und doch übt gerade dieser Flecken Erde eine besondere  Faszination auf uns aus! Als ob etwas anderswo längst Verlorenes sanft an der Seele zöge. Etwas, das lohnt, bewahrt zu werden vor allzu viel touristischer Infrastruktur! Auf den sandigen Pfaden zum Naturreservat, durch einfachste Dörfer und eine durch Weite und Schlichtheit bestechende Landschaft könnte man statt mit dem Traktor auch mit Mountainbikes gelangen, auf dem Rücken der Pferde oder wandernd. Ein Eldorado für Naturliebhaber, Fotografen oder auch Pfadfinder.  Ein stark salzhaltiger kleiner Badesee, der von Einheimischen als heilkräftig bezeichnet wird, rundet das „touristische Angebot“ ab.

Warum also nicht an Überlebenstrainingscamps für  Abenteurer denken, an Kinderferienlager zur Vermittlung von Naturschutzwissen, an Fotosafaris, Angelkurse, Selbstfindungsseminare oder Offline-Urlaub für gestresste Mediensüchtige? Natürlich nicht im Fünfsternehotel mit Pool, sondern am gepflegten Campingplatz oder in schilfgedeckten Holzhäuschen, vielleicht mit Freiluftküche, Solarzellendach und ökologischem Schwimmteich, auf jeden Fall ohne Musikboxen und knatternde Quads.  Ökotourismus ist sicherlich das einzig passende Zauberwort für diese wahrhaft zauberhafte Gegend!

Perspektive für die lokalen  Einwohner

Die ortsansässig vorherrschende Minderheit der  Lipowaner – russische Einwanderer aus der Zeit des Kirchenschismas im 17. Jahrhundert, als die Ausübung des alten orthodoxen Ritus in Russland verboten wurde – und der Ukrainer könnten das Angebot durch ihre Folklore, ihre traditionelle Küche und Bräuche bereichern, touristische Unterkünfte durch ihre  typische Architektur inspirieren, für ökologische Produkte aus Hof und Garten sorgen oder sich durch andere Dienstleistungen den Lebensunterhalt verdienen – etwa als Naturführer oder Gastwirt.

Das Kulturerbe der extrem einfach lebenden Lipowaner überrascht: Auf dem Weg  zum  Letea-Wald passieren wir die Ortschaft Sfiştofca in der  Gemeinde C. A. Rosetti. Verlassene Häuser, verwilderte Gärten und eingestürzte Schilfdächer prägen das Bild. Längst sind viele Dorfbewohner, vor allem die Jugend, aus Mangel an Perspektiven abgewandert. Doch als unser seltsames Gefährt den Ortskern passiert, strömt auf einmal Leben in die Straßen. Der Pfarrer sperrt extra das Holzkirchlein auf. Das quietschblaue Wellblechdach des Nebengebäudes wirkt  zunächst eher abschreckend, doch in der Kirche selbst umfängt uns eine andere Welt: Auf himmelblauem und lindgrünem Grund leuchten farbenprächtige, goldumrahmte Ikonen, transparente zartrosa Tüllvorhänge verhüllen Altarraum und Podeste. Aparte Engelfiguren zieren die hölzerne Pantokratorkuppel. Keine Rede von  Kitsch oder Protz, nur unerwartete Pracht in außergewöhnlichen Farbkombinationen. Als wolle man für die schlichte Welt aus Sand da draußen kompensieren...

Nördlichster subtropischer Urwald

Ein grünes Gatter, von Hand zu öffnen, gibt den Weg frei in das älteste Naturreservat Rumäniens, den nördlichsten subtropischen Urwald, der zwischen den Donauarmen Chilia und Sulina liegt. Der Letea-Wald besteht tatsächlich nur aus Waldstreifen, die sich zwischen Sandbänken entwickelt haben. Mitten im Auwald können sich auf einmal bis zu 15 Meter hohe Dünen erheben. Über 70 Prozent der mehr als 3000 Tierarten – davon etwa 2000 Insekten –  des gesamten Donaudeltas sind hier anzutreffen. Darunter auch das seltenste Insekt Europas, die Sägeschrecke.

Dank seines vierfachen Chromosomensatzes – eine genetische Kuriosität – erlangt das Raubinsekt die stolze Größe von bis zu zwölf Zentimetern. Doch das ist nicht alles. Die Sensation: In der Welt von „Lacusta sagapedo“ braucht man keine Männer, denn das Tier vermehrt sich durch Jungfernzeugung. Wozu das Männchen überhaupt existiert, ist der Wissenschaft  ein Rätsel. Von den 500 Pflanzenarten sind vor allem Orchideen und Schlingpflanzen erwähnenswert, die dem Wald ein tropisches Aussehen verleihen. Und  die Stämme mehrerer Jahrhunderte alter Eichen kann man nicht einmal zu viert umarmen...

Wildlebende Pferde

Einige Naturschützer behaupten, die etwa 2000 im Letea-Gebiet wildlebenden Pferde stellen eine Gefahr für das ökologische Gleichgewicht dar. Andere Forscher vermuten, dass die Pferdepopulation, die auf vor 300-400 Jahren durch die Tataren eingeführte Reittiere sowie nach der Wende 1989 aus den Genossenschaften freigelassene Pferde zurückgeht, mittlerweile eine eigene, schützenswerte Rasse gebildet hat. Mit Liedern und einem üppigen Fischpicknick erwarten uns die Frauen im Garten des Kulturhauses der ukrainischen Minderheit in Letea. Bis der Traktorfahrer, der auch sie mit dem Akkordeon begleitet hat, zum Aufbruch mahnt. Ein herzlicher Abschied, doch kein Ende. Zu groß ist schon jetzt die Sehnsucht nach diesem besonderen Flecken Erde...

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