Eine zukunftsweisende Debatte

Österreich-Bibliothek Temeswar: Vortrag über Bauerbe im Sezessionsstil

Montag, 23. Oktober 2017

Prof. Dr. Ileana Pintilie bei ihrem Vortrag im Rahmen der Temeswarer Österreich-Bibliothek.
Foto: Zoltán Pázmány

Mit einem heißen Stadthema  startete die Temeswarer Österreich-Bibliothek ihr traditionelles Kulturprogramm 2017-2018. Prof. Dr. Ileana Pintilie von der Temeswarer Kunst-Hochschule forderte ihre Zuhörerschaft, jung und alt, mit dem hochaktuellen Referat "Die Temeswarer Architektur im Sezessionsstil" zu neuen Fragen und Debatten heraus. Die Stadt an der Bega, kurz vor der Jahrhundertwende, wie die Banater Nachbarstadt Arad im Gegensatz zu den Städten Siebenbürgens wie Klausenburg als junge, neue Stadt angesehen, befreite sich um 1900, nach der epochalen Entfestigung 1892, von dem Festungswall aber auch von der Militärverwaltung. Laut Prof. Dr. Pintilie musste sich die moderne europäische Stadt den Architekturschichten samt ihren typischen Bauten innerhalb der Mauern entledigen. Dem ersten Stadtplan des Budapester Architekten Ludwig von Ybl von 1892 folgte ein zweiter von einem lokalen Architekten. Nach Einebnung der Festungswerke war 1906-1910 die gesamte Innenstadt  frei geworden und ermöglichte nicht nur einen großzügigen Ausbau der Stadtmitte, wie auch den Ausbau und den Anschluss der Vororte. Zu den wertvollen Barockbauten (Domplatz, Freiheitsplatz, St.-Georgs-Platz) kam nun mit dem Ensemble  im Sezessionsstil eine weitere bedeutende Ader der europäischen Architektur-DNA hinzu. Im ehemaligen Kaiserreich erfolgte überall die gleiche Entwicklung: Das Schleifen der Festungsmauern bedeutete nicht nur, dass die Militärs die Verwaltung an die Zivilbehörden abgaben, es brachte auch eine große Flächenerweiterung in den Städten. Nach dem Modell der Wiener Ringstraße wurden überall, so u.a. in Szegedin, Novisad, Korsos angelegt. Dem wirtschaftlich-kulturellen Aufstreben des Großbürgertums nach, der allgemeinen Identitätssuche zur Jahrhundertwende gemäß, entstand auch in Temeswar in kurzer Zeit ein architektonisch wertvoller, die Jahrhunderte überdauernder Stadtkern. Das neue Stadtzentrum wurde praktisch 1910-1913 aus dem Boden gestampft. Die Lloyd-Zeile oder der Korso (360 Meter lang, 56 Meter breit) ergab mit seinen Prachtbauten und Palästen ein Vorzeigeensemble, das selbst im 21. Jahrhundert ein wertvolles Erbe abgibt.: die Palais Lloyd, Weiss, Hilt und Vogel, Neuhausz, Merbl, Dauerbach und Szechenyi. Ein Großteil der Szessionsbauten der Stadt ist Laszlo Szekely, jahrzehntelang Stadtarchitekt und sozusagen Vater des modernen Temeswars, zuzuschreiben. Hier noch zu nennen Piaristenkomplex, Schlachthaus, Neptun-Bad, Handels- und Industriekammer, Synagoge Fabrikstadt, Strumpffabrik. Prof. Pintilie wies mit Bedauern darauf hin, dass ein Teil dieses Erbes, vor allem außerhalb der Stadtmitte, wie der alte Schlachthof, die Strumpffabrik, das Wilhelm-Mühle-Haus abgerissen wurden oder vom Verschwinden bedroht sind und nur wenige wie das Brück-Haus, eine erstaunliche Sanierung erfahren haben. Laut Prof. Dr. Pintilie wird Gelingen und Erfolg der künftigen Kulturhauptstadt Europas wohl auch von der Sanierung und fachgerechten Pflege dieses wertvollen Bauguts abhängen.

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