Einheit in der Vielfalt

Werke von George Löwendal im Museum der Kunstsammlungen in Bukarest

Mittwoch, 29. November 2017

Die Welt als Bühne: Werk von George Löwendal

Seit Mitte Oktober dieses Jahres und noch bis Ende Januar 2018 ist im Bukarester Museum der Kunstsammlungen (Muzeul Colecţiilor de Artă) an der Calea Victoriei eine Ausstellung zu sehen, die Gemälde, Zeichnungen, Bühnenbildentwürfe, Kostümskizzen, Plakate, Fotos, Skizzenhefte und noch etliche Ausstellungsobjekte anderer Werkgattungen eines einzigen Künstlers versammelt: George Löwendal.

Anlass dieser umfassenden Werkschau mit über 120 Exponaten ist George Löwendals Geburtstag im Jahre 1897, der sich heuer zum 120. Male jährt. Veranstalter der Ausstellung sind das Nationale Kunstmuseum Rumäniens in Bukarest, die Stiftung Löwendal und das diesjährige Nationale Theaterfestival, das in der zweiten Oktoberhälfte in Bukarest stattfand.

Dass das Theater eine beherrschende Rolle im Leben George Löwendals spielte, wird beim Gang durch die Ausstellung unmittelbar deutlich. Nach einem Kunststudium während der Jahre 1914 bis 1917 in seiner Geburtsstadt Sankt Petersburg gelangte der Sohn eines adligen Offiziers russisch-dänischer Abstammung nach Rumänien, wo er in den kommenden Jahrzehnten an verschiedenen Theatern als Bühnenmaler und Bühnenbildner arbeitete.

Besonders sind in diesem Zusammenhang seine Jahre als technischer Direktor des Nationaltheaters im damals rumänischen Czernowitz zu erwähnen (1926-1934), seine Bemühungen um die Marionettentheater in Chişinău (1927) und Czernowitz (1928), sein Engagement am Banater Theater in Temeswar (1934), sein Wirken als technischer Direktor des Nationaltheaters in Craiova (1942 bis 1943) und nicht zuletzt seine vielfältigen künstlerischen Aktivitäten in der rumänischen Hauptstadt Bukarest, wo er 1964 im Alter von 66 Jahren starb.

Dass George Löwendal in erster Linie ein Theatermann war, zeigt sich in der Buka-rester Ausstellung auf vielfältige Weise. So ist der dritte und kleinste der insgesamt drei Ausstellungssäle im Erdgeschoss des rechten Seitenflügels des Bukarester Museumsgebäudes, des ehemaligen Romanit-Palastes, ausschließlich diversen Bühnenbildskizzen George Löwendals gewidmet. Es handelt sich durchweg um Bühnenbildentwürfe aus der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre für das Nationaltheater Czernowitz: Tuschezeichnungen für die bühnentechnische Gestaltung der Aufführung einer dramatisierten Version der Erzählung „Taras Bulba“ von Nikolai Gogol; Skizzen in Mischtechnik, zum Teil mit exakten Längen- und Höhenmaßen, für eine Inszenierung von Karel Capeks Drama „R.U.R.“; Digitalbilder nach Originalfotografien von Bühnenbildern für die Aufführung einer dramatisierten Fassung von Fjodor Dostojewskis Roman „Verbrechen und Strafe“; Bühnenbildskizzen für Ferenc Molnárs Drama „Spiel im Schloss“ sowie noch etliche andere Bühnenbildskizzen. In all diesen Bühnenbildentwürfen wird die souveräne Handhabung verschiedener kunstgeschichtlicher Stilrichtungen durch den Bühnenbildner Löwendal deutlich: realistische Entwürfe stehen neben expressionistischen, naturalistische neben kubistischen, traditionelle neben avantgardistischen.

Im zweiten und in Bezug auf die Größe der drei Säle mittleren Ausstellungsraum fällt der Blick des Betrachters sofort auf eine Wand mit 48 fotografischen Selbstporträts von George Löwendal (Bukarest, 1936), wo sich der bildende Künstler als Mime, der Maler als darstellender Künstler beeindruckend präsentiert. Ein großes Spektrum von Gesichtern, vom ernsten Gesichtsausdruck eines Tragöden bis zur Grimasse eines Komikers, vom Charakterkopf bis zur Farcenfratze, lässt den Betrachter dort lange verweilen und sich im Geiste Bühnenrollen für George Löwendal ausmalen, die der Maler angesichts eines derartigen schauspielerischen Talents gewiss mit Bravour ausgefüllt hätte. An der Wand gegenüber findet sich eine malerische Entsprechung dieser fotografischen Vielfalt: 27 kleinformatige Porträtskizzen (Kohle, Bleistift, Tinte, Aquarell, Tempera) aus den Jahren 1920 bis 1937, manche maskenhaft, etliche momentfotografisch, viele satirisch und karikaturistisch, wobei der Vielfalt der Nasenformen besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Beeindruckend ist eine Kohlezeichnung aus dem Jahre 1934 mit dem Porträt eines Czernowitzer Geigers, dessen Gesicht einer japanischen Schauspielermaske nachgearbeitet scheint. Zugeständnisse an die Kunst des Sozialistischen Realismus finden sich in Werken, die in einer Vitrine in demselben Ausstellungsraum untergebracht sind: Arbeiter mit Hammer und Amboss, Arbeiter beim Schichtwechsel, Bergarbeiter mit Bohrer und Spitzhacken in der Musariu-Mine, wobei George Löwendal in diesen Tuschezeichnungen Proletkultistisches durch van Goghsche Malmanier subtil konterkariert.

Im ersten und größten der drei Ausstellungsräume dominiert die Farbe. Hier sind großformatige Ölgemälde mit beeindruckenden Gesichtern von Bukowiner Bauern zu sehen, deren Namen man im Bildtitel sogar erfährt: Domnica Voiţichevici, Domnica Palaghean, Gheorghe Vaipan, Iosif Malea etc. Nicht selten tritt zum Namen des Porträtierten noch ein charakteristischer oder ironischer Gemäldetitel hinzu: Globetrotter, Neandertaler, der Ritterbauer, der letzte langhaarige Alte, die Beichte, der Bauer als Hahn. In einem Interview vom Juli 1935 für die rumänische Zeitschrift „Facla“ hat George Löwendal sich mit dem französischen Maler Paul Gauguin verglichen: Dieser verließ Paris für Tahiti, er, Löwendal, hingegen habe sich einen von den rumänischen Malern bislang gänzlich unentdeckten Kontinent in der ländlichen Welt der Bukowina erschlossen. Zerfurchte Bauerngesichter, ein alter Landmann mit Fellmütze, eine „dako-rumänische Matrone“, Bäuerinnen in Alltagstracht bevölkern Löwendals malerischen Kosmos und zeugen von der ethnografischen Dimension seines künstlerischen Werkes.

Besonders beeindruckend sind auch originale Skizzenhefte, Ausstellungskataloge und Dokumentenmappen des Künstlers aus den Jahren 1927 bis 1932, die – sehr zur Verwunderung des Ausstellungsbesuchers – offen ausliegen und in denen man ungehindert stöbern und blättern kann. So hat Löwendal zum Beispiel zur Ausgabe der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung“ vom 14. Dezember 1930 eine Porträtzeichnung beigesteuert, die das Konterfei des neuen Leiters des Czernowitzer Fußballvereins Makkabi, Andreas Glatter, wiedergibt, und man denkt dabei unwillkürlich an den maghrebinischen Roman „Ein Hermelin in Tschernopol“ des aus Czernowitz gebürtigen Schriftstellers Gregor von Rezzori, in dem fiktional just von diesem Fußballverein die Rede ist. Und ein Skizzenheft Löwendals aus dem Jahre 1927 trägt auf dem Einband neben dem Namen des Zeichners auch dessen Adresse: Altgasse 5a; Strada Cuza-Vodă 5a; sowie, neben dem deutschen und dem rumänischen, noch den russischen Straßennamen, was von der multiethnischen Vergangenheit der Vielvölkerstadt Czernowitz Zeugnis gibt.

Neben zahlreichen Fotos von Gemälden, Vernissagen, Schauspielszenen, Bühnenbildern und Marionetten stößt man in der Bukarester Ausstellung auch auf Privatfotos des Künstlers (Porträtfotos, Ausweisfotos, Jugendfotos) sowie auf Fotografien, die den Maler neben seiner Staffelei im Freien zeigen: vor einem Moldaukloster, vor einer Flusslandschaft, im eigenen Garten im Kreise seiner Freunde. Ein Selbstporträt (Wasserfarben und Bleistift) von George Löwendal als Heiligem Georg aus den Jahren 1932/33 rundet die Porträtfülle dieses Ausstellungssaales ab, in dem die Theaterwelt erneut ausgiebig zu Worte, d. h. zur Farbe kommt. Neben einer Farbprobe aus den Jahren 1927/28 für ein Bühnenbild zu Georg Kaisers Drama „Kolportage“ im Nationaltheater Czernowitz, neben Bühnenbildentwürfen für eine jiddische Theatertruppe in Bukarest aus dem Jahre 1925 und neben Skizzen für Aufführungen von Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“, von Nikolai Gogols Komödie „Die Heirat“ und Stefan Zweigs Jonson-Bearbeitung „Volpone“ verdienen vor allem zahlreiche Schauspiel-, Kostüm- und Figurenskizzen Löwendals für das Czernowitzer Marionettentheater aus dem Jahre 1928 besondere Beachtung: Hier sprüht das kreative und imaginative Talent George Löwendals und in manchen der skizzierten Puppen meint man Geschwister des avantgardistischen Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer zu erblicken. So fügt und verbindet sich im Banne der Theaterwelt wie des Welttheaters in dieser Bukarester Ausstellung Vielfältiges zu einer Einheit, Diverses und Differentes zur Identität der Person und des künstlerischen Werkes von George Löwendal.

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