Einkaufsparadies oder nur Konsumhölle?

Am 27. März öffnet die größte Einkaufs-Mall Siebenbürgens

Samstag, 21. März 2015

Coresi Shopping Resort nimmt sich vor, zur Hauptattraktion Kronstadts zu werden. Foto: immochan.ro

„Schick uns ein Foto von dem, was dich Tag für Tag glücklich macht. Die fünf besten Fotos erhalten einen Gutschein im Wert von 100 Lei“, so wirbt die Facebook-Seite „Coresi Shopping Resort“. Über 17.000 Likes hatte die Seite am Tag der Verfassung dieses Artikels. Die Anzahl der Fans steigt aber von Tag zu Tag und wird sich sicherlich in kurzer Zeit verdoppeln. „Coresi Shopping Resort“, die größte Mall Siebenbürgens, wird an dem Ort gebaut, wo einst das Traktorenwerk stand. Dort, wo vor einigen Jahrzehnten Tausende von Arbeitern durchs Fabriktor strömten, werden in wenigen Tagen Tausende von Kunden im Konsumrausch durch die Geschäfte ziehen.

Freude am Shoppen

Laut Umfragen verbringen immer mehr Rumänen ihre Freizeit in den sogenannten Shopping-Malls – riesige Betonklötze am Stadtrand, in denen sich Läden, Supermärkte, Kinos, Restaurants und Fitness-Center unter einem Dach befinden. Eine Mall ist wie eine Stadt in der Stadt – hier kauft man ein, hier sieht man den neuesten Blockbuster aus Hollywood, hier geht man mit der Familie essen, hier trifft man Bekannte. Laut der Immobilienberatungsfirma DTZ wird Rumänien, bis Ende 2015, 3 Millionen Quadratmeter Malls haben. Das entspricht der Fläche von 500 Fußballplätzen. „Coresi“ wirbt mit Begriffen wie Optimismus, Freude und Farben, wobei „Resort“ auf Deutsch „Erholungsort“ oder „Freizeitinsel“ bedeutet. Das Logo des Rieseneinkaufzentrums ist eine Windmühle mit bunten Rädern. Diese stehen für: Shopping, Restaurants & Cafés, Kino & Spielezentrum, Hypermarket & Park im Freien.

Das neue Einkaufszentrum schafft neue Arbeitsplätze – 800 Kronstädter haben hier einen Job gefunden, wobei über 3000 Bewerbungen geschickt wurden – , es fördert die nachhaltige Entwicklung und nimmt sich vor, eine verlassene Industriegegend wie-der zum Leben zu erwecken. Ist das neue Shopping Resort aber wirklich gut für Kronstadt?

Die größte Investition der letzten fünf Jahre

Dem Eröffnungstag am 27. März fiebern viele Schnäppchenjäger und Schaulustige entgegen. „Es war an der Zeit, dass hier endlich eine Mall aufmacht. Kronstadt war die einzige Großstadt in Rumänien ohne eine richtige Mall“, schreibt ein Fan auf die Facebook-Seite. Über beliebte Marken wie Starbucks oder Zara gab es schon seit Jahren Gerüchte, dass sie nach Kronstadt kommen würden. Jetzt sind sie endlich da, und die Bewohner der Stadt freuen sich. „Coresi Shopping Resort“ wird vom französischen Konzern Immochan, der Vertreter der französischen Gruppe Auchan in Rumänien, auf dem Gelände des ehemaligen Traktorenwerks errichtet.

Das Einkaufs-und Freizeitzentrum wird sich auf 57.000 Quadratmetern erstrecken. Ende Dezember 2013 gab „Immochan“ beim Kronstädter Bürgermeisteramt die Dokumentation ab, um die Genehmigung für den Bau des „Coresi Shopping Center“ zu erhalten. Immochan hatte von dem ehemaligen Eigentümer des Geländes, Flavus Investment, 100 Hektar Fläche mit 21 Millionen Euro gekauft. Die Bauarbeiten an der Einkaufs-Mall haben Anfang 2014 begonnen. Inzwischen ist die Investition zu 60 Millionen Euro gestiegen und ist damit die größte, die in den letzten Jahren in Kronstadt gemacht wurde. Die Mall wird 36 der 100 Hektar einnehmen. Auf den restlichen Hektar wird langsam ein neues Stadtviertel erscheinen. Ein Möbelgeschäft, ein Bürogebäude und 4000 Wohnungen sind noch geplant.

Von Apple bis Zara

Soziologen warnen seit vielen Jahren vor großen Malls. Verschiedene sozialwirtschaftliche Studien haben gezeigt, dass Städte von Einkaufszentren beschädigt werden. Malls berauben die Städte ihrer Besonderheiten. Natürlich haben auch die Einzelhändler viel zu verlieren. Das Konsumverhalten verändert sich: Die Leute werden in der Mall einkaufen und nicht mehr in den kleinen Läden. Das wird auch in Kronstadt der Fall sein: Auf einer Verkaufsfläche von rund 35.000 Quadratmetern werden sich 130 Geschäfte verteilen. In den meisten davon wird Kleidung und Kosmetika verkauft.
Neu in Kronstadt sind die Marken Zara, Orsay oder Douglas.

Im sogenannten 3500 Quadratmeter großen Food-Court-Bereich mit Cafés wie Starbucks und Restaurants wie „Pizza Hut“ wird es über 1000 Plätze an den Tischen geben. Für Unterhaltung werden acht Kinosäle sorgen. Ebenfalls wird es hier den größten Auchan-Supermarkt Siebenbürgens geben. Das alles auf einem einzigen Stockwerk. Viel beworben ist auch die 39.000 Quadratmeter große Grünfläche. Auf den vier Piazzetten, die alle verschiedene Namen tragen, werden regelmäßig Konzerte oder Theateraufführungen für Kinder stattfinden. Auf der Esplanade vor der Mall, die die Größe eines Fußballfeldes hat, werden verschiedene Kunsthandwerker (Glaser, Goldschmiede und Töpfer) ihre Ware zum Verkauf anbieten. Die Stände werden ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt. „Coresi“ soll ein umweltfreundliches Einkaufszentrum sein: Die Öko-Baumaterialien, die verwendet wurden, und die BREEAM-Nachhaltigkeitszertifizierung auf internationalem Standard sind ein Beweis dafür.

Zwischen Attraktion und Werbekitsch

Nach eigener Aussage rechnet der Betreiber mit 10 Millionen Kunden pro Jahr. Das sollen nicht nur Kronstädter sein, sondern auch Touristen, die aus den nahegelegenen Städten kommen. Über die Aussagen „Coresi nimmt sich vor, die touristische Hauptattraktion der Stadt zu werden“, „Coresi versteht sich als Alternative zum Stadtzentrum“, mit der die Mall wirbt, kann man aber nur lachen. Kaum zu glauben, dass sich die Touristen auf der Wiese neben dem Kaufhaus sonnen werden oder statt auf die Zinne und auf einem Spaziergang bis zum Weißen Turm lieber durch die Geschäfte gehen. Auch dass sie lieber den Betonklotz im Tractorul-Viertel besuchen als die Schwarze Kirche, ist kaum zu glauben. Trotzdem werden viele Kronstädter nicht mehr das Zentrum nutzen, um auszugehen, sondern die Mall. An der Eröffnung am 27. März haben über 5000 Menschen über Facebook ihr Kommen angekündigt. Sie werden ins neue Einkaufszentrum strömen, um sich den Konsumtempel von innen anzuschauen und von den Eröffnungsangeboten zu profitieren. Dazu versprechen die Veranstalter ein Unterhaltungsprogramm, das sich über das gesamte Wochenende erstrecken wird. Alles ist bunt durcheinandergemischt – Blasmusik und Alex Velea, Streichquartett und Smiley, Feuerwerke und Puppentheater, ein fantastisches Karussell und das Coresi-Glücksrad, an dem man drei Checks im Wert von 1000 Lei für Einkäufe gewinnen kann.

Schon drei Wochen vor der Eröffnung startete in Kronstadt eine aggressive Werbekampagne. Feuerwerke und Lichtspiele auf dem Rathausplatz sollen die Bewohner darauf aufmerksam machen, dass man etwas für sie vorbereitet hat. Fünf Animateure, in den Farben des Windmühlen-Logos bekleidet, werden durch die Stadt ziehen, um diese „mit Farbe und Freude zum Leben zu erwecken“. Laut Werbeprospekt können Interessenten sich mit ihnen unterhalten und dabei „die Coresi-Energie spüren“. Der Höhepunkt des Werbekitschs wird an diesem Wochenende erreicht. Da wird „das Coresi-Auto, bepackt mit bunten Windmühlen und Freude, durch das ganze Prahova-Tal, durch Fogarasch und Sankt Georgen fahren“. Auch in der Umgebung von Kronstadt muss man ja die Coresi-Energie spüren.

Es bringt der Stadt keine Urbanität

Die vielen riesigen Werbebanner, die in der Stadt zu sehen sind, versprechen „mehr als nur Shopping“. Weil Coresi mehr ist als ein Kaufhaus. Laut Eigenwerbung ist Coresi „ein Stadtquartier der Begegnung“ und sogar „die Seele der Stadt, es ist der Ort, wo du unbedingt sein musst“. Die Mall würde eine neue Perspektive für das urbane Leben bieten, steht auf der Webseite . Der Stadt bringt sie aber keine Urbanität, wenn die Leute mit dem Auto ins Shoppingcenter fahren, den ganzen Tag beim Einkaufen verbringen und dann wieder nach Hause fahren. Die Handelsstruktur wird verändert – und am Ende stehen die Schaufenster im Stadtzentrum leer.

Ob Coresi zur Hauptattraktion Kronstadts wird, kann nur die Zeit beweisen. Große Einkaufszenter hatten in der Stadt am Fuße der Zinne nicht sehr großen Erfolg. In der Eliana Mall im Bartholomäer Viertel machen immer wieder Geschäfte zu. Dasselbe passiert im Unirea Shopping Center neben dem Bahnhof. Trotzdem stehen weitere Mall-Projekte auf dem Papier.

Wo einst die Fabriken „Fartec“ und „Hidromecanica“ standen, sollen ebenfalls Shopping-Center gebaut werden. Die Anhäufung von Malls könnte in Zukunft dazu führen, dass aus der schönsten Einkaufsstraße Kronstadts, der Purzengasse, eine öde Ansammlung von leeren Schaufenstern wird. Und vielleicht auch, dass an Wochenenden die Straßen im Zentrum leer sind. Immer mehr Leute werden in einer abgeschlossenen Konsumwelt ihre Freizeit verbringen. Familien mit Kindern werden auf der Grünfläche vor der Mall spazieren gehen. Teenager werden den ganzen Tag lang durch die Geschäfte ziehen. In den Kinosälen wird man das Rascheln der Popcorn-Tüten hören und die Smartphones werden in der Dunkelheit wie Glühwürmchen aufleuchten. Das wird von den Marketing-Leuten, die für Coresi Werbung machen, als Glück definiert. Das Glück liegt aber woanders. Und Kronstadt kann viel mehr bieten als Shopping.

Kommentare zu diesem Artikel

norbert, 23.03 2015, 03:04
In herrmannstadt gibt es das auch. .die deutschen sind weg. .weil es sich nicht lohnte gekauft haben es Türken. .wenn man da durch geht. ..und zählt die Leute die dort einkaufen. .können die nichts verdienen. .die Verkäufer könnten schlafen dabei. .bis ein Kunde kommt. Das Ding zu groß ..die waren für rumänische Verhältnisse zu teuer. .real ist weg. ..und wenn die die Fahne heben. .und danach Türken das übernehmen. .Sagt das alles. .
ottmar, 22.03 2015, 00:59
Sraffa nicht oft aber ich kann dir hier nur zustimmen. Nur welche Zukunft hat ein Land dessen Kultur permanent von seinen Eliten mit Fuessen getreten wird. Fuer mich ist ein Heumandl (fuer einen nicht Bayern - Heu aufgelagert im Stil eines Rondells) eines Bergbauern ein Kulturgut. Fuer einen falschen Dr. sicher nicht
Sraffa, 21.03 2015, 14:17
Diese öden und billig gemachten Konsumtempel zum billigen Kauf von Neuramsch kotzen mich an.

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