Eisenhütte Hunedoara: Der lange Abschied der rumänischen Schwerindustrie

Wann heilen die tiefen Wunden des Strukturwandels? / Die Zukunftsperspektive liegt im Tourismus

Dienstag, 14. März 2017

Etwa 600 Mitarbeiter beschäftigt ArcelorMittal in Hunedoara, eine neue Walzstraße nahm 2012 den Betrieb auf.

Vor dem Schloss entsteht zurzeit aus einem älteren Backsteingebäude ein schmuckes Restaurant.

Die Stadt Hunedoara vom Hunyadi-Schloss aus gesehen. Lag die Bevölkerung 1992 bei 81.000, zählt die größte Stadt des gleichnamigen Kreises heute noch 60.000 Einwohner.
Fotos: der Verfasser

Meterhohes Unkraut, mindestens ein Dutzend abgemagerte Hunde, ein Sicherheitsposten mit Schranke und zwei Frauen in der Uniform einer international tätigen Wachfirma: Das Auto wird strengstens kontrolliert, auch unter der Motorhaube. Mit den Papieren klappt es aber nur im zweiten Anlauf, die uniformierte Dame entschuldigt sich, es sei ihr zweiter Arbeitstag, die Kollegin eilt zu Hilfe und schnellstens wird eine Art Passierschein neu ausgefüllt. Auto-Kennzeichen, Zweck des Besuchs, Gastgeber. Und dann dürfen wir weiter, doch nur langsam. Höchstens 20 Stundenkilometer schnell darf gefahren werden, darauf werden wir ausdrücklich hingewiesen; es steht auch auf dem Passierschein. Man sollte auch nicht schneller fahren auf den Werkstraßen der ehemaligen Eisenhütte von Hunedoara, die wir nun betreten. Schlaglöcher, Schlamm, Pfützen, die verordnete Höchstgeschwindigkeit macht Sinn, dem eigenen Auto zuliebe.

Es ist frühlingshaft warm an diesem 2. März, die Köter strecken ihre Glieder in der Sonne aus, ringsherum Schlamm, eine von Schlaglöchern übersäte, vielleicht vor 40 Jahren zum letzten Mal instandgesetzte Straße, und viel Blech. Eine etwa 70 Hektar große Industriebrache, ehemals der Stolz der Arbeiterschaft, der Stolz des rumänischen Sozialismus, oder das, was 27 Jahre danach noch übriggeblieben ist. Die Hütten in Hunedoara und in Reschitza/Reşiţa hatten die Kommunisten von den enteigneten Kapitalisten übernommen, in Galatz/Galaţi, Călăraşi, Zalău oder Slatina, aber auch in Großwardein/Oradea und in Tulcea ließen sie neue Hütten bauen, für Stahl oder Aluminium; Rumäniens Metallindustrie zählte zu den größten Errungenschaften des Sozialismus: Schwerindustrie anstatt Konsumgüter, Hunderte Tonnen von Stahl pro Einwohner, dafür keine Autos, keine Fernseher, keine Waschmaschinen, zuletzt dann auch kein Brot, kaum Milch oder kein Fleisch. In Hunedoara spürte man bis 1989 die Unzulänglichkeiten des rumänischen Kommunismus kaum, jedenfalls weniger als anderswo im Land, denn die Metallarbeiter zählten zu den Lieblingen des Regimes, ihre Löhne waren verhältnismäßig hoch. Etwa 25.000 Arbeitnehmer beschäftigte das Combinatul Siderurgic Hunedoara 1988, die größte Produktion hatte das Werk in den Jahren 1982 bis 1984 verzeichnet, danach ging es nur noch bergab. Die Technologie stammte aus dem Jahre 1970, Anfang der 1990er zählte Hunedoara zu dem „Haufen Alteisen“, wie Premierminister Petre Roman damals Rumäniens Industrie nannte.

Was dann geschah, ist allseits bekannt: Eine Reform jagte die andere, einer Entlassungswelle folgte die nächste. Dem postkommunistischen Rumänien war der altverdiente Metallarbeiter nichts mehr wert, Tausende Menschen verließen das Werk und gingen nach Hause, nach Ost- oder Südrumänien, von wo sie der Kommunismus aus den Dörfern gelockt hatte: mit einem Lehrplatz in der Berufsschule, einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Bad und Küche, mit Kindergärten und einem Arbeitsplatz für die Frauen. Der jedoch nicht zwingend war, denn ein Vorarbeiter in Hunedoara konnte so viel verdienen, dass die Ehefrau einfach bloß nach dem Haushalt sehen konnte. Einige blieben in Hunedoara, die Regierungen der 90er Jahre entdeckten die Frührente und machten aus Tausenden von fähigen Arbeitskräften frischgebackene Pensionisten. Man sieht sie heute in Hunedoara in den Parks, in der Kaufland-Filiale oder jetzt, da es wärmer geworden ist, im armseligen Biergarten in der kleinen Altstadt. Dort, wo der liberale Politiker der Zwischenkriegszeit Constantin Bursan eine große orthodoxe Kirche bauen ließ, die erst 1947 eingeweiht wurde, gleich neben dem Rathaus im altrumänischen Baustil, ein Zeuge der architektonischen Rumänisierung Siebenbürgens und des Banats eben, die der Historiker Nicolae Iorga als Minister in den 1920er Jahren in Gang gesetzt hatte. Denn die kleine Innenstadt von Hunedoara, weniger als jene in dem benachbarten Kreisvorort Deva, aber immerhin, war in den Händen der Ungarn, der Deutschen, der Juden, obwohl die Ende des 19. Jahrhunderts ausgebaute Eisenhütte massenweise Rumänen beschäftigte, beim Abbau des Erzes oberhalb von Hunedoara, beim Fällen der Bäume in den Wäldern des Ţinutul Pădurenilor, beim Bedienen der Siemens-Martin-Öfen.

Doch zurück in die Gegenwart: Wir sprechen mit einer Frau, die ihren Namen in der Zeitung nicht lesen will. Bald geht sie in Rente. Angefangen hat sie in Hunedoara als junge Chemikerin kurz vor der Wende. Aus dem Norden Rumäniens kommend, wollte sie nur drei Jahre in Hunedoara bleiben. Jetzt freut sie sich, dass sie in drei Jahren in Rente gehen kann. Sie hat die Zeiten vor 1989 noch erlebt, als 25.000 der 80.000 Einwohner von Hunedoara im Kombinat arbeiteten und die Region im Vergleich noch florierte. Aber den langen Abschied hat sie auch miterlebt, das bittere Elend bis 2003, als der Staat dann das Werk dem indischen Eisenmagnaten Lakshmi Niwas Mittal verkaufen konnte. Die zahlreichen schwarzen Geschäfte, die das Kombinat in den Ruin getrieben haben, die vielen Direktoren, die kamen und gingen, jeder eigene Zwecke verfolgend, den Schuldenberg, den der Staat irgendwann abschreiben musste, und natürlich die Umweltverschmutzung. Kein Fisch konnte in der kleinen Cerna schwimmen, die dem Poiana-Ruscă-Gebirge entspringt, durch Hunedoara fließt und bei Simeria in den Mieresch/Mureş mündet, der im Banat Marosch heißt. Grau waren die Dächer der Häuser, grau auch die weißen Hemden der Männer, die jeden Tag neu gewaschen werden mussten. Heute ist die Luft sauberer, in der Cerna tummeln sich oberhalb des Hunyadi-Schlosses Forellen. Und ein Großteil der Anlagen ist abgerissen worden, darunter auch die Siemens-Martin-Öfen. Gefahren lauerten an jeder Ecke, denn in den Industrieruinen am Ortseingang aus Richtung Deva wurde nach 1990 alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war. Alteisen war und ist heiß begehrt.

Seit 2003 also gehört das Kombinat einem internationalen Konzern, der sich seit 2006 ArcelorMittal nennt, weltweit Spitze. Doch auch Hunedoara litt und leidet an der jahrzehntelangen Krise der europäischen Stahlindustrie: Billigkonkurrenz aus der Türkei und der Volksrepublik China, darüber hinaus harte Umweltauflagen und, im Falle eines Werks wie jenes in Hunedoara, die Dringlichkeit der Neutechnologisierung. Kühne Investitionspläne verabschiedete ArcelorMittal für seine Niederlassung in Hunedoara im Sommer 2008, doch ein paar Monate später setzte die Weltwirtschaftskrise ein und die Pläne wurden aufs Eis gelegt. Dann wurden doch noch einige Millionen Euro locker gemacht, eine neue Walzstraße wurde 2011/2012 in Betrieb genommen, Kundschaft gibt es trotz aller Schwierigkeiten in ganz Europa und vielleicht auch bald in den USA.

Das Werk ist nur noch ein Schatten von dem, was es einst war. Acht Walzstraßen hat es seinerzeit gegeben, jetzt nur noch eine, dafür ist sie aber neu und entsprechend hoch ist die Produktivität. Die Kokerei ist längst geschlossen, genauso wie die Stahlkochereien und die Graugussanlage. Etwa 600 Mitarbeiter beschäftigt ArcelorMittal in Hunedoara zurzeit, 1993 waren es noch 20.000. An den Mängeln der sozialistischen Planwirtschaft kam auch Hunedoara nicht vorbei: zu viele Angestellte, eine schwache Produktivität, ein überdimensionierter Energieverbrauch. Die staatlichen Manager der 1990er Jahre konnten der Lage nicht Herr werden – vielleicht wollten sie es gar nicht. Der neue Inhaber schaffte nach 2003 halbwegs Ordnung, riss ab, was abzureißen war, stellte die Produktion um. Gearbeitet wird nur auf Bestellung. Probleme gibt es noch und noch: der Abbau der Schlackenhalde, die Einhaltung der Umweltauflagen, der Mangel an geschulten Arbeitskräften, der Rohstoffmangel, die Probleme mit den Sammlern von Alteisen. Unsere Ansprechpartnerin geht auf alles ein, sie kennt sich aus wie kaum jemand im Werk, aber das Werk hat sie eindeutig satt. Der Tochter habe sie gesagt, in Hunedoara dürfe sie keinesfalls bleiben, sie müsse weg. Die junge Ärztin bereitet sich auf ihre Ausreise nach Schweden vor, die Mutter ist überglücklich. In Hunedoara gab und gibt es keine Zukunft, sagt sie. Jetzt nicht und auch damals nicht, 1988. Als sie nach Hunedoara kam und ihr Vater, der Großvater der rumänischen Ärztin, die bald nach Schweden geht, seiner Tochter gesagt hat, sie solle sich nicht für Hunedoara entscheiden, auch nicht für Reschitza, wollte sie ihm nicht Recht geben.

In der Tat: Hunedoara ähnelt einer Geisterstadt, einem rumänischen Detroit. Mutatis mutandis, versteht sich. Oberhalb des Werks, die Schlackenhalde. Sie wird abgebaut, aber es gibt keine Geologen mehr, sodass Unfälle vorprogrammiert sind. Die Plattenbauten des Kommunismus hat man teilweise saniert und auf den Straßen fährt die eine oder andere Luxuskarosse. Sicherlich, wer nicht nach Temeswar/Timişoara oder Klausenburg/Cluj-Napoca gegangen ist, den hat es ins Ausland gezogen. So erklären sich die Autos und ein Teil der neuen Häuser, Plastikfenster noch und noch.
Dabei liegt die Stadt mit ihren 60.000 Einwohnern von heute in einer der touristisch interessantesten Regionen Rumäniens. Und in ihrer Mitte steht ein mittelalterliches Schloss, das in Rumänien und in Südosteuropa seinesgleichen sucht. Das Kulturministerium hat es inzwischen fertig saniert, der Touristenstrom lässt nicht nach. Und am Fuße des Kastells wird an einem schmucken Restaurant gebaut, von Klausenburger Architekten entworfen, die ein altes Verwaltungsgebäude aus k.u.k.-Zeiten wundervoll in ihr neues Konzept integrieren. Ungarische Touristen, Backpackers mit Kleinkindern im Arm, stehen vor dem Schlosseingang Schlange, seit nicht allzu geraumer Zeit gibt es auch einen anständigen Parkplatz für Busse. Und mit Geldern aus einem isländisch-norwegisch-liechtensteinischen Fonds baut die Stadt Hunedoara innerhalb der Schlossanlage ein Museum der Zünfte. Nur das alte Verwaltungsgebäude aus dem 19. Jahrhundert, roter Backstein, wunderbares Eingangstor mit Stahlverzierungen und einem schmucken Balkon, kann nicht genutzt werden. Verwahrlost steht es da, an ein Museum des Hüttenwesens denkt wohl keiner. Man gibt sich zufrieden mit einem merkwürdigen Informationszentrum an einer Kreuzung auf dem Weg zum Schloss, gebaut durch ein Programm der ehemaligen Tourismusministerin Elena Udrea: ein grünes Blatt, Rumänien, der Garten der Karpaten.

Das Informationszentrum ist geschlossen, die Infos kommen sowieso über Tripadvisor, Booking oder Wikipedia.
Vor dem Schlosseingang hat man einen Blick auf die gesamte Stadt: Links verrostete Industrieanlagen, deren Abriss noch bevorsteht, geradeaus ein vor dem Einsturz stehender Kühlturm, rechts die Stadt: ein paar Kirchen, Plattenbauten, die Schlackenhalde, die übrig gebliebenen Hochöfen. Der Abschied der Schwerindustrie zieht sich seit knapp dreißig Jahren hin, er hinterlässt tief schmerzende Wunden. Auf die Fehler der kommunistischen Planer folgte die Fahrlässigkeit, ja, gar die Dummheit der Staatskapitalisten und der eifrigen Reformer der 1990er Jahre.
Ob der Tourismus für die geschrumpfte Stadt Hunedoara eine echte Entwicklungschance bietet, bleibt noch dahingestellt. Die Regierung in Bukarest scheint daran nicht ernstlich zu glauben: Dem Wunsch der Stadt, an der neuen Autobahn Deva – Broos/Orăştie, vor der Ausfahrt Simeria, eine Hinweistafel auf das 20 Kilometer entfernte Hunedoara und das Hunyadi-Schloss aufzustellen, wurde 2012/2013 keine Beachtung geschenkt. Freiwillige aus Hunedoara haben dann auf eigene Kosten getan, was die Autobahngesellschaft nicht tun konnte. Oder wollte.

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