Elfriede Jelinek: Person, Werk, Wirkung, interkulturelle Dimension

Wissenschaftliches Symposion an der Universität „Spiru Haret“ in Bukarest

Samstag, 30. Mai 2015

Unter dem Zeichen Elfriede Jelineks: Referenten und Veranstalter der Tagung
Foto: George Lupulescu

Am 22. Mai fand im Studiosaal der Universität „Spiru Haret“ in Bukarest eine interdisziplinäre wissenschaftliche Tagung statt, die von der Philologieabteilung der Sprachenfakultät der Universität „Spiru Haret“ Bukarest und von der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien in Verbindung mit dem Germanistischen Seminar der Universität Bukarest, dem Österreichischen Kulturforum Bukarest, der Österreich-Bibliothek Bukarest und dem Kulturhaus „Friedrich Schiller“ in Bukarest gemeinsam veranstaltet wurde. Das interdisziplinäre Symposion, das im Rahmen der Tagung „Identität und Alterität: Person, Gestalt, Persönlichkeit“ abgehalten wurde, sollte außerdem einen Anstoß zur Institutionalisierung dieser mittlerweile bewährten österreichisch-rumänischen interkulturellen Initiative geben, und zwar unter dem neuen zukunftsweisenden Namen „Crossborders – Centre for Cultural Transfer (CCC)“.

„Great Expectations“, könnte man mit Charles Dickens formulieren und zugleich kommentierend anfügen, dass sich große Erwartungen nicht zuletzt an den real vorfindlichen Gegebenheiten messen lassen müssen! Mit denen wurde man dann, nach einleitenden Worten der Begrüßung durch Vertreter der wichtigsten veranstaltenden Institutionen, sofort konfrontiert, und zwar in einem ersten – studentischen – Teil des Symposions, in dessen Verlauf Studierende der Universitäten Wien und Mainz ihre wissenschaftlichen Arbeiten vor einem zahlenmäßig äußerst geringen Publikum präsentierten. Trotz der vorhandenen Simultanübersetzung aus dem Deutschen ins Rumänische konnte man die des Deutschen nicht mächtigen Besucher dieser Tagung an einer Hand abzählen, was umso bedauerlicher ist, als dieses Symposion durchaus einen Beitrag zur Verbreitung des Werkes von Elfriede Jelinek in Rumänien hätte leisten können und sollen.

Zunächst wurden also von fünf Studierenden wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, die sie im Rahmen von eigenen Magister-, Seminar- und Proseminararbeiten zu diversen linguistischen und literaturwissenschaftlichen Themen gewonnen hatten: eine varietätenlinguistische Untersuchung zur Wiener Alltagssprache; eine türkisch-deutsche kontrastive Studie; eine Untersuchung zur Erzähltechnik in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“; eine Analyse der metafiktionalen Elemente in Wolf Haas’ Roman „Verteidigung der Missionarsstellung“; und last but not least eine Abhandlung zu einem Thema, das bereits zum zweiten Teil des Symposions überleitete und die Rolle der Mutterfigur in Herta Müllers Prosaband „Niederungen“ im Vergleich mit Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ zum Gegenstand hatte. Verblüffend war dabei die nonchalante Haltung einiger der referierenden Studierenden, die auch ungefragt mit entwaffnender Offenheit einräumten, die Beschäftigung mit dem vorgetragenen Thema liege ja nun doch schon einige Zeit zurück und so genau könne man sich nicht mehr an jedes Detail erinnern.

Der zweite Teil des Symposions ließ dagegen wissenschaftlich wieder aufatmen, denn nun wurde ein anderes Niveau angeschlagen und nun stand auch die Autorin Elfriede Jelinek endlich im Mittelpunkt. Die an der Universität Bukarest tätige Lektorin des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD), Mag.a Susanne Teutsch, machte in ihrem anregenden Vortrag interessante Ausführungen über „Ästhetisches, Politisches, Brisanz“ im Leben und im Werk der 2004 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten österreichischen Schriftstellerin. Besonders aufschlussreich waren hierbei die Hinweise auf Jelineks Rolle bei der österreichischen Vergangenheitsbewältigung, die Darstellung der Anfeindungen, denen Jelinek in der österreichischen Öffentlichkeit ausgesetzt war und ist, sowie mehrere anschauliche Beispiele ihrer medialen Präsenz, sei es als Kommentatorin in einem touristischen Werbefilm oder als mediale Selbstinszenatorin am Beispiel von Porträtfotos.

Die Wiener Universitätsprofessorin Mag.a Dr. Pia Janke, Gründerin und Direktorin der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien und, zusammen mit Mag. Dr. Sorin Gădeanu, Leiterin dieses Bukarester interdisziplinären Symposions, stellte in ihrem daran anschließenden Vortrag die vielfältigen Aktivitäten der Forschungsplattform und des Elfriede-Jelinek-Forschungszentrums der Universität Wien dar, nicht ohne auf ihre jüngste aktuelle Publikation hinzuweisen, den voluminösen Doppelband „Elfriede Jelinek. Werk und Rezeption“ mit einem kommentierten Gesamtverzeichnis von Elfriede Jelineks schriftstellerischem Werk, der Übersetzungen, Aufführungen, Interviews, Preise, Symposien sowie der nationalen und internationalen wissenschaftlichen und medialen Rezeption.

Von einer solchermaßen ausgewiesenen Kennerin des Jelinekschen Oeuvres hätte man sich allerdings noch mehr grundsätzliche Aussagen und grundlegende Einschätzungen zum Gesamtphänomen „Elfriede Jelinek“ erhofft, zumal das Symposion ja auch dazu dienen sollte, rumänische Nachwuchsgermanisten für das Werk Elfriede Jelineks zu interessieren. Dennoch war es schön und aufmunternd zu sehen, mit welcher Begeisterung (auch für die Zusammenarbeit mit Studierenden) Pia Janke für die Verbreitung der Werke Jelineks warb. Wer weiß heute schon, dass Elfriede Jelinek über 800 Essays zu aktuellen ästhetischen, politischen und gesellschaftlichen Themen verfasst hat, die sie als solche bereits in den größeren Rahmen historischer Zeitgenossenschaft stellen!

Der dritte gehaltvolle Vortrag des Abends stammte aus der Feder der Dozentin Dr. Maria Irod von der Christlichen Universität „Dimitrie Cantemir“ in Bukarest. Maria Irod sprach über die Rezeption des Jelinekschen Oeuvres in Rumänien. Vier Romane Jelineks sind bisher ins Rumänische übersetzt, zwei von Maria Irod selbst („Die Ausgesperrten“ – „Excluşii“; „Gier“ – „Lăcomie“), einer von Nora Iuga („Die Klavierspielerin“ – „Pianista“) und einer von Ana Mure{anu („Die Liebhaberinnen“ – „Amantele“). Die einzige rumänische Übersetzung eines Jelinek-Dramas („Clara S.“) stammt von dem Schriftsteller und Regisseur Dan Stoica, der das Stück im Jahre 2007 in Arad selbst inszenierte. Insgesamt sei aber die Rezeption Jelineks in Rumänien noch wenig entwickelt und entfaltungsbedürftig, so das Resümee des informationsreichen Vortrags von Maria Irod.

Auf diesen Vortragsteil folgte ein eigener Beitrag von Elfriede Jelinek in Form eines von ihr selbst gelesenen Textes, der im Studiosaal der Universität „Spiru Haret“ als Audiodokument zu Gehör gebracht wurde. Der autobiografische Text „Fahrt nach Anina“ beschreibt die Reise der Autorin nach Rumänien, zum Wohnort ihrer Großmutter und Geburtsort ihrer eigenen Mutter. Anina, mit deutschem Namen Steierdorf, liegt im Kreis Cara{-Severin im rumänischen Banat, übrigens keine hundert Kilometer von Herta Müllers Geburtsort Nitzkydorf/Niţchidorf entfernt – eine Tatsache, über die sich Elfriede Jelinek gleichermaßen gewundert wie gefreut hat, als sie davon erfuhr.

Daran schloss sich dann eine zweifache Darbietung dieses Textes als Sprechstück an, zunächst auf Deutsch durch Studierende der Universität Wien, dann auf Rumänisch durch Studierende der Universität Bukarest. Während die Österreicher das Werk in einzelne heterogene Stimmen auflösten, polyphon fragmentierten und so gleichsam individualisierten, boten die Rumänen das Werk als ebenmäßigen, homophonen, kollektiven, liturgisch anmutenden Sprechgesang dar. Ein interessanter, interkulturell aufschlussreicher Kontrast!

Auch in der abschließenden Podiumsdiskussion traten österreichisch-rumänische Differenzen in Erscheinung. Während Pia Janke einem Vergleich der Oeuvres von Herta Müller und Elfriede Jelinek einiges abgewinnen konnte, wurde dies von rumänischer Seite generell skeptisch gesehen. Ebenso gab es unterschiedliche Wahrnehmungen von groß angelegten wissenschaftlichen Projektplanungen, zumal wenn diese noch als in statu nascendi befindlich betrachtet werden mussten. Insgesamt aber doch ein interessantes interkulturelles Symposion, das in einer Vernissage künstlerischer Werke rumänischer Studierender (Malerei, Grafik, Fotografie) zum Thema „Frau, Macht, Körper“ seinen artistischen Abschluss fand!

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 05.06 2015, 00:55
Die private Spiru-Haret-Universität ist überhaupt gar keine echte Universität, sondern ein Institut an dem man für Geld fragwürdige Titel kaufen kann. Spendet man genug, kriegt man mit ein paar kleinen Abendkursen schon nach zwei Semestern einen Master. Nicht zu vergleichen mit einer richtigen staatlichen altehrwürdigen Universität wie etwa der Babes-Bolyai, wo man mindestens vier Jahre wirklich studieren muss, von Montag bis Freitag, mit echten Prüfungen, echten wissenschaftlichen Arbeiten und echten Professoren.

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