Elisabethstadt - Im Zwiespalt der Geschichte

Vom luftigen Villenbezirk zu den stillosen kommunistischen „Errungenschaften“

Dienstag, 05. September 2017

Gesamtansicht Mihai-Viteazul-Boulevard mit Institut für Schweißtechnik (Borcanul).

Römisch-katholische Pfarrkirche mit Salvatorianer-Kloster.

Second-Hand-Markplatz für die Elisabethstadt.

Ein berühmtes aber gequältes Haus: Die Ruine des Mühle-Hauses.
Fotos: Zoltán Pázmány

Das Temeswarer Stadtviertel Elisabethstadt erinnert, zum Glück sagen manche, heute noch an allen Ecken und Enden eher an eine Dorflandschaft als eine Großstadt. So als ob die Geschichte - ein Kaiserreich, zwei Königreiche und das kommunistische Regime - nicht wie eine Dampfwalze über diese fast 300jährige Vorstadt gezogen wäre. Das historische Viertel (die „Alten Meierhöfe“) geht eigentlich auf eine Schenkung der Landesadministration von 1718 an die Bürgerschaft der Stadt zurück: Dieser „Grund des bürgerlichen Terrains“, auf einer Fläche von 668 Hektar, lag außerhalb des Belgrader Tors, rechts entlang der Bega bis zur alten Römerschanze: Gartenterrain, Ackerland und ausgedehnte Moräste. Hier entstand noch vor der Fabrikstadt recht planlos eine ländliche Streusiedlung, mit Gärten und Gärtnerhütten, danach Sommersitze der Wohlhabenden. Das Viertel, anerkannt erst 1744, teilte sich anfänglich noch in die Deutschen und die Rumänischen Meierhöfe. Den Namen erhielt das Viertel 1896 nach Kaiserin Elisabeth, Sissi, darauf in der Zwischenkriegszeit wurde daraus kurioserweise „Prințesa Elisabeta“. Eine planmäßig Bautätigkeit setzte erst nach der Entfestigung 1892 und dem Stadtregulierungsplan (1895) von Architekt Ludwig von Ybl  ein: Die großen Hausplätze, Gärten, leeren Flächen, auch die alten Straßen (Tiroler-, Schweizer-, Raben-, Königs-, Schwanengasse) aber vor allem die Begazeile, Dozsa-Platz und gleichnamige Gasse erhielten in rascher Folge stilvolle Bauten (Der Dozsa-Platz ist ein sehenswertes aber leider auch sanierungsbedürftiges Art-Nouveau-Ensemble), prunkvolle Wohnhäuser aber auch andere Bauwerke wie das Taubstummeninstitut (Dozsa-Gasse). Eine der ältesten Bauwerke des Viertels war die Rosalienkapelle (nach der Pestepidemie 1739 erbaut). 1963 wurde sie (Stand zwischen Akademie-Sitz und Orthopädie-Klinik) endgültig abgerissen. Zu diesem Stadtteil gehört auch eine der ältesten Kirchen der Stadt- die griechisch-orthodoxe Kirche am Kreuzplatz wurde 1727 errichtet, 1784 neu erbaut.

Elisabethstädtische Herzstücke und kommunistische „Errungenschaften“

Hauptplatz dieser Vorstadt war und bleibt der trotz der stetig kommandierten Änderungen der  Grundhausplatz (Lahovary-, Bălcescu-Platz). Im Mittelpunkt die zweitürmige katholische Pfarrkirche Hl. Herz Jesu, 1912-19 nach Plänen von Architekt Karl Salkovics errichtet, mit einer Wegenstein-Orgel ausgestattet. Zum Herzstück wurde der Platz auch durch den verdienstvollen Rauchfangkehrermeister Josef Novotny (Stadtrat 1881-1918), der hier an der Ecke eine Sparkassa, Geselligkeitsklub mit Tanzsaal, Gasthaus und Gartenlokal erbaute. Heute noch lebt dieser Platz von diesem alten, stilvollen Bauerbe. Das, obwohl der heutige Bălcescu-Platz, baulich und in Sachen Straßeninfrastruktur, von der kommunistischen und auch den folgenden Stadtverwaltungen wahllos und auf die Schnelle „modernisiert“ wurde. Die Bauplomben waren stets neue aber häßliche Plattenbauten. Der alte, bei der Einwohnerschaft beliebte Park wurde  dem Erdboden gleichgemacht und völlig dem Verkehr geopfert.

Wilhelm Mühle, einem Mann, der so viel für das Ansehen der Stadt getan hat, hat man, anstatt einer Ehrung, sogar postum noch übel mitgespielt. Der Gründer des modernen Gartenbaus in Temeswar ließ sich hier 1875 am heutigen Mihai-Viteazul-Boulevard, mit seiner Gartenbaufirma auf einem riesigen Gelände nieder. In der Elisabethstadt gab es außer dieser Gartenbaufirma, auch sein Sohn Arpad wurde ein berühmter Gärtner, noch die Niemetzsche Gärtnerei. Die traurige Geschichte um das baufällige Mühle-Haus (Ecke M.Viteazul-Babes-Str,), in dem 1930 Sohn Arpad Mühle gestorben war, die sich nun wie eine öffentliche Schande durch die letzten Jahre in Temeswar zieht, wird wahrscheinlich trotz vieler Versprechungen der Stadt und gar der Regierung kein glückliches Ende finden. Das Haus gelangte in die „Fänge“ des berüchtigten Immobilien-Clans des Ionelas Cârpaci. Das Mühle-Haus steht nun als städtischer Schandfleck da, ein vorläufiges Abriss-Verbot wird es wohl letztlich doch nicht retten können.

Das Andenken eines anderen bedeutenden Elisabethstädters, des berühmten Orgelbauers Leopold Wegenstein, hat erst nach der Wende und dank der rührigen Tätigkeit des Organisten Franz Metz eine gebührende Ehrung erfahren: Leopold Wegenstein, 1844 in Kulm, Böhmen, geboren, ließ sich 1880 in der Elisabethstadt nieder. Seine im Banat und im ganzen Kaiserreich berühmte Orgelbaufirma am heutigen M.Viteazul-Boulevard, lieferte mehr als 300 Orgeln, darunter an die Herz-Jesu-Pfarrkirche, die Domkirche, Basilika Maria Radna, die Milleniumskirche und die Temeswarer Synagogen. Normal, den Kommunisten war er schon ein Dorn im Auge: Man begnügte sich nach 1947 nicht nur mit der Enteignung von Haus und Firmengelände, alles wurde dem Erdboden gleichgemacht und darauf das heutige Institut für Schweißtechnik errichtet. Der von den Temeswarern etwas abschätzig „Borcanul“/ Einweckglas genannte runde Hochbau hat selbstverständlich nichts mit dem Art-Nouveau-Stil ringsum zu tun. Es sollte ja aber auch wie eine Faust aufs Auge für die Elisabethstädter sein. Nach der Wende nisteten sich Neureiche und Immobilien-Mafia im Viertel ein, die alten Prunkbauten wurden von protzigen Roma-Palästen überwuchert.

Man könnte mit anderen Beispielen fortfahren: Vor allem das kommunistische Regime zeigte sich, wo es nur ging, offen als Verachter und gar Feind des alten wertvollen als reaktionär und spießbürgerlich etikettierten Bauerbes. Einerseits wurden wichtige, moderne Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und Sportstätten geschaffen, andererseits leistete man sich vor aber auch nach der Wende allerhand Nachlässigkeiten und grobe Fehler. Um einen weiteren Schandfleck dieses Viertels beim Namen zu nennen, muss man den abgewirtschafteten, isolierten, fast sich selbst überlassenen Marktplatz vis-a-vis des Salvatorianer- Klosters  besuchen. Es ist ein kaum zu beschreibender  Mix von Kleintiermarkt mit improvisiertem Gemüsemarkt und Markt der Schwarzhändler und Second-Hand-Waren. Die fehlende elementäre Hygiene ist noch das Wenigste, was den Käufer oder Besucher stört. Seit Jahren soll dieser Marktplatz gar keine gültige Funktionsgenehmigung besitzen.

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