Empfänge

Samstag, 29. November 2014

Symbolgrafik: freeimages.com

Empfänge sind hervorragend geeignet, allerlei Studien zu betreiben: Verhaltensstudien, Milieubeobachtungen – aber auch Rückschlüsse auf noch unentdeckte Naturgesetze erschließen sich dem wachen Beobachter.

Zum Beispiel das Gesetz der umgekehrten Proportionalität besonders beliebter Häppchen zur Häufigkeit, mit der diese vorbeigetragen werden: Will man zum Beispiel kein Fleisch, werden einem ununterbrochen Tabletts mit Mini-Schnitzel, Wildpastetchen oder Tatarhäufchen um die Nase gewedelt, während man sehnsüchtig zu den Käsebällchen am entgegengesetzten Ende des Raumes schielt. Hat man noch Wein im Glas, suggeriert das pausenlos zirkulierende Getränketablett unerschöpflichen Nachschub. Kaum ist jedoch der letzte Schluck getrunken, kann man seinen Flüssigkeitshaushalt in der nächsten halben Stunde vergessen.

Ein weiteres physikalisches Gesetz besagt, dass Häppchen immer so konstruiert sind, dass sie nahtlos in den Mund hineinpassen, dann aber aus Platzmangel keine Kaubewegungen mehr zulassen. Just in diesem Moment kommt zielsicher ein bekanntes Gesicht freundlich strahlend auf einen zu: „Darf ich Ihnen Herrn Abgeordneten XY vorstellen?“ Dann gibt‘s ein Protokollfoto mit verzerrtem Grinsen und apart ausgedellter Wange.

Mit den Unzulänglichkeiten des menschlichen Körpers konfrontiert einen vor allem der Empfang am Büfett: den Teller in der einen Hand, das Glas in der anderen, denn natürlich sind alle Stehtische längst besetzt, Serviette und Besteck geschickt zwischen zwei Fingern balancierend – am besten zwischen denen der Tellerhand, denn mit der Glashand würde man Gefahr laufen, sich beim Trinken ins Auge zu stechen, und die Handtasche, für die sich nirgendwo Abstellplatz findet, klemmt unauffällig zwischen den Knien. Die Kamera baumelt am Riemen vor dem Bauch und droht bei jeder Bewegung, mit dem Objektiv in die Soße zu tunken. Wie soll man so auch noch essen? Und was passiert, wenn man in dieser Lage niesen muss? Vielleicht hilft es, den Moment abzuwarten, bis gerade keiner guckt, um dann mit gespitzten Lippen blitzschnell in den Teller zu tauchen... Mein Vorschlag an die Gentechnik: Man sollte überlegen, dem Menschen ein zweites Armpaar auf Hüfthöhe anzuzüchten. Oder alternativ ein ausklappbares Tischchen auf den Bauch.

Bis man jedoch überhaupt in diese Lage gerät, erzwingt sich eine andere Bewährungsprobe: die Nahrungsbeschaffung! Hierfür stelle man sich anständig ans hintere Ende der Schlange vor dem Büfett. Nur: bis man an den Töpfen angekommen ist, hat sich von der anderen Seite längst eine ebensolche gebildet und die Leute blicken empört, weil man von der falschen Seite daherkommt. Nun heißt es, Nerven bewahren und im Slalomlauf schnell zulangen, denn wer sich einschüchtern lässt und sein Glück am Ende der „richtigen“ Schlange versucht, wird bald darauf mit genau demselben Phänomen konfrontiert. So mancher allzu Höfliche ist so schon vor dem vollen Büfett verhungert.

Was die Strategie der Nahrungsbeschaffung betrifft, lassen sich verschiedene Verhaltensweisen beobachten: Da gibt es den Typus, der den Teller mit allem randvoll füllt, um ganz sicher den ganzen Abend lang ausreichend Auswahl zu haben. Hierzu gehören meist Männer. Jüngere Vertreter des weiblichen Geschlechts hingegen balancieren auf einem riesigen Plateau drei winzige Löffelchen, um zu signalisieren: Meine Figur ist hart erkämpft! Merkt ja keiner, wenn man das fünfmal hintereinander macht. Leckermäuler – meist ältere Damen – beginnen gleich mit dem Horten von Nachtisch: Nicht, dass die besten Törtchen schon weg sind, bevor man das Hauptgericht bewältigt hat! Und dann gibt es noch jene, die den Teller in zwei virtuelle Zonen einteilen: „gleich Essen“ und „für Notzeiten“. Das Mitnehmbare gleitet in einer Serviette unauffällig in die Tasche. Das kann man später auf dem Heimweg verzehren, falls man nicht satt geworden ist. Oder der Familie mitbringen. Oder lieber dem Hund, denn der kommentiert wenigsten nicht: „So also sieht deine schwere Arbeit aus!“

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