„Entdecke die Seele Siebenbürgens“

Wie das gewaltige Kulturerbe der Siebenbürger Sachsen vor dem Verfall bewahrt werden soll

Donnerstag, 12. September 2013

Die zweite Pressekonferenz in Bukarest im Rahmen des Projekts „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ am 5. September im Café Ambasada Sibiului/The Institute: (v. l.) der neue Kirchenburgenbotschafter Cristian Ţopescu, Bischofsvikar Dr. Daniel Zikeli, Projektkoordinator Dr. Stefan Cosoroabă.
Foto: die Verfasserin

Wenig Besucher, obwohl Teil des UNESCO-Weltkulturerbes: die Kirchenburg von Wurmloch/Valea Viilor.
Foto: George Dumitriu

In Siebenbürgen schlummert ein touristischer Schatz, dessen sich viel zu wenige Menschen in Rumänien bewusst sind. Eine Landkarte mit dicht gesäten Punkten verdeutlicht es auf einen Blick – alle paar Kilometer liegt eine alte, sächsische Kirchenburg! Einige sind längst beliebtes Ausflugsziel und über die Landesgrenzen hinaus bekannt, wie etwa Deutsch-Weißkirch/Viscri. Andere stehen – obwohl Teil des UNESCO-Welterbes – mit ein paar Hundert Besuchern pro Jahr nahezu unbeachtet im Abseits, als Beispiel sei Wurmloch/Valea Viilor genannt. An allen jedoch nagt der Zahn der Zeit. Vor allem deswegen, weil die Zahl derer, die sie pflegen und mit Leben füllen könnten – die in Rumänien verbliebenen Siebenbürger Sachsen – vielerorts mittlerweile verschwindend gering ist. Um wenigstens einen Teil der fast 200 Kirchenburgen und Wehrkirchen, die sowohl in ihrer Architektur als auch in ihrem Umfeld weltweit einzigartig sind, vor dem endgültigen Verfall zu bewahren, hat sich die Evangelische Landeskirche A.B. Anfang 2013 einem ehrgeizigen Projekt verschrieben: Unter dem Slogan „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ sollen die kostbaren Gemäuer vor allem innerhalb Rumäniens, aber auch über die Grenzen hinaus, als touristische Ziele beworben und der breiten Öffentlichkeit ans Herz gelegt werden.

„Wir haben ein gewaltiges Kulturerbe“, leitet Projektkoordinator Dr. Stefan Cosoroabă die bereits zweite Pressekonferenz in Bukarest zum Thema „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ ein. „Was wir nicht haben, sind Leute“, fügt er knapp hinzu. Von den einst 250.000 Sachsen leben heute noch ca. 12.000 in Rumänien, die meisten davon in gesegnetem Alter. Die Situation sei kritisch: In manchen Dörfern steht nicht mal mehr ein Schlüsselhüter zur Verfügung. Zu weniger bekannten Kirchenburgen – etwa nach Meschen/Moşna – verirren sich kaum 200 Besucher im Jahr. Doch dies soll sich ändern. Als Positivbeispiel sei die Schwarze Kirche in Kronstadt/Braşov genannt, die mit Konzerten und speziellen Themenführungen fast 200.000 Touristen im Jahr anlockt und somit in der Lage ist, sich selbst zu erhalten. Um diesem Teil des Kulturerbes Rumäniens eine Stimme zu verleihen – vor allem eine, die auch über den Kreis der deutschen Minderheit hinaus trägt – konnte kürzlich der bekannte rumänische Sportreporter Cristian Ţopescu für das Amt des ehrenamtlichen Botschafters der Kirchenburgen begeistert werden (ADZ vom 7.9.2013: „Eine Stimme für das Kulturerbe“). Ehrenamtliche Koordinatorin und Mitinitiatorin des Projekts ist außerdem die Bankdirektorin Dr. Carmen Schuster, die selbst ein konkretes touristisches Unterfangen im Umfeld der Kirchenburg Kleinschenk/Cincşor umsetzt (siehe ADZ vom 18.3.2013: „Einmal Deutschland und zurück“).

Sächsische Kirchen stehen allen offen

Interessant an dem Projekt ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Stil. Typisch für die Evangelische Kirche ist die dezentralisierte Vorgehensweise: Entscheidungen zu konkreten Aktivitäten trifft nicht der Bischof, sondern die lokale Gemeinschaft. Ein interessanter „Bottom-Up-Ansatz“, in dem lokale Initiativen wie Puzzlesteine das Bild der gemeinsamen Vision auffüllen. Als Beispiele wurden genannt: Das bereits sehr bekannte Musikfestival „Muzica barcensis“ im Burzenland; das neue Burgmuseum in Frauendorf/Axente Sever, das schüchtern Besucher anzuziehen beginnt; die im August lancierte Smartphone-App mit einer Audioführung zum Wanderweg zwischen Seligstadt/Seliştat und Bekokten/Bărcuţ, mit Geschichte und spannenden Geschichten aus dem Gebiet. In Michelsberg/Cisnădioara wurden sogar „Fashion Days“ in der Kirchenburg veranstaltet. „Auch sowas geht, wenn ein gewisses kulturelles Niveau gewährleistet wird“, erklärt Stefan Cosoroabă. In Bistritz/Bistriţa, wo heuer das 450-jährige Weihe-Jubiläum der Kirche festlich begangen wurde, entpuppte sich vor allem der von Kirche und Bürgermeisteramt gemeinsam finanzierte Lift auf den höchsten Kirchturm Siebenbürgens als gelungene Attraktion; auch die dortige Unterzeichnung eines Kooperationsprotokolls zwischen den historischen Konfessionen Siebenbürgens verdient eine positive Erwähnung. In Probstdorf/Ştejărişu war die gesamte Dorfbevölkerung zum rustikalen Landfest in die Burg eingeladen.

Für Eibesdorf/Ighişu Nou wurde auf der Pressekonferenz anlässlich des bevorstehenden Tags des unbekannten europäischen Denkmals am 8. September mit Spezialführungen durch die Kirchenburg, Ausstellungen, Filmen und Life-Musik geworben. „Dies sind nur einige Beweise, dass sächsische Kirchen längst allen offen stehen“, weist Dr. Cosoroabă hin. Dass die Ideen damit nicht erschöpft sind, demonstrierte auch Kirchenburgbotschafter Ţopescu: Von Schachturnieren mit Kindern in den Mauern einer Burg bis zu Massen-Fahrradtouren und Musikevents unter medienwirksamer Einbindung bekannter Sportler, Stars und Künstler reicht die Palette. Großgeschrieben werden Selbstfinanzierung und Ehrenamt. „Wir halten nicht die Hand auf, weder bei der EU noch beim Staat“, betont Ţopescu, der gleichzeitig für die Abschaffung der Eintrittsgelder zu einzelnen Kirchenburgen plädiert. Statt dessen könne man für 50 Lei pro Jahr mit dem Kirchenburgpass jederzeit Zugang zu allen  Kirchenburgen erhalten und damit das Projekt unterstützen.

Synergieeffekt von nationaler Bedeutung

Wie stellt man sich in Träumen den Stand des Projektes in drei bis fünf Jahren vor? „Wir versagen, uns zu träumen, um nicht enttäuscht zu werden“, schmunzelt Stefan Cosoroabă und fährt dennoch bereitwillig fort: Eine Plattform an touristischen und kulturellen Aktivitäten wolle man schaffen, auf deren Basis mindestens 50 bis 60 Kirchenburgen – also etwa ein Drittel des aktuellen Bestands – der Anonymität entrissen und damit gerettet werden könnten. Darüber hinaus hoffe man, dass sich auch andere dem Markennamen „Entdecke die Seele Siebenbürgens“ anschließen, um gemeinsam die gesamte Kulturlandschaft Siebenbürgens zu erfassen, „so, wie auch wir bereit sind, uns anderen anzuschließen“.
Im Oktober ist daher ein gemeinsames Seminar mit verschiedenen Organisationen und Reiseveranstaltern in Siebenbürgen geplant. Im Fokus der Diskussion soll die Frage des Überlebens außerhalb der Touristensaison für Anbieter von Reise- und Kulturprogrammen stehen. Experten zufolge trägt sich ein Touristenziel erst ab 50.000 bis 80.000 Besuchern pro Jahr – unmöglich für einen einzelnen Veranstalter. Gemeinsam wolle man daher Angebote für die Wintersaison ausarbeiten.

Für Ende Oktober folgt eine Journalistenreise für Vertreter führender deutscher Mediengruppen, die Siebenbürgen in Deutschland bekannt machen sollen. Im Frühling 2014 sei ein Besuch von Reiseveranstaltern aus Deutschland geplant, die bisher nicht in Rumänien vertreten sind. Die Kirchenburgen zu promoten steht nicht nur im Interesse der Sachsen, sondern verspricht einen Synergieeffekt von nationalem Ausmaß, stellt Cosoroabă in Aussicht: „Wenn Deutsche kommen und zu Hause begeistert erzählen, was sie gesehen haben, dann kommen im nächsten Jahr mehr – und das Prestige Rumäniens wächst, nicht nur das der evangelischen Kirche...“ Am 8. September – dem „European Heritage Day“, dem Tag des Europäischen Kulturerbes, aber auch dem, wie Ţopescu extra betont, für die orthodoxe Gemeinschaft bedeutenden Marientag – läuteten um 15 Uhr in ganz Siebenbürgen und in Bukarest die Glocken von 170 evangelischen Kirchen und Wehrkirchen. Ihre vereinte Stimme schwoll zu einer gemeinsamen Botschaft an: Wir trotzen dem Verfall, wie früher den Türken und Tataren – doch diesmal nicht mit verbarrikadierten, sondern mit offenen Toren! Kommt herein und entdeckt unsere bewegte Geschichte, die Seele Siebenbürgens...

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Die Kirchenburgen im Internet

www.biserici.fortificate.com: Neben Informationen über Kirchenburgen und Wehrkirchen findet man hier Informationen zu Veranstaltungen, Unterkünften, Touristeninformationszentren, Filmen zum Thema und vieles mehr.

www.kirchenburgen.org: Seite der Leitstelle Kirchenburgen der Evangelischen Kirche AB, mit Informationen zu Restaurierungsprojekten und Events.

www.evang.ro: Auf der Seite der Evangelischen Kirche A.B. kann die Smartphone App zur Information über die Kirchenburgen Siebenbürgens heruntergeladen werden.

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