„Er bringt eine ganz andere Welt auf die Bühne“

Interview mit der Theater-Übersetzerin Eleonora Ringler-Pascu

Mittwoch, 09. April 2014

„Für die erste Fassung hatte ich nur drei Wochen Zeit.“ – Dr. Eleonora Ringler-Pascu Foto: Zoltán Pázmány

Er gehört zu den größten Schriftstellern Österreichs. Thomas Bernhard beeinflusste seit den 1960er Jahren bis zu seinem Tod und darüber hinaus Autoren aus dem deutschsprachigen Raum. Sein unverkennbarer Stil fand schnell Nachahmer und seine Bedeutung für die Gegenwartsliteratur erkennt man schon an dem immer wieder auftauchenden Kunstwort „bernhardesk“. In Rumänien bleibt Bernhard ein vernachlässigter Autor oder zumindest Dramatiker. Denn obwohl zahlreiche seiner Stücke inszeniert wurden, haben sich noch wenige Verlagshäuser darum bemüht, Bernhards dramatische Werke zu übersetzen und zu veröffentlichen. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Eleonora Ringler-Pascu fand es Schade und sah vor zwei Jahren die Gelegenheit, eines von Bernhards Theaterstücken angemessen zu übersetzen. BZ-Redakteur Robert Tari sprach mit ihr über ihre Arbeit an Thomas Bernhards „Immanuel Kant“.  

 

Thomas Bernhards „Immanuel Kant“ erstmals in einer rumänischen Übersetzung.

Ja, das kam als eine große Überraschung, überhaupt, weil das Ungarische Staatstheater das Stück vor zwei Jahren inszeniert hat und ich mich damals mit Daniela Magiaru darüber unterhielt und nebenbei die Frage aufkam, – ich stellte sie so naiv – ob es auch eine rumänische Fassung des Textes gebe, eben für das interessierte rumänische Publikum. Und dann folgte prompt die Überraschung sowohl für mich als auch für das Theater: Es gab wirklich keine rumänische Fassung von „Immanuel Kant“. Dann baten sie mich, das Stück zu übersetzen. Ich habe mit der Idee zuerst gebangt, weil ich Thomas Bernhards Stücke kenne und darum wusste, was für eine Herausforderung die Übersetzung eines seiner Texte ist. Aber ich liebe seine dramatischen Werke, weil sie eben in einer ganz besonderen Sprache geschrieben sind. Seine Texte sind sehr musikalisch und darauf muss man beim Übersetzen besonders achten. Schließlich willigte ich ein, das Stück ins Rumänische zu übersetzen, allerdings nur intern für die Theatervorstellung. Ich fand es allerdings Schade, dass es kein Veröffentlichung gab, weil der Text so schön und humorvoll, obwohl es im Grunde genommen eine Tragikkomödie ist. Wir stellten damals die rumänische Fassung in einer szenischen Lesung vor. Es lasen Studenten von der Schauspielschule und der positive Anklang bestärkte mich in der Idee, den Text weiter zu bearbeiten und ein Verlag dafür zu finden. Ich nahm dann für die Rechte Kontakt mit dem Suhrkamp Verlag auf. Und so ist der Text dann in dieser Form als Buch erschienen.

 

Ist es schwierig, Thomas Bernhard ins Rumänische zu übersetzen?

Bernhards dramatische Texte haben eine eigenwillige Struktur. Wenn man sich die gedruckte Fassung anschaut, erkennt man es sofort: Man meint, es wäre ein Gedicht. Er legt besonderen Wert auf Wiederholungen. Dahinter verbirgt sich ein Wortspiel, das er gekonnt einsetzt, um Dinge ins Lächerliche zu ziehen oder sie hervorzuheben. Das schafft einen gewissen Rhythmus, der schwer ins Rumänische umzusetzen ist. Außerdem verzichtet Bernhard auf Satzzeichen. Ich musste beim Übersetzen darauf achten, den Satzaufbau beizubehalten ohne aber gleichzeitig dafür den Sprachrhythmus zu opfern. Dieser ist für den rumänischen Zuschauer wichtig, der den Klang des Textes auf das aufs Papier geschriebene zurückführen kann. Letztendlich waren diejenigen, die sich den rumänischen Text durchgeschaut haben und nur Rumänisch können, von der Übersetzung beeindruckt und das hat mich sehr gefreut. Es ist sehr schwierig Thomas Bernhard zu übersetzen, aber es ist eine angenehme Herausforderung. Er bringt eine ganz andere Welt auf die Bühne, die man sonst nur an der Oberfläche sieht.

 

Wie lange haben Sie für die Übersetzung gebraucht?

Für die erste Fassung hatte ich nur drei Wochen Zeit. Viel zu wenig für so einen schweren Text und ich habe mir daran die Zähne ausgebissen. Ich arbeitete Tag und Nacht daran und musste dazwischen meinen sonstigen Tätigkeiten nachgehen. Danach ließ ich mir Zeit. Schließlich hat es zwei Jahre gedauert bis wir das Buch herausgeben konnten.

 

Bernhards „Immanuel Kant“ auf Rumänisch ist eine Premiere. Wurden andere Stücke des österreichischen Dramatikers bisher übersetzt und veröffentlicht?

Es gibt noch eine veröffentlichte Übersetzung von einem Thomas-Bernhard-Stück. Dan Stoica übersetzte für einen Verlag aus Jassy den „Theatermacher“. Das Stück erschien in einer Anthologie über das Österreichische Gegenwartstheater. Ich bin mit seiner Übersetzung nicht ganz einverstanden. Ich kenne den Originaltext sehr gut und mich störte an der Übersetzung schon der Titel: „Der Theatermacher“ wurde ins Rumänische als „F²c²torul de teatru“ übersetzt, weil Stoica von dem Verb „machen“ ausgegangen ist, was ich aber gar nicht dichterisch finde. Auch wenn Bernhard sehr bissig ist in seiner Art wie er schreibt und sehr vieles ins Lächerliche zieht, sollte man doch versuchen die Schönheit seiner Sprache zu erhalten. Aber auch viele Sachen am Text wurden nicht sehr elegant gelöst. Es gibt noch eine zweite Übersetzung von Bernhards „Theatermacher“, allerdings wurde sie nur für eine Inszenierung gemacht. „Teatrul Act“ aus Bukarest hat das Stück seit acht Jahren im Repertoire. Für das Haus übersetzte damals Victor Scor²de]i und er hat es sehr gut gemacht. Schon der Titel gefällt besser: „Creatorul de teatru“. Er hat auch das Musikalische und die Schönheit von Bernhards Sprache beibehalten. Bei Verlagen ist ansonsten nur Thomas Bernhards Prosa erschienen.

 

Jetzt, da Sie dieses Kapitel abschließen können, an welche dramatischen Texte möchten Sie sich als nächstes heranwagen?

Es gibt viele österreichische Gegenwartsautoren, die in Rumänien unbekannt bleiben. Ein Autor der mir am Herzen liegt, ist Wolfgang Bauer. Von dem Dramatiker wurde in Rumänien noch kein einziges Stück aufgeführt. Er ist der große Unbekannte. Und ich finde ihn auch sehr gut für die Bühne, weil er Komödien in der Tradition von Ödön von Horváth geschrieben oder der sogenannten Volkskomödie geschrieben hat, diese aber gleichzeitig in ein modernes Gewand gesteckt hat, die fast in die Richtung Krimistücke gehen. Das wäre auch für ein jüngeres Publikum faszinierend, wie er mit den verschiedenen Theaterformen spielt. Aber auch deutsche Dramatiker wie Botho Strauß sind in Rumänien noch unbekannt. Von ihm wurde nur ein Stück aufgeführt, nämlich „Der Park“, sowohl in Bukarest als auch in Temeswar. Er ist inzwischen einer der großen, legendären Gegenwartsdramatiker. In Rumänien bleibt er allerdings unbekannt.

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